Der Hashtag "superstraight" und die Diskussion über Transphobie

Sex ohne Körper

Schnell hatten Rechte den Begriff »superstraight« gekapert, den ein Tiktok-Nutzer erfunden hatte, um auszudrücken, dass er nicht mit ­Transfrauen schlafen möchte. Hinter der Aufregung aber steckt eine wichtige Frage, nämlich die nach dem Unterschied zwischen Geschlecht, Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung.

»Yo guys, I made a new sexuality now. Actually it’s called superstraight! So now, I’m superstraight! I only date the opposite gender. Women that are born women. So you can’t say I’m transphobic now, because that’s just my sexuality, you know.« Diese Worte sprach der User »Kyleroyce« in seinem kurzen Video, das Ende Februar auf dem Videoportal Tiktok die Runde machte. Anschließend durchlief der Clip alle Stadien eines Internet-Hypes: Andere User schlossen sich an und bezeichneten sich ebenfalls als »superstraight« – also »superhetero« –, die ersten Memes wurden erstellt, jemand kreierte eine Flagge für die ­Bewegung, deren Farben ironischerweise an die der schwulen Dating-App Grindr erinnern. Schließlich gab es wütende Gegenreaktionen. Davon zu sprechen, dass jemand ­»superstraight« sei, sei transphob, außerdem mache man sich damit über die »LGBT+«-Community lustig.

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Tiktok reagierte, entfernte das Video, blockierte den entsprechenden Hashtag und sperrte den Nutzer »Kyleroyce«, auch weil der Hashtag in rechtsextremen Kreisen an Popularität gewann und beispielsweise das Symbol der SS auf dem Imageboard 4Chan auch als Logo für »superstraight« benutzt wurde.

Queere Aktivisten sehen die Thematisierung von geschlechtlichen Unterschieden als ausschließlich gewaltvolle Normierung zu Lasten von Transpersonen an. Dementsprechend wird auch sexuelles Begehren von Körperlichkeit entkoppelt.

Wie es sich für einen ordentlichen Hype gehört, gipfelte dieser in Beschimpfungen und Bedrohungen der Familie von »Kyleroyce«. Der rechtfertigte sich in einem Interview mit dem Magazin Insider für sein Video, indem er sagte, er habe es satt gehabt, für seine sexuelle Präferenz, etwas, worüber er keine Kontrolle habe, mit negativen Begriffen (»transphob«) belegt zu werden. »Es war nie die Absicht, sich gegenüber irgendjemand hasserfüllt zu zeigen«, gab er zu Protokoll.

Nicht nur heterosexuelle Männer griffen den Hashtag auf, sondern auch einige Schwule und Lesben. Etliche der User haben in der Tat transfeindliche Äußerungen verbreitet. Vor allem aber legt der ganze Wirbel um "superstraight" die Konflikte frei, die derzeit – und in der queeren Szene auch schon seit längerem – die Definitionen von Geschlecht, Transsexua­lität und sexuelle Orientierung bergen. Im Kern geht es um die Frage, ob es diskriminierend sei, Menschen einer bestimmten Gruppe gänzlich aus dem eigenen dating pool auszuschließen und sich bei dieser Entscheidung auf körperliche Merkmale zu beziehen. Heterosexuelle wie »Kyleroyce«, aber auch einige Schwule und Lesben beharren darauf, dass es ihrem Begehren inhärent sei, nicht mit Transpersonen schlafen zu wollen. Diese wiederum reagieren empört, weil sie damit – entgegen ihrem Selbstverständnis – nicht voll als Männer beziehungsweise Frauen anerkannt würden.

Die Aktivistin und Transfrau Phenix Kühnert kritisierte auf ihrem Instagram-Kanal deshalb viele Äußerungen zu dem Hashtag "superstraight". Eine etwas andere Position bezog die ebenfalls transgeschlechtliche US-amerikanische Youtuberin Blaire White. Ihrer Ansicht nach könne es durchaus nachvollziehbare Gründe geben, grundsätzlich kein sexuelles Interesse an Transpersonen zu haben. Die Intention hinter dem Begriff »superstraight« sei immerhin besser nachvollziehbar als bei so manchen anderen, die in der queeren Szene verbreitet sind. In dieser werden seit Jahren Sexualitäten und Orientierungen erfunden, beispielsweise »demisexuell« (wenn sexuelles Begehren eine enge emotionale Bindung voraussetzt) oder »semisexuell« (womit jemand bezeichnet wird, der zwar sexuelle Lust verspürt, aber nicht mit jemandem schlafen will). Diese kreierten Sexualitäten bezeichnen aber in den allermeisten Fällen keine Präferenzen für bestimmte körperliche Eigenschaften, die die begehrten Personen haben sollen oder nicht.

