Der Bildband »Stranger than Kindness« zeigt Memorabilia von Nick Cave

Der Listen­macher

In »Stranger than Kindness« gewährt Nick Cave intime Einblicke. Das Buch zeigt Originalunterlagen, handschriftlich verfasste Songtexte, Bücher aus der Bibliothek, Fotografien, Bühnenbilder und persönliche Artefakte.

Nick Cave hat in den 63 Jahren seines Lebens mehr Wandlungen vollzogen, als eine Katze Leben hat. Er ist ein Sonderling, ein seltenes Kuriosum und ziemlich aus der Zeit gefallen. Wer sich mit seinem Schaffen und seinen Einflüssen auseinandersetzt, bekommt reichlich aufgetischt. Vieles von dem, was es zu entdecken gibt, ist dabei nicht unbedingt leicht verdaulich, so auch viele der Dinge, die in dem kürzlich erschienenen Bildband »Stranger than Kindness« zu sehen sind, das Objekte des Musikers präsentiert.

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Cave hat Platten aufgenommen, Romane und Drehbücher geschrieben, Filme gedreht und Filmmusik komponiert. Was immer wiederkehrte, ist seine lyrische Obsession mit Tod, Religion, Liebe und Gewalt, eine Auseinandersetzung mit der Frage nach Gut und Böse, die Suche nach einem tieferen Sinn. Dabei ist die Frage, ob Gott existiert, nicht von Bedeutung. Cave fasziniert das unausweichliche Schicksal eines jeden Menschen: dass er sterben wird.

Die im Band gezeigten Objekte sind das geheime und in keine Form gebrachte Eigentum Nick Caves, und sie offenbaren so einige Marotten des Musikers.

Obwohl Cave sich in seinen Textern immer wieder mit Männlichkeit und mit ihr einhergehender Gewalttätigkeit auseinandersetzt, kann man nicht sagten, dass er einem solchen Männlichkeitsbild entspreche. Vielmehr begegnet er dieser Maskulinität mit Abscheu und strahlt selber Androgynität aus, etwas, das sich zwischen den Geschlechtern aufhält, ohne sie dabei zu negieren.

Cave hat in seinem Songwriting eine Vorliebe für comichafte Gruselgeschichten, in denen es um Dreck, Angst und bizarre Gestalten (»Nick the Stripper«), Mörder (»Deep in the Woods«), Verlassene und Besessene, durch Sümpfe gejagte Wahnsinnige (»Swampland«) oder auch um surreale religiöse Bezüge (»Big Jesus Trash Can«) geht, denen Cave mit hemmungslos expressivem Gesang oder mit dunkler Grabesstimme ­unverwechselbaren Charakter verlieh. Und er hat einen ganz eigenen, schrägen Humor.

Das Album »Murder Ballads« von 1996, aufgenommen mit seiner Band The Bad Seeds – die aus den Trümmern von Birthday Party noch im alten Westberlin entstanden war –, vertonte, wie der Titel schon suggeriert, neue und traditionelle Moritaten von Verbrechen aus Leidenschaft. Auf diesem Album gelingt die Verknüpfung von Mord- und Gräueltaten mit schwarzem Humor besonders gut, und dank des Duetts »Where the Wild Roses Grow« mit Kylie Minogue war das Album kommerziell der bis dahin größte Erfolg der Band.

Mit seinen früheren Bands The Boys Next Door beziehungsweise The Birthday Party hatte Cave Anfang der achtziger Jahre eine unkonventionelle Mischung aus aggressivem Punk, aufgekratztem New Wave und rohen Blues gespielt, die nicht selten in schwer verdaulichen Lärmorgien mündete. Auf »Murder Ballads« hingegen klimperte bereits häufig das Klavier, das im Laufe der Zeit immer wichtiger für den Musiker wurde, ob mit seiner Band oder als Solokünstler.

Dass Cave, wie jetzt in »Stranger than Kindness«, intime Einblicke gewährt, ist an sich nicht neu. Nicht nur wird jeder, der einmal eines seiner Konzerte besucht hat, sich daran erinnern können, wie viel Körperkontakt er zu seinem Publikum herstellt und wie durchlässig die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum werden kann. Auch seine Website theredhandfiles.com zeugt von Offenherzigkeit. Sie dient der Beantwortung von Fragen der Fans, begrüßt wird man mit den Worten: »You can ask me anything. There will be no moderator. This will be between you and me. Let’s see what happens.«

Warum beantwortet hier jemand Fragen von fremden Menschen, die so verdammt persönlich sind? Was ist der Beweggrund und was zieht er für sich daraus? Die angesprochenen Themen dürften für die meisten Menschen sehr ungewohnt sein und die Ehrlichkeit und Direktheit, die Offenheit und Schamlosigkeit mit der Nick Cave antwortet, überschreitet gewiss die Schmerzgrenze vieler.

