Matthew Kaspar und Orkhan Mammad vom aserbaidschanischen Exilmedium Meydan TV im Gespräch über Journalismus in der Diktatur

»Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel«

Matthew Kasper ist ­Herausgeber des 2013 im Exil gegründeten aserbaidscha­nischen Online-Nachrichten­portals Meydan TV, Orkhan Mammad arbeitet dort als Journalist. Die Redaktion ­befindet sich in Berlin-Kreuzberg. Auf Facebook hat das Portal fast 750 000 Abonnenten.
Interview Von

Die NGO Reporter ohne Grenzen stuft Aserbaidschan in ihrer internationalen Rangliste der Presse­freiheit auf Platz 168 von 180 ein. Wie ist es möglich, über Ereignisse in Aserbaidschan zu berichten?
Matthew Kasper
: Es ist ein bisschen ein Katz-und-Maus-Spiel: Berichterstattung ist in Aserbaidschan in Grenzen möglich, solange sie nicht zu sensible Bereiche berührt, etwa den Präsidenten Ilham Alijew und seine Familie oder den staatlichen Ölkonzern Socar. Unser Sitz ist in Berlin. Aber über zehn Per­sonen berichten für uns aus Aserbaidschan.
Oft werden Reporterinnen festgenommen und dann nach einigen Stunden wieder entlassen. Die staatlichen Sicherheitsdienste üben Druck auf unsere Mitwirkenden aus, tolerieren unsere Arbeit aber in einem gewissen Maß. Vor ein bis zwei Jahren hat sich die Situation für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen etwas entspannt.

»Die Menschen in Aserbaidschan verstehen, dass sie in einer Diktatur leben.«
Orkhan Mammat

Weshalb?
M.K.:
Es ist schwer einzuschätzen, was die Regierung damit bezweckt. Einige Experten vermuten, dass der Staat wenige unabhängige Medien zulässt, weil er ja selbst irgendwie erfahren muss, was im Land vor sich geht. So gesehen helfen wir der Regierung, auf Probleme aufmerksam zu werden, bevor sie ­außer Kontrolle geraten. Wir können auch international als Beleg dafür herhalten, dass es doch so etwas wie Pressefreiheit in Aserbaidschan gibt, obwohl die Regierung sonst alles versucht, um uns das Leben so schwer wie möglich zu machen.

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Welche unabhängigen Medien gibt es in Aserbaidschan?
Orkhan Mammad
: Nahezu alle Medien werden direkt oder indirekt vom Staat kontrolliert. Außer Meydan TV sind die einzigen größeren unabhängigen ­Medien in aserbaidschanischer Sprache die vom Ausland finanzierten Sender Radio Free Europe/Radio Liberty, Voice of America oder die BBC. Auch wir sind auf Geldgeber angewiesen. In einem freien Land könnten wir uns mit Anzeigen finanzieren, aber kleine Unternehmen wagen es nicht, Anzeigen in unabhängigen Medien zu schalten. Alle unsere Internetseiten sind in Aser­baidschan geblockt. Unsere Accounts in den sozialen Medien werden regelmäßig angegriffen.

Gibt es in Aserbaidschan Raum für politische Opposition?
O.M.:
Die Menschen verstehen, dass sie in einer Diktatur leben. Die Alijew-­Familie ist seit 30 Jahren an der Macht, die jüngere Generation kennt also gar nichts anderes. Um die Präsidentschaftswahl im Jahr 2013 herum gab es viel politische Aktivität, aber dann wurde die Repression intensiviert und viele Menschen wurden aus politischen Gründen inhaftiert. Seitdem wird die Situation immer schlechter.

Wie groß ist das Interesse an Ihrer Berichterstattung?
O.M.:
Wenn wir Enthüllungsvideos über die Korruption der Herrschenden machen, sehen das Millionen von Menschen und äußern sich empört in den sozialen Medien. Überhaupt schaffen wir es regelmäßig mit unseren Berichten, die aserbaidschanischen ­Debatten in den sozialen Medien zu bestimmen. Aber die Regierung lässt kaum Raum für politische Aktivitäten.

