Der Massenmörder von Atlanta folgte rassistischen Ressentiments

Mörderische Reinigung

Robert Aaron Long, der in Atlanta acht Menschen erschoss, hatte rassistische und sexistische Motive.
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Ignoranz ist Teil des Problems. Es gebe keine Hinweise auf ein rassistisches Motiv für die Morde Robert Aaron Longs, sagte Frank Reynolds, Sheriff von Cherokee County, am Mittwoch voriger Woche. »Wir haben ihn eigens danach gefragt und die Antwort war nein.« Dass sechs der acht Menschen, die Long am Vortag in Atlanta und der Umgebung tötete, Frauen asiatischer Abstammung waren, ist jedoch ein deutlicher Hinweis auf eine Auswahl der Opfer nach rassistischen und sexistischen Kriterien. Der Schlag gegen die Porno­industrie, den Long nach eigenen Angaben führen wollte, hätte auch andere Ziele haben können. Die Massagesalons, in denen er tötete, waren der Polizei hingegen nicht für sexuelle Dienstleistungen bekannt – und insbesondere, wenn Minderheitsangehörigen Sex­arbeit unterstellt wird, ist overpolicing, Ermittlungen und Razzien schon beim leisesten Verdacht, die Regel.

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Bei einer solchen Razzia 2017 in New York stürzte Yang Song aus dem vierten Stock und starb. Dies führte zur Gründung von Red Canary Song, einer Interessenvertretung chinesischer Massagearbeiterinnen. »Die Fetischisierung der Körper von asiatischen Frauen, die Objektivierung ihrer Körper und die Annahme, dass asiatische Frauen sexuelle Dienstleistungen anbieten« seien charakteristisch für diese »spezifische Form von Rassismus«, sagt Esther K., Co-Direktorin von Red Canary Song.

Das erste US-Gesetz zur Einwanderungsbeschränkung, der Page Act von 1875, betraf vorrangig Chinesinnen, denen unterstellt wurde, dass nur wenige von ihnen »ehrenhaften oder nützlichen Beschäftigungen« nachgehen würden, wie der damalige Präsident Ulysses S. Grant es ausdrückte. Bereits 145 Jahre bevor Donald Trump vom »China-Virus« sprach, kursierte der vom Ärzteverband American Medical Association verbreitete Mythos, die Migration aus China verbreite ansteckende Krankheiten. Diese Vorstellung wurde und wird dann vom medizinischen auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen, die Ansteckung gilt den Rassisten dann auch als Gefahr für ihr Wertesystem.

Es ist offensichtlich, dass Long die Massagesalons als einen solchen Ansteckungsherd betrachtete. Die rassistische Propaganda während der Covid-19 Pandemie hat diese tradierten Ressentiments wieder verstärkt zum Ausdruck kommen lassen. Zwischen dem 19. März 2020 und dem 28. Februar 2021 verzeichnete Stop AAPI Hate fast 3 800 verbale und physische Übergriffe gegen asian americans, Frauen meldeten solche Vorfälle 2,3 Mal häufiger als Männer.

Longs Fall ist ungewöhnlich, da er entgegen dem Trend zur Säkularisierung bei der terroristischen Rechten ein christlicher Fanatiker ist. Ob er tatsächlich unter einer »Sexsucht« leidet, wie er angab, oder nur seinen Keuschheitsansprüchen nicht gerecht wurde, ist unklar, ebenso wie die Rolle der baptistischen Kirche, die er besuchte, und seiner der gleichen Gemeinde angehörenden ­Eltern, die ihn einigen Medienberichten zufolge wegen seines Pornokonsums aus dem Haus geworfen hatten.

Auch wenn puritanische Zwänge in seinem persönlichen Umfeld Long bestärkt haben könnten, ist er, anders als Jihadisten, kein Kämpfer einer organisierten Bewegung mit theologischen Bezügen. Er steht jedoch in der christlichen Tradition der gewaltsamen ­»Reinigung«, des Autodafés (Glaubensakts) und der Hexenverbrennungen. Rechtsextreme »Incels«, die freie sexuelle Verfügbarkeit von Frauen fordern, erregen derzeit größere Aufmerksamkeit, doch dürfte das rechtsprotestantische Milieu, in dem Ideen wie die Longs kursieren, in den USA weit größer sein. Es brachte bereits den Ku-Klux-Klan hervor und könnte weiteres terroristisches Potential bergen.