Die Neuauflage von Leo Löwenthals »Falsche Propheten«

Vermeintlich ehrlich

Wie faschistische Agitation funktioniert, analysierte Leo Löwenthal in seinem 1949 erstmals ­erschienenen Buch »Falsche Propheten«. Dessen Neuauflage ruft in Erinnerung, wie begriffslos ­heutzutage oft über rechte Verschwörungstheorien diskutiert wird.

Die Anziehungskraft und der Mobilisierungserfolg rechter Verschwörungstheorien geben Rätsel auf. Rücken die von der Sozialdemokratie Enttäuschten nach rechts? Zeigt sich ein verdrängter Klassenkonflikt? Ist es die Verrohung der Öffentlichkeit? Oder ist es ein Aufbegehren gegen die gefühlte Unsicherheit in der Moderne, gegen Abstiegsängste und Souveränitätsverlust? Solche Diagnosen liefern zwar Deutungsansätze, aber keine Erklärung. Sie haben keine Begriffe für die gesellschaftlichen Grundlagen der Verfallserscheinungen des Liberalismus und seiner politischen Verkehrsformen.

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Das wiederum ist die Antwort darauf, »warum eine trockene, schonungslose Kritik der Mechanismen rechter Agitation in der Gegenwart vielfach so schwer fällt«. Diese Frage stellt Carolin Emcke in ihrem Nachwort zur Neuauflage von Leo Löwenthals Buch »Falsche Propheten. Stu­dien zur faschistischen Agitation«. Löwenthal, so ihre Einschätzung, sei so aktuell, weil er »uns jene Begriffe und Methoden schenkt, mit denen sich diese düsteren Zeiten besser und genauer verstehen lassen«.

Der eigentliche Gehalt von Löwenthals Studien besteht darin, mit dem Begriff Autoritarismus die Gesamtheit gesellschaftlicher Phänomene konkret zu erfassen.

Tatsächlich ist Löwenthals Unter­suchung der Struktur faschistischer Propaganda nach wie vor bemerkenswert, auch wenn sie bereits 1949 als abschließender Beitrag zu den vom exilierten Institut für Sozialforschung herausgegebenen »Studies in Prejudice« erschien. Die Studie analysiert Reden von US-amerikanischen Agitatoren seiner Zeit und klärt umfassend über die spezifische poli­tische Nutzbarmachung der, wie man heutzutage sagen würde, Ängste und Sorgen der Menschen auf, zeigt Mechanismen und Motive der Agi­tation. Aber vor allem, und das ganz im Gegensatz zur gegenwärtigen Auseinandersetzung, findet er zu deren Erklärung einen gesellschaftstheoretischen Begriff: das Unbehagen.

Auf den ersten Blick scheint der Begriff wenig konkreter als etwa Unsicherheit oder Abstiegsangst. Aber Löwenthal kann mit ihm Regression als Ausdruck konkreter gesellschaft­licher Verhältnisse begreifbar machen. Unbehagen bezeichnet die – Sigmund Freud entlehnte – »Gefühlsambivalenz« eines freien Individuums, das, um Individuum zu sein, zugleich seine Triebe unterdrücken muss. Es ist, so Löwenthal, der »Grundzustand des modernen Lebens: der Malaise, des Unbehagens«, der mit dem Fortschreiten der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu immer schärferen Widersprüchen führt.

Diesen Zustand nutzt die Agitation, indem sie die aus ihm erwachsenden Gefühle von Misstrauen, Angst und Deprivation artikuliert, aber genau so weit im Ungewissen belässt, dass sie ausbeutbar werden. Anders als der Liberalismus, der diese Gefühle als irrational abtut und den Widerspruch mit dem Verweis auf die Idee von Freiheit und Gleichheit überdeckt, ist die faschistische Agitation vermeintlich ehrlich. Sie holt die Menschen dort ab, wo sie stehen, wie man heute sagen würde; sie benennt die Konflikte und das Leiden. Aber »statt sie als Symptome eines üblen Zustands aufzudecken, behandelt der Agitator die stereotypen Äußerungen des Unbehagens als ein legitimes Bedürfnis« und affirmiert dieses.

Solche Äußerungen drücken beispielsweise das Gefühl aus, betrogen worden zu sein, weil die gesellschaft­lichen Versprechen anderes verhießen, oder das Empfinden, zum Verlierer geworden zu sein, weil die Profiteure sich zusammengetan haben zu einer Verschwörung, die sie mit liberalen Ideen und Institutionen lediglich bemänteln. Die ständige Beschwörung solcher Paranoia stachelt die Aggression an, die wiederum kanalisiert und umgelenkt werden kann. Die Aggression wird gegen übermächtige Feinde geschürt, »kommunistischen Agenten« der Weltverschwörung, Banker und Bonzen, gegen den korrupten Staat und seine »Elite«. Aber ausgelebt wird sie an hilflosen Feinden: den unanständigen Kriminellen, die in den Knast gehören, den degenerierten Perversen, denen man die Todesstrafe wünscht, oder allgemein an den »Parasiten«. Die »Umwandlung des Feindes vom gefährlichen Verfolger zum verfolgten Opfer« kompensiert die eigene Schwäche und bildet das Grundmuster der komplexen Feindkonstruktion im Antisemitismus, bei dem man sich, so Löwenthal, vom Juden verfolgt fühlt und deren Verfolgung deshalb als einen »Akt der Notwehr« verklärt.

