Die Alphabet Workers Union kämpft für Arbeiterrechte beim Dachkonzern von Google

One Small Union

Die Alphabet Workers Union ist die erste betriebseigene Gewerkschaft in einem der großen US-amerikanischen IT-Konzerne. Sie kämpft für Arbeiterrechte und Mitbestimmung.
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Es hat eine Weile gedauert: Nach jahrelangen Versuchen, Beschäftige von Google institutionell zu organisieren, gründeten Hunderte Angestellte des ­IT-Konzerns Alphabet, des 2015 gebildeten Dachkonzerns von Google, die ­Alphabet Workers Union (AWU). Die AWU, die zur nationalen Gewerkschaft Communications Workers of America (CWA) gehören wird, ist die erste Gewerkschaft, die sich in einem großen US-amerikanischen IT-Konzern gegründet hat. In den ersten drei Monaten ihres Bestehens konnte sie mehr als 800 Mitglieder gewinnen, die ein Prozent ihres Einkommens als Gewerkschaftsbeitrag abführen. Als sogenannte Minderheitsgewerkschaft vertritt die AWU nicht alle Alphabet-An­gestellten und handelt keine Arbeitsverträge aus. Dafür kann sie auch freie Mitarbeitende sowie Angestellte bei Subunternehmen vertreten, die ­einen großen Teil der über 260 00 Menschen ausmachen, die für Alphabet arbeiten.

Immer wieder hat die Geschäfts­führung von Alphabet gezeigt, dass auch dieser Großkonzern, der lange das Image eines Unternehmens mit flachen Hierarchien pflegte, autoritär funktioniert.

Für die Organisation von Beschäftigten in der US-amerikanischen IT-Branche ist die Gründung der AWU ein großer Schritt. »Wir schreiben das Jahr 2021 – das Jahr, in dem Tech-Unternehmen wie Amazon und Google Arbeiterinnen und Arbeiter gegenüberstehen, die verstehen, dass sie von den Firmen, die von den Arbeiterinnen und Arbeitern aufgebaut worden sind, Besseres verdienen«, schrieb das AWU-Mitglied Shannon Wait am 31. März optimistisch auf Twitter. Damit spielte sie auch auf Arbeitskämpfe beim Logistikkonzern Amazon an. In Bessemer, Alabama, stimmten vergangene Woche erstmals Beschäftigte in einem Amazon-Logistikzentrum in den Vereinigten Staaten über die Gründung einer betrieblichen Gewerkschaft ab. Doch der Versuch scheiterte: 1 98 Arbeiter stimmten gegen, und nur 738 für die Gründung ­einer Gewerkschaft.

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Wait war eine der ersten Angestellten von Alphabet, deren Rechte die neue Gewerkschaft verteidigte. Ende Januar wurde ihr von Adecco, einem für Google tätigen Dienstleister, gekündigt. Der AWU zufolge hatte Wait ihre Kolleginnen und Kollegen dazu angeregt, sich über ihre Bezahlung auszutauschen. Sie sei entlassen worden, weil sie sich für den Beitritt von Beschäftigten zu der Gewerkschaft eingesetzt habe. Wait zufolge begründeten ihre Vorgesetzten im Gespräch mit ihr die Kündigung damit, dass sie mit einem Beitrag auf Facebook die Geheimhaltungsvereinbarung mit ihrem Arbeitgeber verletzt habe.

Die AWU legte beim National Labour Relations Board (NLRB), einer für Arbeitsrecht zuständigen US-Behörde, eine Beschwerde ein. Vorigen Monat konnte die AWU Waits Wiedereinstellung erwirken. Die Geschäftsführung von Adecco musste sich verpflichten, ihre Beschäftigten mit Aushängen darüber zu informieren, dass sie sich gewerkschaftlich organisieren und von der Geschäftsführung nicht dafür bestraft werden dürfen. Damit habe die Gewerkschaft »sowohl Google als auch seinen Sub­unternehmer für die Verletzung des Arbeitsrechts zur Rechenschaft gezogen«, schrieb Wait am 31. März auf Twitter.

Immer wieder hat die Geschäfts­führung von Alphabet gezeigt, dass auch dieser Großkonzern, der lange das Image eines Unternehmens mit flachen Hierarchien pflegte, autoritär funktioniert.

Nicht immer gingen Arbeitskonflikte bei Alphabet so günstig für die Angestellten aus. Immer wieder hatte die Geschäftsführung in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Kommunikation und Verhandlungen auch in diesem Großkonzern, der lange das Image eines Unternehmens mit flachen Hierarchien pflegte, autoritär funktionieren. Die Gründung der AWU ist auch eine Reaktion darauf.

Vor zwei Jahren beklagten Organisatorinnen und Organisatoren einer Protestveranstaltung gegen sexuelle Belästigung und Diskriminierung bei Google, an der 2018 Tausende Angestellte teilgenommen hatten, dass das Management sie dafür bestraft habe. Für öffentliche Diskussionen sorgte auch die Entlassung von Timnit Gebru im Sommer vorigen Jahres. Der Gründerin der Abteilung für »Ethik in der Künstlichen Intelligenz« bei Google wurde die geplante Veröffentlichung eines kritischen Forschungspapiers untersagt. Ihr Vertrag war in der Folge aufgelöst worden. Gebru hatte in ihrer Zeit bei Google rassistische Diskriminierung in der Technologieentwicklung kritisiert – in den Firmenstrukturen wie in den ent­wickelten Produkten.

