Battling Siki war der erste Boxweltmeister afrikanischer Herkunft

»Keine Freiheit hier«

Battling Siki wurde 1922 als erster Afrikaner Boxweltmeister. Sein kurzes Leben führte ihn vom Senegal über Frankreich in die USA.

Berlin, 25. Januar 1921: Im Admiralspalast in der Friedrichstraße findet ein Boxkampf statt. Battling Siki aus Frankreich wird erwartet. Das ist sein Kampfname, eigentlich heißt er Amadou M’Barick Fall, geboren 1897 in Saint-Louis, Senegal, das damals zu Französisch-Westafrika gehörte. Siki ist zu diesem Zeitpunkt noch kein berühmter Boxer, erst anderthalb Jahre später wird er Weltmeister. Sein deutscher Gegner, Hans Breitensträter, der »blonde Hans«, ist deutscher Meister im Schwergewicht.

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Veranstaltungsorte wie der Admiralspalast sorgten damals dafür, dass Berufsboxen, ein erst durch die ­Novemberrevolution legal gewordener Sport, populär wurde. Über Breitensträter schrieb die Weltbühne: »Hans ist ein Boxermärchen.«

Und da kam Battling Siki. Das Berliner Tageblatt veröffentlichte in seiner Beilage rassistische Karikaturen und nannte den Umstand, dass ein afrikanischer Boxer sich auf Augenhöhe mit dem blonden Hans messen wollte, sarkastisch »Kulturfortschritte«. Das erst ein Jahr zuvor gegründete Fachblatt Boxsport schaute sich wenigstens an, was Siki im Ring vermochte. Er zeige »nicht nur der Menge, sondern auch den Boxern neue technische Offenbarungen«, hieß es in einem Vorbericht. Dazu gehörten »hier noch vollkommen unbekannte Angriffsarten, Paraden, Finten, Deckungen und Stilverschiedenheiten, die hoffentlich recht segensreiche Spuren unter unseren Kämpfern hinterlassen«. Doch das fachliche Lob und die unverkenn­bare Hoffnung, dass ausländische Klasseboxer wie Siki dem noch ­unterentwickelten deutschen Profiboxen helfen könnten, kam nicht ohne Rassismus aus: Siki stehe für eine »Echtheit, wie sie nur einem prädestinierten Boxer eigen sein kann, einem Kämpfer mit entweder hohen intellektuellen Mitteln oder eben ­einem Neger mit hohem Kämpfer­instinkt«. Siki gewann nach Punkten.

»Ich kam in den Ring mit der Absicht, zu Boden zu gehen, wie man es mir gesagt hatte«, sagte Siki nach dem Kampf. Doch zwischendurch seien ihm Zweifel gekommen, ob das so richtig wäre.

Er war so etwas gewohnt. Als Elfjähriger war er 1908 aus dem Senegal nach Marseille gekommen, hatte sich als Hausdiener und in Vergnügungsparks durchgeschlagen. 1909 fing er mit dem Boxen an, 1912 wurde er Berufsboxer, für seinen ersten Profikampf erhielt er dreieinhalb Franc Börse. 1914 zog er für Frankreich in den Krieg. Er diente als Gefreiter in einem Kolonialregiment, das unglaublich hohe Verlustzahlen erlitt, aber er überlebte und erhielt sogar das Croix de guerre und die Médaille militaire. Zurück in Frankreich nahm er das Berufsboxen wieder auf. 1920 absolvierte er 15 Kämpfe, 1921 waren es 14.

Im September 1922 trat er gegen Georges Carpentier an. Der war noch viel mehr als ein französischer Breitensträter: französischer Meister, Europameister, Weltmeister im Halbschwergewicht, zudem einziger Weltmeister aus einem nicht englischsprachigen Land – ein Nationalheld. Als Carpentier im September 1922 erstmals nach zweieinhalb Jahren wieder in Frankreich antrat, kamen über 50 000 Zuschauer. Als Gegner hatte Carpentiers Management Siki ausgewählt, dem es offenbar nichts zutraute und klar bedeutete, dass er nicht zu gewinnen habe.

