Das Medienunternehmen World Wrestling Entertainment wechselt zu einem Streaming-Anbieter

Das Ringen um diskriminierungsfreies Wrestling

Am kommenden Wochenende veranstaltet das Medienunternehmen World Wrestling Entertainment (WWE) in Tampa im US-Bundesstaat Florida bereits zum 37. Mal die Wrestlemania, die größte Wrestling-Veranstaltung der Welt. An zwei Tagen sollen im Stadion des American-Football-Teams Tampa Bay Buccaneers Kämpfe um zahlreiche Titel stattfinden. Bemerkenswert dabei ist nicht nur, dass zum ersten Mal seit über einem Jahr bei einer Veranstaltung der WWE wieder Tausende Zuschauer zugelassen sein sollen. Es soll zudem die erste Großveranstaltung des Unternehmens sein, die in den USA exklusiv auf dem Streaming-Dienst Peacock zu sehen sein wird.

Anzeige

Über viele Jahre hinweg waren die Großveranstaltungen der WWE ausschließlich nach dem Modell Pay-per-View zu empfangen oder auf Videokassette beziehungsweise DVD erhältlich gewesen. 2014 jedoch führte das Unternehmen mit dem WWE Network einen eigenen Streaming-Dienst ein, auf dem Abonnenten für zuletzt 9,99 US-Dollar im Monat ­neben zahlreichen anderen Inhalten zum Thema Wrestling auch die ­Großveranstaltungen live und auf Abruf ansehen konnten. Zu seiner Hochzeit 2018 zählte das WWE Network 1,8 Millionen zahlende Abonnenten und brachte dem Betreiber damit pro Monat rund 18 Millionen Dollar ein.

Seither ist die Zahl der Abonnenten jedoch deutlich gesunken. Im vergangenen Oktober waren es nur noch 1,5 Millionen. Anfang März gab die WWE bekannt, dass das WWE Network in den USA ab dem 4. April nicht mehr zur Verfügung stehen werde. Stattdessen sollen die Inhalte in den Streaming-Dienst Peacock inte­griert werden, der dem Medienkonglomerat NBC Universal gehört. Für die Abonnenten im Rest der Welt ändert sich zumindest vorerst nichts. Es ist jedoch gut möglich, dass auch hier bereits nach neuen Partnern gesucht wird.

Eine Milliarde Dollar soll dieser Deal der WWE in den kommenden fünf Jahren einbringen, was pro Monat sicheren Einnahmen von etwa 16,5 Millionen Dollar und einem entsprechend hohen Maß an Planungssicherheit entspricht. Hinzu kommen weiterhin die Einnahmen durch Abonnements aus anderen Ländern.

Der Wechsel zu Peacock verläuft indes nicht ganz so reibungs- und geräuschlos, wie die WWE es sich wahrscheinlich gewünscht hätte. Ähnlich wie der NBC-eigene Fernsehnachrichtensender MSNBC steht auch der Streaming-Anbieter Peacock im Ruf, ein eher progressiv gestimmtes Publikum anzusprechen. So läuft dort unter anderem die Late-Night-Show der Komikerin und Fernsehmoderatorin Amber Ruffin, die im vergangenen Jahr für Schlagzeilen sorgte, als sie von den Erfahrungen berichtete, die sie als schwarze Frau mit Rassismus bei der US-Polizei gemacht hatte.

Der Wechsel zum als progressiv geltenden Streaming-Dienst Peacock verläuft nicht ganz so reibungs- und geräuschlos, wie es sich der Wrestling-Vermarkter WWE wahrscheinlich gewünscht hätte.

Hinzu kommt, dass in den USA derzeit lebhaft über diskriminierende Inhalte auf Streaming-Plattformen debattiert wird. So stellt Disney auf seiner Plattform Disney Plus Kinderfilmen wie »Dumbo« (1941) und »Peter Pan« (1953) mittlerweile zwölfsekündige Erklärungen voran, die darauf hinweisen, dass die Filme rassistische Stereotype beinhalten. Der Fernsehsender HBO hat den Filmklassiker »Vom Winde verweht« (1939) um eine vierminütige kritische Einleitung von Jacqueline Stewart, einer Professorin an der University of Chicago, ergänzt, die klarstellt, dass der Film in ahistorischer Manier die Gräuel der Sklaverei ausblendet.

Die WWE hingegen stand noch nie im Verdacht, ein Hort der Aufklärung zu sein. Ganz im Gegenteil haben sich vor ihren Kameras im Lau­fe ihrer über 40jährigen Geschichte etliche Dinge abgespielt, die – um es vorsichtig auszudrücken – in dieser Form heutzutage nicht mehr möglich wären. Die Rede ist hier nicht von schlichter Gewalt. Geschichten von Morddrohungen gegen andere Wrestler oder auch deren Familienangehörige gehören noch immer regelmäßig zum Geschäft. Es geht vor allem um Rassismus, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit oder auch schlicht und einfach unterirdische Geschmacklosigkeiten.

