Der Streit im britischen Königshaus reflektiert die Zerrissenheit der Gesellschaft

Skandal im Königshaus

Der Enkel der britischen Königin, Prinz Harry, und seine Frau Meghan Markle haben sich im US-amerikanischen Fernsehen über ihre Erfahrungen in der königlichen Familie geäußert. Anhänger beider Seiten streiten sich nun, vor allem im Internet.

Wer jemals auch nur für einige wenige Monate in einer Kleinstadt leben musste und den dort grassierenden Klatsch mitbekommen hat, kann danach unmöglich weiter an die Existenz vorbildlich funktionierender, heiler Familien glauben. Mit dem Aufkommen sogenannter Krawall-Talkshows bei den privaten Fernsehsendern, in denen auch miteinander Verwandte coram publico die peinlichste Geheimnisse des je anderen aufdecken, ist der Klatsch nicht nur überall zugänglich geworden, sondern zeigt sich überdies stets hässlicher als gedacht.

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Ausfälligkeiten gibt es natürlich auch in Königshäusern; deren Vertreter setzen sich zwar in aller Regel nicht in peinliche Talkhows, finden aber eigene Wege, einander am Stuhlbein zu sägen. Dass Prince Charles einst davon träumte, ein Tampon seiner Freundin Camilla zu sein, und Lady Di einen ihrer Lover regelrecht verfolgte, der mit Rücksicht auf seine pakistanische Familie eine Ehe mit ihr ablehnte, hat das Ansehen der britischen Monarchie allerdings lange nicht so nachhaltig beschädigt, wie das in den neunziger Jahren noch weithin angenommen wurde. Das liegt vor allem an Queen Elizabeth, die das royale Motto »Never explain, never complain« vorbildlich umsetzt und nur in ganz seltenen Fällen und ganz kurz durchblitzen lässt, was sie insgeheim über eine Situation oder Person denkt – so geschehen, als der damalige US-Präsident Donald Trump sich ihr in den Weg drängelte.

Nun befindet sich das Königshaus seit vergangener Woche wieder in einer Imagekrise. Oder vielleicht auch nicht. Keiner der Experten, die derzeit vor allem in der britischen Presse über die Auswirkungen des Interviews streiten, das Prinz Harry und seine Gattin Meghan der US-amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey gegeben haben, kann unbezweifelbare Aussagen darüber treffen, in wie viel Aufruhr das Ereignis die Königsfamilie tatsächlich versetzt hat.

Nun könnte zu Recht die Frage laut werden, warum das alles überhaupt interessant sein soll. Die Probleme von Multimillionären, und das sind die Beteiligten, sind schließlich gemeinhin nicht das, was Linke vorrangig beschäftigt, zumal während einer Pandemie und vor dem Hintergrund einer drohenden weltweiten Wirtschaftskrise.

Aber interessant ist die ganze Sache trotzdem, zumal sie im Unterschied zu allen vorherigen Skandalen des Königshauses zum ersten Mal unter den Bedingungen der sozialen Medien stattfindet – und das das in einer Zeit, in der alles Mögliche zur politischen Grundsatzfrage erhoben wird und es für kaum jemanden in Frage kommt, auf der moralisch falschen Seite zu stehen.

Dass das Paar Oprah Winfrey als Interviewerin für seine Bekenntnisse ausgewählt hat, war immerhin clever. Sie gilt als die beste Talkmasterin der USA, als Institution, woran gelegentliche Skandale, wie etwa das Verbreiten antisemitischer Lügen oder wissenschaftlich nicht haltbarer Quacksalbereien durch ihre Gäste, nichts ändern konnten. Für kritische Nachfragen ist Oprah Winfrey weniger bekannt, aber solche waren in diesem Fall sicher ohnehin nicht erwünscht. Was Harry und Meghan berichteten, die Anfang vergangenen Jahres entschieden hatten, frei von den Zwängen des Königshauses außerhalb Großbritanniens ein neues Leben anzufangen, war allerdings weit mehr als der ohnehin befürchtete Skandal. Denn neben den bereits aus diversen Reden bei Charity-Veranstaltungen bekannten Schilderungen von Verletzungen, Rücksichtslosigkeiten und seinen nicht ernst genommenen Ängsten sprach Prinz Harry erstmals über Rassismus im Königshaus, der sich vor der Geburt des Sohnes Archie unter anderem in misstrauischen Fragen über dessen Hautfarbe ausgedrückt habe.

