»Kids«, das zweite Album der israelischen Musikerin Noga Erez, klingt noch fulminanter als ihr Debüt

Diese Jugend von heute

Was das Impfen angeht, mag Israel derzeit ganz weit vorne liegen, die Popmusik des Landes erreicht dagegen selten Spitzenplätze in ausländischen Charts. Sicher, es gibt – mal abgesehen von Phänomenen wie Netta, der Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2018 – auch Indiepop-Acts wie Lola Marsh oder Produzenten wie Moscoman, die außerhalb Israels bekannt sind, oft allerdings nur ­innerhalb der jeweiligen Musikszene.

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Noga Erez ist da eine Ausnahme. Die Musikerin aus Tel Aviv tauchte mit ihrem Debütalbum »Off the Radar« im Jahr 2017 auf dem Radar des internationalen Pop auf, mit einem Sound, der von zeitgenössischer elektronischer Musik, HipHop und ­Hochglanz-Mainstream-Pop gleichermaßen geprägt war. Allein weil sie aus Israel kommt, wurde sie zum Politikum – zum Beispiel als sie sie 2018 beim Berliner Pop-Kultur-Festival auftrat, das sich wegen einer geringfügigen finanziellen Förderung durch die israelische Botschaft den unvermeidlichen Boykottaufrufen der BDS-Kampagne ausgesetzt sah. Davon unbeeindruckt, wirkte Erez 2020 bei der Online-Ausgabe des Festivals erneut mit.

Nun ist mit »Kids«, das zweite Album der 31jährigen, erschienen, und es ist in jeder Hinsicht eine Nummer größer als das Debüt: Es ist aufwendig produziert und klingt nach wuchtigem, opulentem Pop, bei dem man so unterschiedliche Einflüsse wie Kendrick Lamar, Gorillaz oder Nancy Sinatra ausmachen kann. Die Stücke hat Erez wie immer gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner und Lebensgefährten Ouri Rousso eingespielt – man kann »Noga Erez« durchaus auch als Duo verstehen.

Es habe auch mit der Covid-19-Pandemie zu tun, dass »Kids« nun so hochpoliert klingt, erklärt Erez im Gespräch mit der Jungle World. »Eigentlich waren alle Songs für das Album schon Anfang 2020 fertig. Dann wurde alles abgesagt und verschoben. Wir hätten nun das Album abschließen und beginnen können, an neuen Songs zu arbeiten. Aber es fühlte sich besser für uns an, all die Stücke, an denen wir zwei Jahre gearbeitet hatten, noch mal anzupacken und aufzufrischen. Erst so wurden viele Tracks zu dem, was sie jetzt sind.«

Dass Erez eine Musikkarriere einschlagen würde, war früh absehbar. Aufgewachsen in Caesarea, einem Städtchen zwischen Tel Aviv und Haifa, nahm sie schon als Kind Klavier- und Gitarrenunterricht. Später studierte sie an der Jerusalem Academy of Music and Dance, ihren Armeedienst konnte sie als Militärmusi­kerin absolvieren.

Erez spielte in ihren frühen Erwachsenenjahren in der inzwischen aufgelösten Indie-Band The Secret Sea, ehe 2017 ihr Debüt unter eigenem Namen erschien. Mittlerweile lebt und arbeitet sie gemeinsam mit Rousso in einer Wohnung im Süden Tel Avivs. Teile des neuen Albums sind auch in Los Angeles und Berlin entstanden.

»Kids« behandelt viele große Themen der Zeit – abgesehen von der Pandemie, die spielt fast keine Rolle. Durch das Album zieht sich das Sample eines Ausspruchs von Erez’ Mutter: »Kids these days!« hört man diese gleich zu Beginn sagen, das Sample wird später einige Male wiederholt.

»Kids« behandelt viele große Themen der Zeit – abgesehen von der Pandemie, die spielt fast keine Rolle.