Angestellte von Peacock sichten daher derzeit die rund 17 000 Stunden Archivmaterial, die im Laufe der kommenden Monate hochgeladen werden sollen. Von zwei Ereignissen ist bereits bekannt, dass sie der Überprüfung zum Opfer gefallen sind. Das eine stammt aus dem Jahr 1990 und zeigt Roddy Piper, der für seinen Kampf gegen den schwarzen Wrestler Bad News Brown die rechte Körperhälfte schwarz bemalt hatte, also mit einem halbseitigen Blackface antrat. Das andere aus dem Jahr 2005 zeigt den CEO und Mehrheitsaktionär Vince McMahon persönlich, wie er den weißen Wrestler John Cena vor den Augen des schwarzen Wrestlers Booker T mit dem N-Wort anspricht – eine Szene, die schon damals für viel Kopfschütteln sorgte.

Um beides ist es sicher nicht schade. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie weit die Zuständigen bei Peacock gehen werden. Was ist mit Val Venis und den japanischen Wrestlern, die ihn nackt anketteten und drohten, ihm mit einem Samuraischwert den Penis abzuhacken? Was mit Triple H – mittlerweile im richtigen Leben Schwiegersohn von Vince McMahon und Vizepräsident der WWE – und seinem Versuch, eine in einem Sarg liegende Tote zu schänden? Oder mit Jerry Lawler, der 1997 Goldust vor einem Match als »flaming fag« (in etwa: Superschwuchtel) beschimpfte? Und was ist mit den unzähligen Bra-and-Panties-Matches, bei denen diejenige Frau gewann, die als erste ihre Gegnerin bis auf die Spitzenunterwäsche ausgezogen hatte? Das letzte Match dieser Art gab es 2005, so lange ist das nicht her.

Seit 2005 hat sich jedoch viel getan. Frauenwrestling ist ein selbstverständlicher Teil des Programms geworden, es gibt offen homosexuelle Wrestlerinnen und Wrestler und von den aktuellen Titelträgern sind mehr als die Hälfte nichtweiß. Das Produkt der WWE wirkt 2021tatsächlich weitgehend zeitgemäß.

Selbstverständlich ist das keineswegs. Der Vollzeitpatriarch Vince McMahon hat auch im Alter von 75 Jahren das Zepter fest in der Hand und dirigiert so gut wie alles, was in seiner Firma passiert. Regelmäßig schreibt er kurzfristig, teilweise sogar nach Sendebeginn, die Drehbücher der Shows um und verändert dabei das Geschehen oft in wesentlichen Zügen. Wer ein Star wird und wer nicht, hängt oftmals einzig und ­allein von seinem persönlichen Geschmack ab. Erst kürzlich wurde der mexikanische Wrestler Andrade, auch bekannt als La Sombra, auf eigenen Wunsch hin entlassen, weil er, der vielen Experten als einer der besten seines Fachs weltweit gilt, für sich in der WWE keine Zukunft mehr sah. Gerüchten zufolge war McMahon das Englisch des Wrestlers zu schlecht.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass alternde Chefs ihren Sessel nicht räumen wollen. Im Falle McMahons kommt jedoch erschwerend hinzu, dass er ein enger Freund des ­ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump ist, der wiederum schon mehrfach für die WWE im oder am Ring stand und Mitglied der haus­eigenen Hall of Fame ist. McMahons Frau Linda kandidierte mehrfach ­erfolglos für die Republikaner für politische Ämter. Trump machte sie schließlich 2017 zur Leiterin der Small Business Administration, einer Bundesbehörde, die kleine und mittlere Unternehmen unterstützen soll. 2019 gab sie den Posten jedoch auf, um Vorsitzende der rechten Organisation America First Policies zu werden, die 2020 150 Millionen Dollar für Wahlwerbung zugunsten Trumps ausgab.

Da kann auch die Wahl Hulk Hogans als Co-Moderator für Wrestlemania kaum verwundern. Der berühmte frühere Wrestler war 2015 nach einem Rassismusskandal in hohem Bogen rausgeworfen worden, wurde jedoch drei Jahre später rehabilitiert – vermutlich auch deshalb, weil sein Name noch immer große Zugkraft vor allem bei älteren Zuschauern besitzt.

Dass ihm mit Titus O’Neil ein Afroamerikaner zur Seite stehen soll, legt nahe, dass man an einem besseren Image überaus interessiert ist. Manche sprechen sogar von einem möglichen healing moment. Ob es den wirklich braucht, erscheint zumindest zweifelhaft. Besser als Versöhnung mit den Profiteuren wäre eine Solidarität mit den Opfern des Wrestling-Geschäfts. Und von denen gab es im Laufe der Jahre bei der WWE nun wirklich mehr als genug.