Wenn das Unbehagen auf den Feind gelenkt ist, entsteht daraus die Bereitschaft, sich der Führung anzuvertrauen und sich diffusen Beschwörungen eines Kampfs zwischen unversöhnlichen Kräften hinzugeben. Diese Massenwirkung funktioniert über den Hass und die Abscheu gegen das aufs Konkrete projizierte Unbehagen. Jede Reflexion der Absur­dität dieser Projektion wird dabei unterbunden durch ständige Alarm­bereitschaft und die Diskreditierung von Intellektualität als Betrug am ehrlichen, einfachen Menschen. Dermaßen von eigenständiger geistiger Tätigkeit abgeschnitten, bleibt der Anhänger »der enttäuschte, missbrauchte Unterlegene, dem der Agitator nichts anderes zu bieten hat als die nutzlose Mobilisierung seiner Aggressionsimpulse gegen den Feind«, um damit »das Publikum zur autoritären Disziplin zu erziehen«.

Der Agitator selbst muss für diese Bearbeitung kein teuflischer Trickser oder Verführer sein; seine Anziehungskraft beruht auf den bestehenden Ressentiments, die er nur ab­zurufen braucht. Er biedert sich als Vergrößerung des narzisstischen Massen-Ichs an, als der »große, kleine Mann«, der »viel lieber Golf spielen würde«. Seine Machtbasis ist folglich der kaputte Zustand der Individuen: »Er terrorisiert sie mit der Vorstellung zahlloser gefährlicher Feinde und erniedrigt die ohnehin beschädigten Individualitäten zu Kreaturen, die nur noch reaktiven Verhaltens fähig sind. Er bietet ihnen Trost für ihr Unbehagen und wird zum externen Ersatz für ihre nicht integrierte Individualität.«

Statt Befreiung gibt es mehr Abhängigkeit. Deren Widerspruch zur Freiheit ist der eigentliche Ursprung des Unbehagens, das sich der Agitator für den Machtgewinn zunutze macht. Als Erlösung aus dem gesellschaft­li­chen Elend erscheint daher die Selbstzerstörung des freien Individuums, als Rache an der falschen Welt, die seinem Leiden zugleich einen hö­heren Sinn suggeriert. Real bedeutet diese Selbstindividuierung aber nur »die bedingungslose Unterwerfung unter die bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse«. Mit diesem Schluss Löwenthals wird deutlich, wie auch Theodor W. Adorno hervorhob, dass die faschistische Propaganda eine »strukturelle Einheit« bilde, eine »Gesamtkonzep­tion, die jedes Wort, das gesprochen wird, bestimmt«. Diese Einheit ist das Autoritäre.

Der eigentliche Gehalt von Löwen­thals Studien besteht darin, mit dem Begriff Autoritarismus die Gesamtheit gesellschaftlicher Phänomene konkret zu erfassen. Seine Würdigung als »Klassiker der politischen Psychologie«, wie es der Verlag ankündigt, geht daran vorbei und verkennt den Arbeitszusammenhang des Instituts für Sozialforschung, dem Löwenthal angehörte. Wie Adorno etwa in den jüngst von Eva-Maria Ziege herausgegebenen »Bemerkungen zu ›The Authoritarian Persona­lity‹« zweifelsfrei zu verstehen gab, ging es dabei nie um eine psycholo­gische Theorie, sondern, wie er an anderer Stelle sagte, um »eine über den Bereich der Psychologie weit hinausreichende entfaltete Theorie der Gesellschaft«.

Unterschlägt man diesen Anspruch, ist man sehr leicht geneigt, in Löwenthals Analyse einfach eine Sammlung von Instrumenten, Methoden und Begriffen zur Aufklärung der Gegenwart zu sehen. Zweifellos weckt »Falsche Propheten« viele Assoziationen beispielsweise zu Donald Trump und dem Qanon-Kult und erzählt dabei scheinbar allzu Bekanntes. Aber Löwenthals Theorie des Autoritarismus liefert keine Formel, die einfach auf die Gegenwart übertragbar wäre.

Emckes Nachwort deutet daher zu Recht den »Auftrag an uns Nachgeborene« an, »die gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen Bedingungen dieser begründeten Verunsicherung in unserer eigenen Zeit dingfest zu machen«. Aber sie meint damit kaum mehr, als »Bruchstellen demokratischer Repräsentation« zu diagnostizieren und die res publica bedroht zu sehen, als gäbe es einen ungebrochenen Zustand liberaler Demokratie. Diese liberale Hoffnung darauf, dass es sich nur um Defekte in der Verwirklichung eines Ideals handelt, hatten bereits Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« als jene »Ohnmacht« beschrieben, die »den Feind der Ohnmacht anzieht« und damit Anteil an der Regression hat.

Löwenthal erinnert daran, dass dieser Zusammenhang zu begreifen wäre, und zwar als Gesellschaftstheorie. Aber nicht als abstrakte Bestimmung einer regressiven Moderne oder als Entwicklungsstufe der Demokratie, sondern so konkret, wie es nur geht, historisch-spezifisch, direkt am Material entwickelt, so dass die Theorie ihre Gültigkeit aus der Objektivität gesellschaftlicher Verhält­nisse gewinnt. Das ist es, was heutzutage so schlagend, gar theoretisch überlegen wirkt und was sich weder als Klassiker musealisieren noch einfach aktualisieren lässt.

Leo Löwenthal: Falsche Propheten. ­Studien zur faschistischen Agitation. Aus dem ­Englischen von Susanne Hoppmann-­Löwenthal. Mit einem Nachwort von ­Carolin Emcke. Suhrkamp, Berlin 2021, 253 Seiten, 15 Euro