Die norwegische Krimiserie »Beforeigners – Mörderische Zeiten« in der ARD

Integration der Multitemporalen

Die norwegische Krimiserie »Beforeigners – Mörderische Zeiten« läuft in der ARD an: Zeitmigranten, die aus vergangenen Epochen in die Gegenwart übersiedeln, stellen die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Das Science-Fiction-Szenario greift das Thema Migration auf und überzeugt dabei durch grimmigen Witz.

Wenn der Polizist Lars Haaland (­Nicolai Cleve Broch) durch Oslo fährt, kommt er sich vor wie in einem Themenpark. Vor der Skyline der modernen Hafen­bebauung hocken Cro-Magnon-Menschen in den Bäumen, in den Parks lungern Wikinger am Lager­feuer, Menschen, die nach der Mode des 19. Jahrhunderts gekleidet sind, bummeln an Marktständen entlang. Welt und Zeitläufte scheinen aus den Fugen geraten in der norwegischen Fernsehserie »Beforeigners – Mörderische Zeiten«.

Anzeige

Erdacht und geschrieben wurde die bislang sechsteilige Serie – eine zweite Staffel ist in Arbeit – von Anne Bjørnstad und Eilif Skodvin. International bekannt wurde das norwegische Ehe- und Autorenpaar 2012 durch die Gangsterserie »Lilyhammer«, nachdem der Streaming-Dienst Netflix in die Produktion eingestiegen war und den US-Vertrieb übernommen hatte. Rechteinhaber ist der staatliche norwegische Fernsehsender NRK, der auch für die Produktion federführend war. Auch für die Serie »Beforeigners«, bei der Jens Lien Regie führte, zeichnet der NRK als Auftraggeber; gemeinsam mit dem Kabelkanal HBO Europe als internationalem Partner. Die ARD zeigt die Serie ab dem 13. März in einer deutschen Synchronfassung.

Nicht nur unter dem Gesichtspunkt der historischen Genauigkeit lohnt das aufmerksame Hinschauen und -hören. Popkulturverweise – von Oprah Winfrey bis Justin Bieber – tragen zur Komplexität der Serie bei, feiner Spott gilt dem Sprachverhalten der Gegenwart.

Die Prämisse der Serie klingt verwegen: Eines Abends schießen Blitze durch den Oslofjord. Es quillt, sprudelt, gurgelt, dann durchstößt prustend ein bärtiger Kerl die Wasseroberfläche und brüllt Unverständliches. Weitere Menschen tauchen auf, alle sind zutiefst verstört – und keine Zeitgenossen unserer Tage. Sie stammen aus dem Paläolithikum, aus der Ära der Wikingerraubzüge und aus dem späten 19. Jahrhundert. Kurzurlauber, wie man sie aus Serien wie »Time Tunnel«, »Timeless« oder »Quantum Leap« kennt, in denen die Zeitreise meist in die Vergangenheit führt, sind diese Leute nicht. Sie sind gekommen, um zu bleiben.

Ein paar Jahr nach ihrer Ankunft ist das Zusammenleben mit den Zeitmigranten zwar nicht konfliktfrei, aber mehr oder weniger Alltag geworden. Man lässt sie gewähren, wenn sie ihren früheren Lebensstil beibehalten möchten. Es gibt mittlerweile ein »Ministerium für Neuankömmlinge«, der Rundfunk sendet Nachrichten jeweils für Hörer aus dem 19. und für solche aus dem 21. Jahrhundert, im Museum wird »Cave Art« gezeigt.

Der Polizist Lars Haaland bekommt mit Alfhildr Enginnsdóttir (Krista Kosonen) eine Partnerin zugeteilt, die vor ihrem unfreiwilligen Rutsch durch die Jahrhunderte einem Wikingerkönig als Schildmaid diente, was sie verschweigt, weil Menschen mit soldatischer Vorgeschichte nicht in den Polizeidienst dürfen. Lars ist nicht gerade erbaut, dass er mit einer unerfahrenen Kollegin zusammenarbeiten soll. Aber sein Vorgesetzter hat politische Gründe für die Per­sonalentscheidung. Eine Ermittlerin mit Wikingerhintergrund soll das Vertrauen der Neubürgerinnen und -bürger in die Arbeit der Polizei ­fördern.

Alfhildr kann sogleich ihre Erfahrungen als Zeitmigrantin einbringen: Eine Wasserleiche mit Wikingertätowierungen gibt der Polizei Rätsel auf. Vieles deutet auf Tod durch Ertrinken hin, aber Lars entdeckt Verletzungen, die auf eine Gewalttat schließen lassen. Die Ermittlungen führen das Team unter anderem zu einem Auffanglager, ins Rotlicht­milieu und zu einer dubiosen Sicherheitsfirma, die von baumstarken Cro-Magnon-Menschen betrieben wird.