Eine wesentliche Ursache der ganzen Auseinandersetzungen liegt in der fehlenden Klarheit darüber, was die Begriffe Geschlecht, Geschlechts­identität und sexuelle Orientierung bedeuten. Geschlecht bezieht sich auf Merkmale des Körpers wie Penis und Vagina, wohingegen Geschlechts­identität darauf verweist, wie sich eine Person selbst sieht. Körperliche Beschaffenheit und Geschlechts­identität stimmen nicht immer überein, das ist bei Transpersonen der Fall. Sexuelle Orientierung hingegen beschreibt die sexuelle Objektwahl, bei der körperliche Merkmale des Partners eben nicht unerheblich sind.

Im derzeitigen queeren Transaktivismus werden Definitionen von biologischem Geschlecht umgedeutet: Das Identitätsgeschlecht wird ab der Selbstäußerung zum biologischen – unabhängig davon, ob medizinische Schritte zur Geschlechtsangleichung eingeleitet werden. Beeinflusst durch die Queer Theory sehen Aktivisten die Thematisierung von geschlechtlichen Unterschieden ausschließlich als gewaltvolle Normierung zu Lasten von Transpersonen an. Dementsprechend entkoppeln sie auch sexuelles Begehren von Körperlichkeit. Doch dies stößt an mehrere Grenzen. Das queere Verständnis von Geschlecht und sexuellem Begehren ignoriert den Körper. »Ein fluider Mensch ohne Identität, der unnennbar mannigfaltig begehrt und identifiziert wäre, wäre vielleicht queer, aber auch ein leibloser Mensch«, brachte es der Psychologe Aaron Lahl einmal auf den Punkt.

Sexuelles Begehren lässt sich nicht plausibel vom Geschlechtskörper trennen. Dieser Umstand ist eine große Quelle von Frustration für einige Transpersonen, die nicht nur ­erwarten, dass ihr Begehren wie gewünscht gespiegelt wird, sondern auch die umfassende Bestätigung der eigenen Geschlechtsidentität durch andere suchen und einfordern. Dies wird ihnen aus ihrer Sicht verwehrt, wenn sie von der sexuellen Objektwahl allein aufgrund ihrer Transgeschlechtlichkeit ausgeschlossen werden. Das Missverständnis aber, diese persönliche Kränkung mit Diskriminierung zu verwechseln, führt zu der sexualmoralischen Forderung, das eigene Begehren zu reflektieren. Gerechtigkeit und Antidiskriminierung sollen dadurch erreicht werden, dass andere ihre Objektwahl verändern. Doch derlei Ansprüche belegen Sexualität mit Scham und stellen Schwule und Lesben, die anders als Heterosexuelle aufgrund ihrer Sexualität auch von Diskriminierung betroffen sind, vor die Wahl, entweder entgegen ihrer sexuellen Orientierung zu handeln oder als transphob bezeichnet zu werden.

Einige Transpersonen drücken ihren Frust über nicht erwidertes Begehren mitunter sehr drastisch in sozialen Medien wie Twitter aus, was manche Lesben und Schwulen teils akribisch sammeln und wiederum veröffentlichten. Diese Lesben und Schwulen lehnen dann den Gedanken gänzlich ab, dass man Transpersonen sexuell begehren könne. So entsteht in allen Lagern Wut: Die eine Seite wähnt sich im Recht, Begehren und die eigene Identität von ihrer Wunschperson ausschließlich nach eigenen Maßstäben gespiegelt zu bekommen, die anderen fühlen sich von den Erziehungsversuchen bedrängt.

In ihren Extremen verfehlen aber beide Seiten ein adäquates Verständnis von Sexualität und sexuellem Begehren. Diese sind nämlich weder ordentlich noch gerecht. Die Stabilisierung einer Identität, auch in Bezug auf Sexualität, geht einher mit Verdrängung und Abspaltung anderer Wünsche. Lahl fügt in seinem Text »Analyzing Queer« hinzu, dass im günstigen Fall auch Integration miteinander in Konflikt stehender Anteile zur Entwicklung und Stabilisierung einer Identität gehören. So muss die sexuelle Orientierung mit dem sexuellen Verhalten nicht immer hundertprozentig übereinstimmen, was bereits der Sexualforscher Alfred Kinsey in den fünfziger Jahren in großen Studien belegen konnte. Diese ergaben nämlich, dass viele seiner heterosexuellen Probanden bereits gleichgeschlechtlichen Sex gehabt hatten. Schon al­lein deswegen können Transpersonen also sowohl von hetero- als auch von homosexuellen Männern und Frauen begehrt werden. Doch kann das wiederum auch nicht zu einer Art neuer Norm erhoben werden: Begehren ist eben nicht am Reißbrett planbar, Menschen können es nicht nach Belieben lenken. Und schon gar nicht hat irgendjemand ein Anrecht darauf, sexuell begehrt zu werden.