Ein Drittel des Pflegepersonals erwägt, aus dem Beruf auszusteigen

Pflexit mit Ansage

Ein Drittel des Pflegepersonals erwägt, aus dem Beruf auszusteigen. Das liegt an den Zumutungen, die die Covid-19-Pandemie mit sich bringt, aber mehr noch an den jahrzehntelangen Einsparungen in dem Bereich.

»Pflexit« ist eine Bezeichnung für den Ausstieg Pflegender aus ihrem Beruf. Das Wort kam zu Beginn der Covid-19-­Pandemie auf, beschreibt aber bisher nur ein Szenario und kein Phänomen. Die 9 000 Berufsaussteiger und Berufsaussteigerinnen im vergangenen Jahr müssen nicht von der Covid-19-­Pandemie demotiviert worden sein, statistisch ist das Jahr kein Ausreißer.

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Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass es demnächst zu einem Exodus aus der Pflege kommen wird. Der deutsche Berufsverband für Pflegeberufe hat in einer bundesweiten Umfrage aus dem Dezember herausgefunden, dass ein Drittel der Pflegenden erwägen, aus dem Beruf auszusteigen. Als Gründe nannten sie Überlastung, mangelnde Schutzausrüstung und keine oder unsystematische Coronatests. Im ersten Pandemiesommer ­waren der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge weltweit zehn Prozent aller Covid-19-Fälle Angestellte aus dem Gesundheitssektor. Der Weltverband der Pflegekräfte schätzt, dass bisher insgesamt 3 000 Pflegekräfte in 60 Ländern an Covid-19 verstorben sind. In Deutschland waren bis Ende März nach Angaben des Robert-Koch-Instituts mindestens 136 600 Pflegende mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen.

Die Personalsituation in der Pflege war schon vor der Krise katastrophal. Bereits 2016 fehlten mehr als 100 000 Vollzeitstellen in der Krankenhauspflege, gemessen am Pflegebedarf der Patientinnen und Patienten. In den Altenheimen müssten sogar an die 120 000 zusätzlicher Stellen geschaffen werden, um die Voraussetzungen für fachgerechte Pflege zu erfüllen. Das hat der Pflegewissenschaftler Heinz Rothgang im Auftrag der Bundesregierung ermittelt.

Auch die fortschreitende Diskursverrohung im Lauf der Pandemie hat Spuren hinterlassen.

Schon jetzt können aber 20 000 bis 30 000 vorhandene Stellen nicht besetzt werden. Der Pflegeberuf ist weder finanziell noch in Hinblick auf die Arbeitsbedingungen attraktiv. Seit Anfang des Jahrtausends setzt sich in sozialen Einrichtungen, auch in denen der Kirche, eine immer stärker auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Unternehmenspolitik durch. In solchen Einrichtungen jedoch gibt es aber außer den Personalkosten fast keine Einsparmöglichkeiten. Entsprechend waren die Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre so niedrig, dass von ihnen inflationsbereinigt nichts übrig blieb. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Lohnentwicklung in den verschiedenen Branchen prognostiziert: »Die durchschnittlichen Bruttojahresverdienste im Gesundheits- und Sozialwesen werden selbst 2025 um 4 400 Euro unterhalb des durchschnittlichen Einkommens liegen«, es drohten unteren Einkommensgruppen inflationsbedingt »sogar reale Einkommensverluste«.

Auch Personalmangel, begrenzte Entscheidungsbefugnisse und fehlende Anerkennung verleiden den Pflegeberuf. Das waren auch entscheidende Forderungen des Streiks an der Berliner Charité 2017: Es ging nicht ums Finan­zielle, sondern darum, dass in deutschen Krankenhäusern eine ­Pflegekraft im Schnitt mehr als zehn Patientinnen und Patienten zu versorgen hatte. Zwar gab es an der Charité in einigen Bereichen bereits eine Personaluntergrenze, Verdi wollt jedoch einen einklagbaren Personalschlüssel für alle Stationen erreichen. Die Beschäftigten betonten, dass sie streikten, um verantwortungsvoll arbeiten und den zu Pflegenden gerecht werden zu können. 2019 hat das Bundesgesundheitsministerium per Verordnung Untergrenzen für das Pflegepersonal festgelegt. Pandemiebedingt wurden diese jedoch teilweise wieder aufgehoben.