Die Kernhandlung folgt einem geläufigen Krimischema. Was die Serie heraushebt, sind die originellen ­Ornamente und der grimmige Witz. Bjørnstad und Skodvin begannen ihre Karriere als Comedy-Autoren, was gelegentlich anklingt. Am Fundort der Wasserleiche streckt eine ­Polizistin die Nase in die Luft und sinniert, die Tote ignorierend: »Geht es nur mir so, oder kriegst du von der Meeresluft auch Lust auf Sushi?«

Mit einer allegorischen Mischung aus Phantastik und sozialer Utopie eröffnet die Serie einen eigenwilligen Blick auf das Thema Migration. Die Beziehung der Hauptfiguren folgt dem geläufigen Muster des Buddy-Movie, in dem zwei gegensätzliche Charaktere zur Zusammenarbeit gezwungen sind, so wie Erdling und Außerirdischer in »Alien Nation« (1988/1989) oder Mensch und Vampir in »Forever Knight« (1992). Die Partner sind gezwungen, sich mit der Lebenswelt und -auffassung des jeweils anderen auseinanderzusetzen. In besseren Serien wirkt der Erkenntnisprozess über den Bildschirm hinaus.

Szene aus der norwegische Krimiserie »Beforeigners – Mörderische Zeiten«

Als Schildmaid kämpfte Alfhildr Enginsdottir (Krista Kosonen) an der Seite des Wikingerkönigs. Jetzt ermittelt sie gemeinsam mit Lars Haaland (Nicolai Cleve Broch) in einem Mordfall im Oslo der Gegenwart

Bild:
© HBO Nordic / Eirik Evjen

»Beforeigners« ist bis in die Details sorgfältig durchgearbeitet. Während einer Dienstfahrt springt Alfhildr aus dem Wagen und stopft sich Moos in die Hose; sie hat ihre Periode und praktiziert eine Form der Monats­hygiene aus alten Zeiten. Tampons sind Luxus für sie, denn sie muss, wie sie dem verdutzten Kollegen erklärt, noch ihren Studienkredit abstottern. Aus diesem Grund wohnt sie auch in einem unbehaglichen Campingwagen.

Lars dagegen genießt den Blick von seiner Eigentumswohnung über den Oslofjord, ist aber seinerseits nicht frei von Sorgen. Seine Ehefrau hat ihn für einen kulturbeflissenen Bourgeois aus dem 19. Jahrhundert verlassen, die pubertierende Tochter pendelt zwischen väterlichem und mütterlichem Haushalt und neigt zur Aufsässigkeit. Obendrein ist Lars drogenabhängig: Er kommt nicht mehr ohne die Augentropfen aus, die eigentlich den traumatisierten Zeitmigranten die Akklimatisierung erleichtern sollen.

Alfhildr verhält sich anfangs merklich unsicher. Lars bleibt einsilbig, fast schroff und stellt seine Kollegin vor den anderen bloß. Beide machen im Laufe der Serie eine glaubwürdige Entwicklung durch. Lars wird zugänglicher, Alfhildr selbstbewusster. Zeitweilig übernimmt sie sogar die Führung.

Die Sprachen der Zeitreisenden wurden unter Mitarbeit von Linguisten entwickelt. Der Sprachwissenschaftler Julian Kirkeby Lysvik entwarf ein eigenes Argot für die Steinzeitabkömmlinge. Sein Kollege an der Universität in Oslo, André Nilsson Dannevig, schulte die Schauspielerinnen und Schauspieler in der bürgerlichen Hochsprache des späten 19. Jahrhunderts. Alexander Kristoffersen Lykke vom Østfold University College war für das altnordische ­Wikingeridiom zuständig.

Nicht nur unter dem Gesichtspunkt der historischen Genauigkeit lohnt das aufmerksame Hinschauen und -hören. Popkulturverweise – von Oprah Winfrey bis Justin Bieber – tragen zur Komplexität der Serie bei, feiner Spott gilt dem Sprachverhalten der Gegenwart. Dazu zählt das oftmals gezwungen wirkende und nicht immer ehrliche Bemühen um eine diskriminierungsfreie Sprache. In der Serienrealität spricht man höflich von Mitbürgern »mit multitemporalem Hintergrund«. Das Wort »Wikinger« ist verpönt und wird durch die Wendung »von nordischer Abstammung« ersetzt. Indes nehmen die Angehörigen der betroffenen Personengruppe noch ganz andere Injurien in den Mund.

Die Prämisse der Serie ist nicht ohne Vorbild. Die Autoren kennen die französische Fernsehserie »The Returned« (»Les Revenants«, 2012) und räumen dies auch freimütig ein. Aber sie haben eine eigenständige Version des Stoffs geschaffen, komplex, intelligent – und vor allem sehr unterhaltsam.