Wer genau sich ihm gegenüber so geäußert habe, sagte Prinz Harry allerdings nicht, was sich aus gleich zwei Gründen als ­geschickt erweisen sollte. Entweder wollte er die Person und damit die royale Institution tatsächlich schützen, wie Fans des Paares glauben; dann war ihm dies damit wirklich gelungen. Oder er wollte, das nehmen die Gegner der beiden an, alle Verwandten der Queen als potentielle Rassisten darstellen, was ihm somit ebenfalls gelungen war. Wie immer, wenn es um fremder Leute Familienskandale geht, lässt sich die Wahrheit letztlich nicht herausfinden. Dass sich einige Punkte, die Meghan und Harry im Interview als verstörend angesprochen hatten, wenig später als nicht ganz zutreffend erwiesen, ändert am anzunehmenden Tatsachengehalt vieler anderer Aussagen schließlich nichts.

Allerdings war es nicht eben geschickt, zu behaupten, dass es vor ihrer weltweit übertragenen Trauung bereits eine geheime Verehelichungszeremonie gegeben habe. Nach den Regeln der anglikanischen Kirche ist es nämlich strikt verboten, zweimal zu heiraten. Entsprechend beharrt die zuständige Geistlichkeit darauf, dass es sich lediglich um eine Art Generalprobe gehandelt habe. Wenn unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit Heiratende aber das Gefühl brauchen, dies sei ihre private Zeremonie gewesen, dann könnte man sie natürlich auch einfach in ihrem Glauben lassen. Aber diese sind keine Zeiten, in denen kleine oder größere Fehler großzügig verziehen werden.

Falls Harry und Meghan gehofft hatten, mit ihrem Interview auch bei denjenigen Verständnis zu gewinnen, die ihnen bisher mindestens distanziert gegenüberstanden, haben sie sich geirrt. Nach wie vor sehen die einen sie als moderne Vorkämpfer für Gleichheit und gegen Diskriminierung, die anderen schlicht als superprivilegierte Promis. Wobei sich wohl niemand Illusionen über die Aufgabe durchschnittlicher Royals macht, die größtenteils darin besteht, engagiert Brücken einzuweihen, hingerissen Kinderchören zu lauschen und brav langatmige Reden zu halten. Egal aber, was sie genau tun, sie werden dafür gnadenlos kritisiert. So etwa auch jetzt: Dass Herzogin Kate, Ehefrau von Harrys Bruder William, unangekündigt auf einer Gedenkdemo für die kürzlich in London mutmaßlich von einem Polizisten ermordete Sarah Everard auftauchte, bezeichneten Meghan-Fans als peinlichen Versuch, die Vorwürfe im Interview vergessen zu machen. Kate-Fans waren dagegen von ihrem Engagement begeistert – und hätten umgekehrt Meghan mit Vorwürfen der Art überhäuft, sie giere nach Aufmerksamkeit, wenn sie sich bei so einer Gelegenheit hätte blicken lassen. Gegen beide Frauen wurden nach der Demo auf Twitter Morddrohungen ­gepostet.

So etwas wie Objektivität oder gar die Anerkennung richtiger Verhaltensweisen ist also kaum zu erwarten, wenn das Internet auf verhasste Personen losgeht. Sollte das Ende der britischen Monarchie tatsächlich nahen, dann läge es daran. Und wie immer, wenn es darum geht, Zweifel an Institutionen zu säen oder zu deren Zerstörung beizutragen, sind russische Trolle auch im Fall der Royals auf beiden Seiten aktiv und bringen diese unermüdlich gegeneinander auf. Die beteiligten User merken es nicht oder wollen es nicht merken, weil sie den vielen schönen Hass aufeinander nicht der Grundlage beraubt sehen wollen. Was das ­betrifft, sind sie nicht anders als Linke, die nach wie vor freudig auf Trolle­reien hereinfallen, wenn sie nur prima ins Naziklischee passen, beispiels­weise.

Vor dem möglichen, aber nicht sehr wahrscheinlichen Ende der britischen Monarchie wird es allerdings wohl zunächst ein paar Beerdigungen geben. Interessant wird sein, wie die dann weltweit dargebotenen Rückschauen und vor allem die in diesen Fällen festgeschriebenen, in manchen Punkten jahrhundertealten Zeremonien das Bild der Öffentlichkeit von den Royals beeinflussen werden. Falls der Mann, der am allerliebsten ein Tampon sein wollte, dann König wird, wird sich möglicherweise auch die Beziehung von Harry und Meghan zum Königshaus noch einmal ändern. Wenn sie bis dahin nicht gelernt haben, dass das bürgerliche Leben eigentlich auch ganz toll ist.