Im Gespräch mit dem Oppositionellen Thaw Zin über die Proteste gegen den Militärputsch in Myanmar

»Die Soldaten handeln wie Terroristen«

Die Machtübernahme der Generäle beendete am 1. Februar den Demokratisierungsprozess in Myanmar - vorläufig, denn trotz Dutzender Todesopfer gehen die Demonstrationen weiter. Zu den Aktivisten gehört Thaw Zin, Besitzer eines kleinen Restaurants und einer Beratungsagentur im Bildungsbereich.
Interview Von

Der 3. März war der bislang blutigste Tag in Myanmar seit dem Militärputsch am 1. Februar, Medien berichten von mindestens 30 Toten. Wie ist die Situation und wie ist die Stimmung am Tag danach in Yangon?

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Das Militär beherrscht Myanmar seit 1962, unterbrochen nur von den letzten zehn Jahren einer zivilen Regierung. Es ist jetzt das sechste Mal seit 1962, dass die Bevölkerung auf die Straße geht und ein Ende der Militärherrschaft fordert. Anders als bei den vorangegangen Aufständen und Revolutionen gibt es heute Facebook und damit die Möglichkeit, Informationen und Videos schnell zu teilen. Am 3. März konnte ich per Livestream verfolgen, wie das Militär in einem anderen Teil der Stadt in wenigen Minuten Dutzende Menschen erschossen hat. Angst, Wut, Verzweiflung, Trauer und auch Hoffnungslosigkeit sind die unmittelbare Folge dieser schockierenden Brutalität. Ich teile diese Gefühle mit vielen anderen Menschen und sie werden durch die Unmittelbarkeit von Facebook-Livestreams noch verstärkt.

»Wenn westliche Länder etwas bewirken wollen, müssen sie mit China verhandeln. Das ist zwar traurig, aber es ist nun mal so, dass China faktisch die Entscheidungs­macht hat.«

Sie fürchten, dass die Proteste trotz der unzensierten Verbreitung der Bilder von Militärgewalt ebenso niedergeschlagen werden wie die Aufstände der vergangenen Jahrzehnte?

Ja. Sie kennen sicher die Redewendung »Aller guten Dinge sind drei«, aber in Myanmar ist es wie gesagt nun schon der sechste Aufstand. Wie oft müssen wir es noch probieren, wie viele Menschen ihr Leben verlieren? Letztlich ist Myanmar ein stark buddhistisch geprägtes Land, wir glauben an Gewaltfreiheit, natürlich mit Ausnahme des Militärs, das an rohe Gewalt glaubt. In meiner Stadt Yangon gibt es fünf Millionen Einwohner, aber es sind nur schätzungsweise 2 000 Soldaten auf der Straße. Es ist beängstigend zu sehen, wie viel Angst und Schrecken diese kleine Gruppe in dieser großen Stadt verbreiten kann. Deshalb sprechen wir hier auch nicht vom Militär, sondern von einer terroristischen Organisation. Die Soldaten handeln wie Terroristen, eine kleine Gruppe terrorisiert eine Millionenstadt und das ganze Land.

Wie wird das Internet genutzt, um die Proteste zu organisieren? Ist es überhaupt noch möglich, das Internet frei zu nutzen?

Derzeit gibt es von ein Uhr nachts bis neun Uhr morgens einen Internet-Blackout, in dieser Zeit kann nichts genutzt werden. Und seit dem Putsch werden Facebook, Twitter, Instagram, YouTube und bezeichnenderweise auch Wikipedia blockiert. Warum Wikipe­dia? Weil Menschen in Einträgen zu Myanmar den Militärrat als ­illegitime terroristische Organisation bezeichnen.

Dank VPN-Diensten ist es aber möglich, Internetsperren zu umgehen. Für viele Menschen in Myanmar ist Internet gleichbedeutend mit Facebook, es dient als zentrale Nachrichtenquelle und Kommunikationsplattform. Und wie das Militär Überwachungskameras nutzt, um Proteste zu entdecken und zu überwachen, so nutzt die Bevölkerung Facebook, um das Militär zu überwachen. Jeden Tag gibt es Hunderte von Livestreams, man kann sehen, wo Truppen sind, wohin sie sich bewegen, und man weiß dadurch, wo man beispielsweise Verteidigungsposten aufbauen muss.