Mehr noch als mit den »Kids these days«, also der »Jugend von heute«, beschäftigt sich Erez aber mit den heutigen Zeiten generell. Sie singt über die Möglichkeit, sich Likes, Shares und Views über Webportale zu kaufen, um das virtuelle Ego zu streicheln (»Views«), oder über das in Israel omnipräsente Antidepressivum Cipralex (»Cipi«). Die ersten Zeilen dieses Songs lauten: »I’ve been deep, deep, deep, deeply depressed / Get help, they might suggest / Trash talk, I take offence.« Im Interview sagt sie, sie »staune, wie normal und allgegenwärtig es geworden« sei, »dieses Medikament einzunehmen. Man braucht dazu nicht mal einen Facharzt aufzusuchen.«

In dem persönlichsten Song des Albums, »You so done«, singt Erez hingegen über eine lange zurückliegende Beziehung zu einem Mann, der sie psychisch fertigmachen wollte. Im Refrain heißt es: »What a joke /What a joke you made me / What’s a queen to a joker? Tell me.« Ähnlich wie hier gelingt es Erez sehr oft, ihre Themen zu verdichten – jede Songzeile sitzt.

Wie schon auf »Off the Radar« handeln ihre Texte auch vom News-Overkill: »I don’t wanna look at my phone any more / I don’t wanna roll like a stone any more / I cannot hear my thoughts in this silence no more / Bring back the noise«, texten Erez und Rousso in »No News on TV«. Erez will das nicht als Aufforderung verstanden wissen, sich dem Weltgeschehen zu entziehen. »Ich habe eine Zeitlang obsessiv die Nachrichten verfolgt, das war wie eine Droge für mich, es war mir wichtig, über alles in der Welt informiert zu sein. In dem Song geht es nun darum, dass ich es auf einer emotionalen Ebene verstehe, wenn man sagt: Ich will das alles nicht mehr sehen und hören. Einfach weil man zu wenig durchblickt. Es geht sicher nicht darum zu sagen, man solle sich nicht informieren, was auf der Welt los ist.«

Das würde auch ihrem eigenen Tun widersprechen, denn natürlich ist Erez informiert und natürlich geht es auf ihrem Album auch um Politik und um die Situation in Israel. Dabei nimmt sie aber keinen dezidierten Standpunkt ein, eher beschreibt sie in den Songs den Stand der Dinge. Im Titeltrack »Kids« konstatiert sie lapidar: »Peace is dead now, rest in peace.« Auch im Gespräch sagt sie, Frieden sei auf beiden Seiten kein Thema mehr, die politische Führung beider Seiten versage seit sehr langer Zeit. In »Fire Kites« beschreibt Erez, wie 2018 während der israelischen Feierlichkeiten zum 70. Jubiläum der Staatsgründung »Feuerdrachen«, mit Brandsätzen behängte Drachen, von Gaza aus über die Grenze flogen.

Es ist der Kniff dieses Albums, dass all diese schweren Themen im leichten Popgewand daherkommen, mit knallenden Bässen, mit Bläser-Sounds, mit Chören. Dabei sind sehr viele verschiedene Facetten von Popmusik zu hören: Erez erweist sich als tolle Rapperin, die HipHop und R’n’B à la Tyler, the Creator oder Anderson Paak manisch studiert hat (in »Kids« oder »Knockout«), Retro-Perlen im Stil des »Great American Songbook« hat sie ebenfalls drauf (»Switch Me Off«), und »Cipi« ist mit seinem orchestral-knackigen Sound auch als Song ein wirksames Antidepressivum.

Die 13 Stücke wollen den großen Auftritt, die große Bühne. Angesichts der pole position beim Impfen ist ­die Hoffnung in Israel auch etwas größer, dass es mit Auftritten schon bald etwas wird. Bereits im Februar, als das Interview mit der Jungle World stattfand, sprach Erez von einer hoffnungsvollen Stimmung in Tel Aviv: »Ich selbst habe meine erste Impfdosis bekommen. Wir planen gerade wieder Konzerte für die kommenden Monate, ich bin vorsichtig optimistisch. Andererseits: Wenn ich eines während der Pandemie gelernt habe, so ist es, nicht auf Pläne zu vertrauen … « Als gesichert darf hingegen gelten, dass sich ihre Musik bestens für den postpandemischen Dancefloor eignen wird. 


Noga Erez: Kids
(City Slang)