Die Gründung der AWU ist auch Ausdruck einer allgemeinen Politisierung unter Arbeiterinnen und Arbeitern in der IT-Branche in den vergangenen Jahren. Der Autor und IT-Arbeiter Ben Tarnoff schildert in seinem vergangenes Jahr in deutscher Übersetzung in der Zeitschrift Das Argument veröffentlichten Text »Die Entstehung der Techarbeiterbewegung als Lernprozess«, wie Facebook-An­gestellte vom streikenden Kantinenpersonal des ­Konzerns gelernt hätten, sich arbeitsrechtlich zu organisieren. Zudem hätten viele eine distanziertere Haltung zu den Interessen der Unternehmensführung entwickelt. Die Zeit nach der Wahl Donald Trumps zum ­US-Präsidenten sei für viele IT-Arbeiterinnen und -Arbeiter entscheidend gewesen, schreibt Tarnoff. Trumps rassistische Äußerungen standen ihrer Ansicht nach im Widerspruch zu den erklärten Werten der Silicon-Valley-Konzerne und dem Motto von Google, »Don’t be evil«. Als sich der Geschäftsführer von Alphabet, Larry Page, und Führungspersonen von Apple, Facebook und Amazon bereits wenige Wochen nach der Wahl zu einem öffentlichkeitswirksam inszenierten Treffen mit dem damals neuen Präsidenten im Trump Tower versammelten, sei das für viele ein Schock gewesen.

Die AWU-Gründungsmitglieder, die sich auf der Website der Gewerkschaft vorstellen, sind vorwiegend Angestellte in der Softwareentwicklung, oft mit verhältnismäßig sicheren Festanstellungen und guten Gehältern. In kurzen Aussagen drücken sie die Ziele der Gewerkschaft aus: Mitbestimmung, Gleichstellung und Schutz vor Repression. Die Softwareentwicklerin Emily Li sagt: »Wir brauchen eine Gewerkschaft, weil die einzige Antwort auf die Ausbeutung der Arbeiterinnen kollektive Macht und Solidarität sind.« Eine Person schreibt anonym: »Als Transperson habe ich eklatante Diskriminierung in der Branche erlebt. Ich weiß, dass eine Gewerkschaft notwendig ist, um die Rechte aller Arbeitenden zu schützen, insbesondere die Rechte von Minderheiten.« Auch die politische Dimension der Technologie, die sie produzieren, sprechen AWU-Mitglieder an. »Wir müssen Alphabet für seine ethischen Verstöße in den vergangenen Jahren zur Rechenschaft ziehen, sowohl gegenüber unseren Kolleginnen als auch gegenüber der Welt insgesamt«, schreibt die Softwareentwicklerin ­Natalie Weizenbaum.

Die AWU wendet sich auch gegen die Ungleichbehandlung von Beschäftigten bei Alphabet und den zahlreichen Tochterunternehmen des Konzerns. Neben Google besteht Alphabet aus zehn weiteren Unterfirmen: Waymo beispielsweise ist das Unternehmen für selbstfahrende Autos, Deep Mind ist auf künstliche Intelligenz spezialisiert, ­Sidewalk Labs ist ein urbanes Infrastrukturprojekt und Wing entwickelt und vermarktet Drohnen zur Warenauslieferung. Hinzu kommen zahlreiche Subunternehmen und Dienstleister. Dem Jahresbericht 2020 zufolge hatte Alphabet in den USA 135 00 Festan­gestellte. Die Gesamtzahl der Menschen, die für den Konzern über ein Netz verschiedener Arbeitgeber und Subunternehmen – wie beispielsweise Adecco – oder als freie Mitarbeitende arbeiten, ist jedoch noch größer.

Die meisten derjenigen, die für Alphabet arbeiteten, seien deshalb nicht fest angestellt und schlechter gestellt als die Kernbelegschaft, kritisierte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft, Chewy Shaw, am 25. März bei einer Diskussion zur Frage »Unionizing in Big Tech – Why now?« Schwarze Menschen und people of color seien hiervon übermäßig betroffen. Bezahlung und soziale Absicherung unterschieden sich deutlich, und auch die Krankenversicherung für nicht Festangestellte werde oft nicht übernommen, obwohl »viele dieser Menschen jahrelang ausschließlich für Google gearbeitet« hätten.

Die AWU fordert angesichts der gesellschaftlichen Relevanz von Technologie auch mehr Mitbestimmung und Transparenz. »Wir wollen die Freiheit haben, zu diskutieren und selbst zu entscheiden, wie wir uns an verschiedenen Projekten beteiligen wollen«, sagte Shaw bei der Diskussionsveranstaltung. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Konflikte über die gesellschaftlichen Auswirkungen der von Google und Alphabet entwickelten Technologien. 2011 protestierten Beschäftigte gegen die Einführung einer Pflicht zur Verwendung des echten Namens im sozialen Medium Google Plus. 2018 wehrten sich Beschäftigte gegen das »Project Maven«, bei dem für die US-Luftwaffe Militärtechnologie entwickelt wurde. Ähnliche Proteste gab es im selben Jahr gegen die Entwicklung einer zensierbaren Suchmaschine.

Voriges Jahr forderten im Kontext der Bewegung »Black Lives Matter« über 1 00 Beschäftigte von Alphabet in einer internen Petition, der Konzern solle keine Technologie mehr an Polizeibehörden verkaufen. Die Petition kri­tisierte außerdem unter anderem, dass Google-Technologie zur Migrationskontrolle mittels Drohnenüberwachung verwendet werde. Shaw sagte, AWU-Mitglieder wollten vermeiden, erst im Nachhinein festzustellen, dass sie mit ihrer Arbeit Leben zerstören.