Bei Aufständen in anderen Ländern, etwa im Iran oder während des »arabischen Frühlings«, dienten soziale Medien auch dazu, mit dem Rest der Welt zu kommunizieren und so Aufmerksamkeit und Solidarität zu erzeugen. Der Aufstand in Myanmar findet aber vergleichsweise wenig Widerhall.

Es gibt eine große arabische Diaspora und die Idee des Panarabismus, während Menschen in Kambodscha, Singapur oder Vietnam sich eher nicht dafür interessieren, was in Myanmar geschieht. Aber die Menschen hier bemühen sich nach Kräften. Viele wussten vor kurzem noch gar nicht, was Twitter ist, nun haben viele Accounts angelegt, weil man via Twitter internationale Journalisten direkt taggen und erreichen kann. Auch ich bin sehr aktiv und riskiere täglich mein Leben, wenn ich mit Journalisten in aller Welt rede.

International verbinden viele Menschen am ehesten den Dreifingergruß mit Myanmar, weil er als popkultureller Bezug auf die »Tribute von Panem« gedeutet wird.
Ich kenne weder die Bücher noch die Filme, aber inzwischen ist die Geste zum Symbol des Widerstands gegen Diktatur und Autokratie in Südostasien geworden, auch beispielsweise Vietnamesen nutzen sie. Mit ihr soll auch eine die Region übergreifende Solidarität ausgedrückt und erzeugt werden.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für den jüngsten Putsch?

Der derzeitige Diktator beziehungsweise Terroristenführer Min Aung Hlaing ist ein Hardliner, der tatsächlich davon überzeugt ist, dass das Militär eine entscheidende Rolle in der ­Politik spielen muss. Zudem ist er sehr ambitioniert, müsste aber gemäß Verfassung nächstes Jahr aus Altersgründen abtreten. Die zivile Regierung unter Aung San Suu Kyi hätte ihn dann durch jemanden ersetzen können, der nicht an die dominante Rolle des Militärs glaubt.

Sie beschreiben das Militär als Minderheit, dennoch hat es seit 1962 fast durchgehend die Macht. Wer unterstützt das Militär und den Putsch?

Auch im Militär unterstützen nicht alle den Putsch, es gibt dort die gleiche Spaltung in Unterstützer und Gegner wie in allen Bereichen der Gesellschaft. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass 90 Prozent der Bevölkerung den Putsch nicht unterstützen. Für die Unterstützung des Putschs gibt es verschiedene Gründe, etwa wirtschaftliche Ängste und Interessen, denn das Militär hält sich nicht an rechtsstaatliche Prinzipien und kann jederzeit in dein Haus eindringen, dich töten oder enteignen. Auch manche einfachen Leute unterstützen das Militär, weil sie gehirngewaschen sind oder ethnische Minderheiten hassen und an die Vorherrschaft der bamarischen Ethnie glauben (die Bamar sind mit etwa 69 Prozent die größte ethnische Gruppe in Myanmar, Anm. d. Red.). Das Mi­litär wird von Bamaren dominiert, es gibt aber in Myanmar noch über 130 andere Ethnien.

In den vergangenen Jahren war Myanmar vor allem wegen der blutigen Verfolgung der Rohingya, einer muslimischen Bevölkerungsgruppe, in den internationalen Schlagzeilen. Auch Aung San Suu Kyi hat diese Gewalt nicht verurteilt. Wird die Verfolgung ethnischer Minderheiten in der Aufstandsbewegung diskutiert?