»Ich kam in den Ring mit der Absicht, zu Boden zu gehen, wie man es mir gesagt hatte«, sagte Siki nach dem Kampf. Doch zwischendurch seien ihm Zweifel gekommen, ob das so richtig wäre. Der freundliche Mann, der in seiner Ecke als Sekundant aushalf, hatte ihm gesagt: »Heute ist deine Chance, Weltmeister zu werden.« Siki kämpfte, Carpentier blaffte ihn zwischen durch an: »Bastard, Bastard! Geh endlich runter!« Sikis Manager brüllte ihn an: »Benimmst du dich wie ein Idiot? Hast du vergessen, was vereinbart war?« Aber Siki schlug Carpentier in der sechsten Runde k. o.

Der Ringrichter rief allerdings: »Siki ist disqualifiziert! Der Sieger: Carpentier!« Das Publikum vergaß daraufhin seine anfänglichen Sympathien für Carpentier und protestierte lautstark. Das Kampfgericht kam noch einmal zusammen, vielleicht auch weil dieser Boxabend als erster in Frankreich von Filmkameras aufgezeichnet wurde. Nach kurzer Beratung verkündeten die Kampfrichter, dass doch Siki gewonnen habe: französischer Meister, Europameister, Weltmeister!

Siki feierte, im drei Quadratmeter kleinen Büro seines Managers drängten sich 13 Leute mit Zigarren und Champagner. Siki entwickelte einen exzentrischen Lebensstil, unter anderem ging er gern mit einem jungen Löwen an der Leine durch Paris spazieren.

Doch weitere Kämpfe, als Weltmeister gegen US-amerikanische Klasseboxer, kamen nicht zustande. Denn der französische Boxverband FFB hatte sich auf Beschwerde Carpentiers beraten und im November 1922 verkündet: »Battling Siki, Champion von Frankreich, Europa und der Welt, ist keine Ehre seines Berufsstandes.« Der französische und der europäische ­Titel wurden Siki wieder aberkannt, für die Weltmeisterschaft war der FFB nicht zuständig. Zudem war Siki in mehreren fürs Profiboxen wichtigen Ländern gesperrt: England und die damals wie ein Weltverband agierende New York Boxing Commission lehnten eine Lizenz für ihn ab. Sogar das französische Parlament beschäftigte sich mit der »Affäre Siki«; Blaise Diagne, der Repräsentant Senegals, setzte sich für ihn ein – erfolglos.

Einzig der im Dezember 1922 ­ausgerufene Irische Freistaat, ein Vorläufer der Republik Irland, zeigte sich bereit, durch die Ausrichtung eines WM-Kampfs seine im Bürgerkrieg frisch errungene Unabhängigkeit zu demonstrieren – »vielleicht der einzige Ort, wo ein schwarzer Champion seinen Titel verteidigen konnte«, schreibt der Journalist Vince Raison. Und mit Mike McTigue wartete ein irisch-amerikanischer ­Boxer darauf, sich den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht zu erkämpfen. Ende Dezember fand in einem Dubliner Konzertsaal der Kampf statt, draußen tobten Straßenkämpfe.

McTigue gewann nach Punkten und wurde Weltmeister. Ganz un­umstritten war das Ergebnis nicht, die Irish Times sah in Siki den Sieger. Der sagte später: »Die irischen Soldaten hatten mir gesagt, wenn ich Monsieur McTigue verletzte, würden sie auf mich schießen. Ich wollte nicht erschossen werden. Ich habe im Krieg genügend Schießereien gesehen.«

Den WM-Titel war er los, in Europa hielt Siki nicht mehr viel. Er ging in die USA, um sich dort eine Boxlizenz zu beschaffen. Doch an gute Kämpfe kam er nicht heran. »Ihr habt hier eine Statue in New York. Liberty nennt ihr sie – hah«, sagte er einer afroamerikanischen Zeitung aus ­Chicago. »Das bedeutet nichts. Keine Freiheit hier – nein, nein, nein – nicht für dich und mich.«