In der Krankenpflege arbeiten der Bundesagentur für Arbeit zufolge 43 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, in der Altenpflege sind es sogar 56 Prozent. Schichtbetrieb und Wochenenddienste, aber auch die physisch und psychisch sehr fordernde Arbeit verlangen nach längeren Ruhezeiten, als sie eine Vollzeitstelle zulässt. Wie die Arbeitsbedingungen an einem ganz normalen Tag auf Station aussehen, hat die Sondersendung zum Pflegenotstand »Nicht selbstverständlich« von Joko und Klaas bei Pro Sieben erst Ende März ausführlich dokumentiert. Einen Hinweis auf die hohe Belastung liefert der Krankenstand, bei dem Pflegeberufe zuverlässig auf den vorderen Plätzen landen. Die häufigsten Gründe für Krankschreibungen sind psychische Belastung und Muskel-Skelett-Erkrankungen. Andere Länder haben die Notwendigkeit längerer Ruhepausen erkannt: In Norwegen beispielsweise umfasst eine Vollzeitstelle nur 35,5 Wochenarbeitsstunden.

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege finden zu wenig Beachtung, höchstens wird über Pflegende gesprochen, aber kaum einmal mit ihnen. Viele trauen sich auch nicht, die Missstände anzuprangern. Die examinierte Intensivkrankenpflegerin Kathrin Hüster hatte dem Spiegel zu Beginn der Pandemie ein großes Interview gegeben und anschließend wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen selbst gekündigt. Trotz zahlreicher Bewerbungen fand sie anschließend in ihrem Bereich keine Stelle mehr, trotz des eklatanten Fachkräftemangels.

Im sozialen und pflegerischen ­Bereich haben kirchliche Träger großen Ein­fluss. Das hat negative Auswirkungen auf die Bezahlung und auf die Organisierung. Vor kurzem scheiterten die Tarifverhandlungen in der Altenpflege an der Caritas. Sie blockierte die Einführung des fertig verhandelten Flächentarifvertrags mit fadenscheinigen Argumenten. Damit verhinderte sie auch eine bessere Bezahlung für die Pflegenden bei den noch sehr viel schlechter bezahlenden privaten Trägern. Möglicherweise war dies auch das Ziel der Blockade: Die Arbeitsbedingungen bei der Konkurrenz schlecht zu halten, um sich selbst angesichts des Fachkräftemangels ­weniger Sorgen machen zu müssen.

Die Verantwortlichen bedauerten zwar die Entscheidung, leider könne man aber nichts machen, so sei eben abgestimmt worden. Eine Wiederholung der Abstimmung »widerspricht unserem Demokratieverständnis«, sagte der Sprecher der Dienstgeberseite, Norbert Altmann. Der Wahlspruch der ­Caritas lautet übrigens: Not sehen und handeln.

Auch die fortschreitende Diskursverrohung im Lauf der Pandemie hat Spuren hinterlassen. Die Frage, wer um welchen Preis geschützt werden soll, betrifft außer den Angehörigen von Risikogruppen vor allem Menschen, die in sensiblen Bereichen arbeiten. Einige Politiker hatten vorschlagen, die Risikogruppen sollten sich doch selbst durch Isolation vor Ansteckung schützen, um allen anderen möglichst ­viele Freiheiten zu ermöglichen. Diesen Selbstschutz können Menschen, die Pflege oder Assistenz brauchen, jedoch in der Regel gar nicht leisten. Das stellt Pflegende vor die Wahl, ohne Rücksicht auf die besonderen Gefahren für die Pflegebedürftigen so normal wie möglich weiterzuleben oder sich aus Selbst- und Fremdschutz zu isolieren, so weit es geht. Da in der Pflege viel in Teams gearbeitet wird, liegt diese Entscheidung nicht nur bei den ­einzelnen Pflegenden. In vielen Teams kam es darüber zu Auseinandersetzungen und Zerwürfnissen. Das ist eine zusätzliche Belastung in einer ohnehin schon angespannten Situation.

Unter solchen Voraussetzungen ist dieses System nicht zu retten. Die Abwanderung aus dem Beruf ist für die Einzelnen die logische Konsequenz. Anwerbungen aus dem Ausland, wie sie vom Bundesgesundheitsministerium gefördert werden, können das Problem hier nicht beheben, es dafür aber in ­ärmeren Weltregionen verschärfen. Zurzeit gibt es etwa 28 Millionen Pflegekräfte weltweit, davon werden bis zum Jahr 2030 vier Millionen in Rente gehen, und es fehlen der WHO zufolge jetzt schon sechs Millionen Kräfte.

Wie viele Nichtdeutsche sich tatsächlich würden anwerben lassen wollen, ist ebenfalls unklar. Vor der Pandemie zeigten Studien, dass die Arbeitsbedingungen in anderen westlichen Ländern wie Großbritannien oder Schweden teils deutlich besser sind. Es deutet wenig darauf hin, dass es in Deutschland einen Paradigmenwechsel und damit eine grundsätzliche Aufwertung der Pflege geben wird. Die Pflege brennt nach und nach aus, die Pandemie ist nur ein Brandbeschleuniger.