Vielen Menschen in Myanmar wurde zeitlebens erzählt, dass ethnische Minderheiten ihr Land zerstören wollen, dass es sich um Rebellen handelt. Die jetzige Situation ist meiner Meinung nach ein großer Wendepunkt für das Sozialgefüge des Landes. Zuvor haben es viele Menschen einfach nicht geglaubt, wenn sie von der Brutalität des Militärs gehört haben, von Massenmord und Vergewaltigungen. Für viele sind die vorangegangen Aufstände im Land nicht Teil ihrer eigenen Erfahrung, aber jetzt sehen sie Bilder von Menschen, die auf offener Straße umgebracht werden. Sie erkennen, dass das Militär tatsächlich zu den Gräueltaten im Stande ist, von denen die Rohingya berichtet haben, und dass es nun sie selbst trifft. Besonders junge Menschen bereuen es, dass sie die Rohingya und andere ethnische Minderheiten, die seit Jahrzehnten vom Militär terrorisiert werden, nicht unterstützt haben. Selbst wenn das Militär diesmal noch gewinnt, werden die Menschen fortan geeinter und eher bereit sein, auch die eigene Vergangenheit kritisch zu betrachten.

Welche Rolle spielen andere Länder, insbesondere China, für die weitere Entwicklung in Myanmar?

Seit dem ersten Tag der Proteste haben Menschen vor der chinesischen Botschaft demonstriert und gefordert, dass China den Willen der Bevölkerung Myanmars respektiert. Aber ich bin hier skeptisch. China unterstützt keine Aufstände im Ausland, um damit nicht Aufstände im eigenen Land zu legitimieren, und wird höchstens intervenieren, wenn es denkt, dass die Militärherrscher in Myanmar die wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen Chinas gefährden. Und man könnte das durchaus so sehen, denn obwohl das myanmarische Militär in meinen Augen eine Marionette Chinas ist, heißt das nicht, dass es alles macht, was China möchte. Es gibt auch viel antichinesisches Ressentiment im Militär und allgemein unter Bamaren. China hat in Myanmar milliardenschwere Investitionen, und wenn das Militär das Land nicht stabil regieren kann, kommt die chinesische Regierung vielleicht zu dem Schluss, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben.

Könnten Sanktionen westlicher Länder oder Verurteilungen durch die Vereinten Nationen etwas ­bewirken?

Nein, ich glaube nicht, dass westliche Sanktionen die Generäle wirkungsvoll treffen werden. Wenn beispielsweise eine Milliarde US-Dollar ihres Guthabens in den USA eingefroren werden, haben sie immer noch fünf Milliarden bei chinesischen Banken. Wenn westliche Länder etwas bewirken wollen, müssen sie mit China verhandeln. Das ist zwar traurig, weil über und nicht mit Myanmar verhandelt wird, ähnlich wie die USA mit den Taliban ohne Beteiligung der afghanischen Regierung verhandelt haben, aber es ist nun mal so, dass China die faktische Entscheidungsmacht hat. Wenn man sich an die internationalen Normen und Verfahren halten möchte, gäbe es neben China auch Russland als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat. Ich bezweifle, dass da eine Einigung möglich ist.

Die Krise in Myanmar findet während einer Pandemie statt. Wie ist die diesbezügliche Lage in Myanmar, und wie wirkt sie sich auf die Proteste aus?

Die Covid-19-Pandemie war in Myanmar und anderen südostasiatischen Ländern nie so schlimm wie in Nordamerika oder einigen europäischen Ländern. Es ist nicht klar, warum, manche scherzen, dass es am Reis liegt, den wir hier essen. In der jetzigen Situation sorgen die Menschen sich nicht mehr um eine mögliche Infektion mit Sars-CoV-2. Vor dem Putsch war ich sehr besorgt, dass ich meine Mutter infizieren könnte, und habe kaum noch Freunde getroffen. Aber nun treffe ich jeden Tag viele Menschen auf der Straße und kümmere mich nicht mehr um das Infektionsrisiko, auch wenn das furchtbar klingt; aber Demokratie und die Beendigung der Diktatur in meinem Land sind mir sehr wichtig.

Ansonsten gibt es viel Wut wegen Corona, Mitte Februar hätten beispielsweise Menschen über 65 ihre erste Impfung erhalten sollen, aber bislang ist noch nichts geschehen. Die Menschen im Gesundheitswesen warten noch auf ihre zweite Dosis. Das ganze Land ist im Aufruhr, und nichts funk­tioniert mehr. Und natürlich kümmert sich das Militär, das Menschen auf der Straße tötet, nicht darum, sie zu impfen.