Münsteraner Studierende ­kritisieren einen Medizinprofessor und prominenten Abtreibungsgegner

Diabetologe für Lebensrecht

Studierende der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster kritisieren den Professor Paul Cullen. Der Abtreibungsgegner ist Funktionär von Organisationen christlicher »Lebensschützer«. Die medizinische Fakultät sieht seine Äußerungen von der Meinungs­freiheit gedeckt.

Die cancel culture, mithin die Angst, aufgrund einer Meinung sozial geächtet zu werden, macht auch vor »Lebensschützern« nicht Halt. Einer derjenigen, die sich derzeit davon bedroht sehen, ist Paul Cullen, Facharzt für Laboratoriumsmedizin im Bereich Innere Medizin und Laborleiter des MVZ Medizinisches Labor Münster GbR. Er ist zudem außerplanmäßiger Professor der Medizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. In dieser Funktion hält er Vorlesungen im Fach klinische Chemie, zum Beispiel über sein Spezialgebiet Diabetes. Ende Januar hatten der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) und die Kritischen Medizinerinnen und Mediziner in einer ersten Stellungnahme auf Cullens politische Äußerungen und Aktivitäten außerhalb der Universität hingewiesen, da sie unter anderem einen negativen Einfluss auf seine Lehre befürchteten.

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In seiner Freizeit interessiert sich Cullen weniger für Stoffwechselstörungen als für Schwangerschaftsabbrü­che. Er ist Vorsitzender des Vereins »Ärzte für das Leben«, der darauf dringt, ungewollt Schwangeren den sicheren und problemlosen Zugang zu Abtreibungen zu verunmöglichen. Daneben ist er Vorstandsmitglied des Vereins »Bundesverband Lebensrecht«, eines Zusammenschlusses deutscher Lebensschützergruppen, der behauptet und propagiert, das Menschsein beginne mit dem »Moment der Zeugung«, Abtreibungen als »Tötung« verurteilt und mit dem jährlichen »Marsch für das Leben« in Berlin die wichtigste Öffentlichkeitsaktion der deutschen Lebensrechtsbewegung veranstaltet.

In einem Vortrag, den Cullen 2016 beim sogenannten Lebensrechtforum in Kassel gehalten hat, stellte er seine Überlegungen zur künftigen strategischen Ausrichtung der Lebensschutzbewegung vor. Dabei bedauerte er eine »völlige Gleichschaltung des öffentlichen Diskurses« beim Thema Lebensschutz, es herrsche eine »Meinungsdiktatur«. Die tonangebenden Kräfte wollten den Menschen isolieren und die Gesellschaft auflösen: »Profiteure« seien »multinationale Konzerne, die Finanzindustrie und einige sehr wenige reiche Personen«. Gemäß dem antisemitischen Topos vom wurzellosen jüdischen Finanzkapital nannte er als Profiteur unter anderem die Stiftung des jüdischen Milliardärs George Soros. In dem Vortragstext, der in dem außerkirchlichen katholischen Nachrichtenportal kath.net veröffentlicht wurde, bezeichnet er Soros als »Spekulant« und »Strippenzieher« der »Abtreibungs- und Euthanasielobby«. Als Gegenwehr schwebt ihm ein »Kulturkampf« vor: »Was wir brauchen, ist nicht nur der Marsch für das Leben, sondern einen neuen Marsch durch die Institutionen.«

Des Weiteren hat Cullen Verschwörungserzählungen zur Covid-19-Pandemie in einem auf dem Youtube-Kanal des Vereins »Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie« hochgeladenen Video verbreitet. Darin streut er Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus für die Mehrheit der Bevölkerung, deren Krankheitsverläufe im Gegensatz zu Alten und Vorerkrankten mild oder symptomfrei abliefen, und schürt Vorbehalte gegen möglicherweise »halbfertige« und »unwirksame« Impfstoffe, die »massive gesundheitliche Schäden« anrichten könnten.

Der AStA und die Kritischen Medizinerinnen und Mediziner konfrontierten das Rektorat der Universität und die medizinische Fakultät mit diesen Äußerungen und forderten, Cullen die Professur zu entziehen, sofern die Gremien eine Verletzung universitärer Grundsätze feststellten. Studierende der Universität lancierten zusätzlich eine Petition. In dieser betonten sie, dass es ihnen nicht um eine »Ausschließung der persönlichen Meinung« gehe. Cullen mache jedoch deutlich, an einer politischen Debatte nicht interessiert zu sein. Dies belegen sie mit einer vielsagenden Passage aus Cullens Vortrag vor dem Lebensrechtforum: »Unser Ziel ist es also nicht, unseren Gegner zu überzeugen, sondern ihn zu besiegen. Im Übrigen ist es auch nicht seine Intention, uns zu überzeugen, sondern sein Ziel besteht darin, uns zu vernichten, auch ganz persönlich und einzeln und nicht nur als Bewegung.«

Eine Gegenpetition von Studierenden der Wilhelms-Universität, die bis Redaktionsschluss siebenmal so viele Unterschriften erzielte wie die erste Petition, solidarisierte sich mit Cullen. Die Autoren sehen in dem Abtreibungs­gegner einen Vertreter einer »abweichenden oder nicht erwünschten Meinung«, seine Entfernung aus dem akademischen Betrieb würde die »freie Wissenschaft« gefährden.

Die medizinische Fakultät meldete sich Ende Februar zu Wort: Sie sehe keinen Grund, Cullen von der Lehrtätigkeit auszuschließen, da auch Äußerungen mit einer »tendenziösen Gedankenführung und fragwürdigen Wortwahl« vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt seien. Eine »erheb
­liche, fahrlässige oder vorsätzliche Falschdarstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse« sei nicht gegeben. Es lägen auch keine Belege vor, dass Cullen seine »privaten Ansichten in unzulässiger Weise in seine Lehre« einfließen lasse.

Der AStA und die Kritischen Medizinerinnen und Mediziner begrüßten Anfang März in einer zweiten Stellungnahme die Reaktion der Fakultät, die Cullens »tief problematische Gedankenführung und Wortwahl« erkannt habe. »Es macht uns allerdings betroffen, dass die Fakultät sich nach wie vor nicht zu den antisemitischen Aussagen Cullens verhält.« Es gehe nicht darum, dass jemand »für irgendeine unbedarfte Meinung seinen Titel abgeben soll, sondern, ob wir uns als Gesellschaft da­rauf verständigen können, menschenfeind­liche Aussagen nicht zu akzeptieren«.

Cullen freute sich indes in der Mün­sterschen Zeitung darüber, dass die ­Fakultät der Forderung nach seiner Entlassung und »damit der an Universitäten grassierenden cancel culture« widersprochen habe.