 

Jesus

 

Zahlreiche Fragen setzen sich mit dem Verlust einer geliebten Person auseinander, und dass Nick Cave auf diese Fragen Antworten haben könnte, liegt durchaus nahe. Der 2016 erschienene Film »One More Time with Feeling« dokumentierte die Aufnahmen des Bad-Seeds-Albums »Skeleton Tree«, das sich thematisch mit dem Tod von Nick Caves 15jährigem Sohn Arthur auseinandersetzte. In diesem Film sieht man einen dünnhäutigen Nick Cave, dessen Augen so tief und traurig sind, dass es fast körperlich spürbar wird. Cave zeigt sich hier so verletzlich wie nie. Aber es wird auch eine Stärke sichtbar, die es vorher so nicht gab, und zwar genau dadurch, dass Schutzschilde nicht mehr helfen: Die einzige Chance, da durchzukommen, ist, sich zu öffnen.

Das Buch »Stranger than Kindness« zeigt nun auf über 200 Seiten Originalunterlagen, handschriftlich verfasste Songtexte, Bücher aus der Bibliothek, Fotografien, Bühnenbilder und persönliche Artefakte; dazu kommen ein Essay der Schriftstellerin Darcey Steinke über die religiösen Verweise in Caves Texten und Texte von Cave selbst. Die Objekte stammen aus dem Besitz von Cave, dem ­Nick-Cave-Archiv im Arts Centre Melbourne, den Sammlungen der Dänischen Königlichen Bibliothek und von privaten Leihgebern.

Es finden sich auch Bilder, Texte und Gegenstände darin, die von Mitstreitern angefertigt wurden, zum Beispiel von Anita Lane, seiner Freundin der frühen Jahre, die den Text des Songs »Stranger than Kindness« am Ende der Beziehung zu Cave Mitte der Achtziger schrieb. Das Stück nannte Cave einmal die Autopsie eines Beziehungsendes und einen ex­trem unangenehm zu singenden Song. Von all seinen Liedern sei dieser sein Lieblingssong – nachvollziehbar, dass er auf dem Cover des Buchs prangt.

Den Inhalt des Buchs will Cave, so macht er in seinem Vorwort deutlich, nicht als Kunst betrachtet wissen. Vielmehr handelt es sich um Material, das in Songs und Büchern verarbeitet wird, in sie sozusagen einfließt; es sind Produkte aus einer Zwischenwelt, Abfälle des kreativen Prozesses. Die hier gezeigten Objekte sind das geheime und in keine Form gebrachte Eigentum Nick Caves und offenbaren so einige ­Marotten des Musikers.

Zum Beispiel die, ­Listen anzufertigen: Einkaufslisten, To-do-Listen, Listen, auf denen festgehalten ist, was gelernt wurde und was noch gelernt werden muss, da­neben Literaturlisten, Wortlisten (quasi selbstangelegte Wörterbücher), Listen, wem er wie viel Geld schuldet, Listen mit Dingen, mit denen er nicht glücklich ist, und Listen, aus denen sich schließen lässt, wer sich wann wo mit wem trifft, um Drogen zu besorgen. Auch lässt sich eine Obsession für Datumstempel erkennen, teilweise sind die Seiten seiner Notizbücher sogar mehrfach gestempelt.

Streng genommen handelt es sich bei diesem Buch um den Katalog der Ausstellung »Stranger than Kindness«, die von Juni 2020 bis Februar 2021 in der Dänischen Königlichen Bibliothek in Kopenhagen zu sehen war. Die Ausstellung, an der Cave selbst mitgearbeitet hatte, zeigte In­stallationen, die mit eigens gefertigten Kompositionen von Cave und Warren Ellis präsentiert wurden.

Gegliedert war die Ausstellung in acht Themenräume, beginnend mit seiner Kindheit in der australischen Provinz, mit Fotos vom Kirchenchor, in dem er sang, und der Kunsthochschule in Melbourne, wo er zu zeichnen begann. Weiter ging es mit den Räumen »Beautiful Chaos« und »Obsession«. Sie zeigten Caves Textbücher und -zettel, von Hand oder mit Schreibmaschine geschrieben. Sein Zimmer aus den achtziger Jahren in Westberlin wurde nachgebaut, randvoll mit Büchern, Zeitschriften und Kopien an den Wänden – neben Marienbildern, Pornobildchen, Haarlocken und einem Porträt von Elvis. Für den Raum »The Office« gab Cave einen Teil seiner Privatbibliothek her. Des Weiteren waren Interviews mit ehemaligen Mitmusikern zu sehen und im letzten Raum »Shattered History« persönliche Schätze wie ein Kaugummi, das Nina Simone einst an ein Klavier geklebt hatte.

Einzelne Objekte aus dieser Ausstellung sind nun in dem Band abgebildet, freigestellt vor weißem Hintergrund, zu einigen gibt es weiter hinten kurze Anmerkungen. Auf die Ausstellung aber wird nicht verwiesen, auch fehlen Ansichten der Räume, die das Ganze plastischer gemacht hätten. So ist das Buch, wenn auch als solches interessant, letztlich nur ein Ausgangspunkt, um in die Welt von Nick Cave einzutauchen und selbst zu versuchen, die einzelnen Teile zueinander in Beziehung zu setzen.

Nick Cave: Stranger than Kindness. Aus dem Englischen von Christian Lux. Kiepenheuer     Witsch, Köln 2021, 276 Seiten, 29 Euro