Portugal bekommt die eskalierte Pandemie nur schwer in den Griff

Lissabon am Limit

Kaum einen Monat nach den Lockerungen an Weihnachten brachte die Covid-19-Pandemie Portugals Gesundheitssystem an den Rand des Kollapses. Dank des neuerlichen harten Lockdowns seit Mitte Januar sinkt die Zahl der Neuinfektionen mittlerweile deutlich.
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Seit Beginn des Jahres sind in Portugal mehr als 7 100 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben – mehr als im gesamten Jahr 2020; und noch immer kommen täglich über 200 dazu. Den Statistiken der Generaldirektion für Gesundheitswesen (DGS) zufolge starben seit Beginn der Pandemie 14 500 Menschen. Dabei hatte Portugal lange Zeit nied­rige Infektionszahlen.

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Inzwischen wurden in dem Staat mit knapp zehn Millionen Einwohnern etwa 750 000 Infektion mit Sars-CoV-2 registriert. Es gab Tage, an denen Portugal mehr Neuansteckungen und Todesopfer zählte als im benachbarten Spanien, dessen Bevölkerung mehr als viermal so groß ist. Die Siebentageinzidenz betrug Ende Januar fast 900 Fälle auf 100 000 Einwohner, in Lissabon lag sie gar bei 2 000. Das waren weltweit die höchsten Werte. Am 5. Februar lag Portugal europaweit mit 617 noch immer an der Spitze – vor Montenegro (537) und Tschechien (455), gemäß der Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Johns Hopkins University.

Metropolregionen wie die Hauptstadt Lissabon und ihr Einzugsgebiet, das Vale do Tejo, sowie Porto sind die am stärksten betroffenen Regionen. Das 2 500 Einwohner zählende Dorf Penedono im Norden des Landes erreichte eine Siebentageinzidenz von 7 400 (hochgerechnet auf fiktive 100 000 Einwohner), über zwölf Prozent der Bewohner wurden positiv getestet. Nur die abgelegene Azoren-­Insel São Jorge mit ihren 8 500 Einwohnern ver­meldet seit zwei Wochen keine Neuansteckungen. ­

Intensivstationen sind überlastet, bei einer landesweiten durchschnittlichen Auslastung von über 80 Prozent müssen Patienten in Krankenhäuser anderer ­Regionen überstellt werden. Längst übernehmen pensionierte Ärzte und Medizinstudenten wichtige Arbeiten in den Kliniken. Vor dem größten Universitätskrankenhaus des Landes, dem Hospital de Santa Maria in Lissabon, warteten zeitweise über 30 Krankenwagen samt Notfallpatienten vor der überlasteten Notaufnahme. In der Hauptstadt wurde ein Feldlazarett für über 100 Patienten errichtet, Covid-19-Patienten werden nach Porto und auf die Atlantik-Insel Madeira überstellt.

Die Bundeswehr entsandte ein 26köpfiges Ärzte- und Expertenteam, 50 Beatmungs- und 150 Infusions­geräte sowie Krankenbetten. Sie sollen Intensivpatienten in Lissabon betreuen.

Die Minderheitsregierung unter Ministerpräsident António Costa (Partido Socialista, PS) verhängte unmittelbar nach den Weihnachtsferien am 15. Januar Ausgangssperren und eine Beschränkung des öffentlichen Lebens auf das Allerwesentlichste: Homeoffice ist Pflicht, außer Haus darf man nur mit einem triftigen Grund. Die Maßnahmen seien zu spät gekommen, meinen Kritiker. »Wir wussten, dass es ein gravierender Fehler war, ›Weihnachten zu retten‹«, sagt Ricardo Mexia, der Vorsitzende des Nationalen Verbands der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitswesen (SNS), der spanischen Tageszeitung El País, »aber wir ahnten nicht, dass dieser Fehler so ­heftige Folgen zeitigen würde.«

Die Regierung von Ministerpräsident Costa räumte ihrerseits Fehler ein, wie eben die weihnachtlichen Lockerungen. Doch sieht man den Hauptgrund in der Ausbreitung der britischen Mutation von Sars-CoV-2, B.1.1.7 genannt. In der Tat war der Andrang von Kurzurlaubern groß, die mit Billigfliegern aus Großbritannien und anderen europäischen Staaten um Weihnachten und Neujahr nach Lissabon, Porto oder an die Algarve kamen. Landesweit soll diese deutlich ansteckendere und womöglich auch geringfügig tödlichere Mutation bereits für rund ein Fünftel der Fälle verantwortlich sein, im Großraum Lissabon sogar für fast die Hälfte.

Carlos Antunes von der Faculdade de Ciências der Universität von Lissabon betonte in der Tageszeitung I – informação, dass die strengen Maßnahmen bis zum Monatsende die Zahl der Neuinfektionen stark und die der täglichen Todesopfer auf unter 100 sinken lassen werden. Seit dem Höchststand am 28. Januar mit 16 432 Neuansteckungen an einem Tag sinken die Zahlen rasant, am 7. Februar waren es nur noch 3 508. »Wir waren unter den besten im Pandemie-Management der ›ersten Welle‹ und unter den schlechtesten in der ›dritten‹«, sagt der Virologe Pedro Simas von der Universität Lissabon der Nachrichtenagentur Lusa: »Aber der jetzige umfassende Lockdown wird von der Bevölkerung akzeptiert, und wir sehen eine sehr rasche Eindämmung. Ohne soziale Kontakte kann sich das Virus nicht verbreiten.«
Angesichts der desaströsen Lage bat Gesundheitsministerin Marta Temido (parteilos) andere europäische Länder um Hilfe. Auf Geheiß der Bundes­regierung entsandte die Bundeswehr ein 26köpfiges Ärzte- und Expertenteam, 50 Beatmungs- und 150 Infusionsgeräte sowie Krankenbetten. Nun soll das Team zunächst bis Anfang März auf Weisung des Nationalen Gesundheitsdienstes SNS Covid-19-Intensivpatienten im privaten Hospital da Luz von Lissabon betreuen.

Dass die sogenannte dritte Welle in Portugal und Spanien so unterschiedlich verläuft, wirft Fragen auf. Beide Länder hatten die Maßnahmen zur ­Bekämpfung der Pandemie zu Weihnachten und Silvester in ähnlichem Maße gelockert. Familientreffen waren in beiden Ländern erlaubt, auch gab es Reisefreiheit zwischen Regionen, Gemeinden und Provinzen und sowohl in Spanien als auch in Portugal hatte man die Dauer der nächtlichen Ausgangssperren um ein paar Stunden verkürzt. Auch weisen beide Länder ein durch die heftigen Einsparungen ­infolge der Finanz- und Eurokrise geschwächtes öffentliches Gesundheitssystem auf.

Im Mangel an Personal sieht Manuela Varela, die Vizepräsidentin der Gesellschaft für Intensivmedizin, den Grund dafür, dass Portugal von der Pandemie überrollt wurde: »Krankenhäuser haben die Zahl der Intensivbetten verdoppelt und teils verdreifacht, viele davon sind reine Improvisation. Die Belegschaft wurde aber nicht aufgestockt.« Durch Krankheitsfälle sank die Zahl der Ärzte und Pfleger noch weiter. Von landesweit etwa 1 200 Intensivbetten waren Ende der vergangenen Woche 904 ­belegt, Tendenz steigend. Ein weiterer Umstand gibt nicht nur Experten zu denken: Von den etwa 50 000 portugiesischen Ärzten haben sich bereits über 23 000 infiziert.