Auch die etablierte Fachpresse, etwa The Ring, herausgegeben von Nat Fleischer und keinesfalls im Ruf ­stehend, etwas gegen schwarze Boxer zu haben, begegnete ihm distanziert bis rassistisch. Fleischer nannte Siki beispielsweise den »boxenden King Kong aus Paris« und mutmaßte, er sei »vielleicht nur zur Hälfte menschlich«. So präsentierte ihn auch sein US-Manager Robert Levy: Siki sei irgendwie halb Mensch, halb Tier. Das hatte Folgen. »Einmal wurde ich einem Mann als Battling Siki vor­gestellt. Er lachte und sagte: ›Du bist nicht Battling Siki.‹ Ich fragte ihn, warum er das glaube, und er sagte: ›Warum hast du keine Ringe in ­deinen Ohren und deiner Nase?‹«

Im Privaten lief es besser: Siki heiratete Lilian Warner, eine weiße US-Amerikanerin aus Memphis, Tennessee. Allerdings hatte er Berichten zufolge schon in den Niederlanden geheiratet. Auf jeden Fall hatte er mit Lijntje van Appeltere – einer weißen Holländerin aus reichem Hause, ihr Großonkel soll der Utrechter Bürgermeister Baron Walraven Robbert van Heeckeren van Brandsenburg gewesen sein – einen gemeinsamen Sohn, Louis. Reporter fragten van Appeltere, was sie über die Hochzeit mit Warner denke; sie zeigte auf ­ihren Sohn Louis und sagte: »Das ist die einzige Heiratsurkunde, die ich benötige.«

Mit Warner lebte Siki im New Yorker Stadtbezirk Harlem. Am 15. Dezember 1925 zog Siki durch New Yorker Bars. Ein Polizist, den er kannte und mochte, traf ihn betrunken auf der Straße an. Für eine Taxifahrt hatte Siki nicht mehr genügend Geld. Einige Stunden später wurde Battling Siki erschossen aufgefunden, ungefähr an der Stelle, an der er sich von dem Polizisten verabschiedet hatte. Er hatte zwei Schüsse in den Rücken erhalten, abgegeben aus nächster Nähe.

Sikis Frau vermutete sofort, ein gewisser Jimmy, der ihnen noch 20 Dollar schuldete, müsse der Täter sein. Dieser Jimmy wurde nie gefunden. Mehr deutete auf einen Auftragsmord der Mafia hin. Doch ein Mann, der in diesem Zusammenhang festgenommen wurde, kam bald wieder frei. Die Mafia kontrollierte damals das Boxgeschäft in den USA, und einer wie Siki, der unbedingt die New Yorker Boxlizenz benötigte, war leicht zu erpressen.

Den letzten Kampf seiner Karriere, am 13. November 1925 in Baltimore gegen Lee Anderson, hatte Siki zwar verloren, aber er hatte sehr gut gekämpft. »Auch wenn Siki sie nicht um ihr Geld gebracht hat, könnten sie verärgert gewesen sein, dass er es versucht hat«, spekuliert Sikis Biograph Peter Benson über mögliche Motive der Mafia. Der Mord wurde nie aufgeklärt.

Die Witwe wünschte sich ein christliches Begräbnis für ihren ermordeten Mann, obwohl er Muslim gewesen war. Etwa 500 Menschen kamen zur Beerdigung im New Yorker Stadtteil Queens. 1992 wurde Sikis Leichnam in den Senegal überführt, wo der erste afrikanische Boxweltmeister nach muslimischem Brauch bestattet wurde.

Seine drei Kämpfe in Deutschland, zwei in Berlin, einen in Hamburg, hatte Battling Siki 1921 gewonnen. Und Hans Breitensträter hatte er die Nase gebrochen.