Ist der Korruption von Abgeord­neten der deutschen CDU durch die aserbaidschanische Regierung im Land Thema gewesen?
O.M.:
Das hat unser Publikum schon interessiert, auch, weil die Leute ja wissen, dass es letztlich ihr Geld ist, das da fließt. Aber es ist ja kein neues Thema. Dass Merkels Partei von der aserbaidschanischen Regierung korrumpiert wird, wusste man seit Jahren. Die deutsche und die aserbaidschanische ­Regierung haben wegen der Energiegeschäfte mit der EU eine gute Beziehung. Von Deutschland kommt nicht viel Kritik.
M.K.: Ich vermute, dass das nicht nur am Öl und Gas liegt, sondern dass man in Europa auch die Stabilität der aserbaidschanischen Herrschaft schätzt, im Kontrast zu vielen politisch eher instabilen Nachbarländern im Kaukasus. Dabei ist Aserbaidschan kein weit entferntes Land. Es ist Mitglied des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte und ist zahlreichen Abkommen mit der EU beigetreten.

Wie haben sich die aserbaidschanischen Oppositionellen im Krieg um Bergkarabach verhalten?
O.M.:
30 Jahre lang hat die Regierung dafür gesorgt, dass Bergkarabach als das wichtigste politische Thema in Aserbaidschan wahrgenommen wurde. Diese Propaganda ging 30 Jahre lang jeden Tag im Fernsehen vor sich. Auch die Oppositionsparteien haben die Wiedererlangung dieser Territorien gefordert und die Regierung gewöhnlich auf nationalistische Weise dafür kritisiert, dass sie das nicht erreichen konnte. Im Krieg haben sie dann allgemein die Regierung unterstützt.

Und wie hat die Bevölkerung auf den Krieg reagiert?
M.B.:
Vor allem am Anfang war das Land wie in einer Euphorie. Jüngere Menschen haben meist gar keine Verbindung zu Armeniern mehr, anders als vor 50 Jahren, als Armenier zehn Prozent der Bevölkerung der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ausmachten. Es gibt also kaum Verständnis für die andere Seite, und das wird von der seit 30 Jahren existierenden Propagandamaschinerie immer weiter bestärkt. Hinzu kommt, dass die Ur­sachen des Konflikts sehr kompliziert sind und sich zwei völlig unversöhn­liche Sichtweisen gegenüberstehen. ­Dadurch gibt es kaum Raum für Kompromisse.

Gab es weitere Gründe für die große Unterstützung des Kriegs in Aserbaidschan?
M.B.:
Eine wichtige Rolle spielten die über 700 00 Menschen, die im ersten Krieg vor 30 Jahren aus Bergkarabach oder Armenien nach Aserbaidschan geflohen sind. Ihr persönlicher Wunsch, in ihre Heimat zurückzukehren, wurde in das gemeinsame, nationale Ziel verwandelt, diese Gebiete zurückzuerobern. Alijew hat gut erkannt, dass viele mit dem Status quo unzufrieden waren, weil die internationalen Verhandlungen in der Minsk-Gruppe (1992 von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa gegründete Staatengruppe unter Vorsitz von Frankreich, Russland und den USA, die helfen soll, den Konflikt um Bergkarabach beizulegen, Anm. . ed.) keine Ergebnisse brachten. Das trug dazu bei, dass viele Menschen froh waren, als der Krieg losging und die aserbaidschanischen Streitkräfte erfolgreich waren. Als die Stadt Schuscha eingenommen wurde, feierten die Leute in Baku auf den Straßen.

Wie hat Meydan TV über den Krieg berichtet?
M.B.:
Wir haben versucht, so neutral und objektiv wie möglich zu berichten, obwohl unser Fokus auf Aserbaidschan liegt und wir deshalb kaum Zugang zu armenischen Quellen haben. Wir haben eine neutrale Sprache benutzt, sprachen zum Beispiel nicht von Armenien als »dem Feind«. Aber die Bevölkerung war in einer euphorischen Kriegsstimmung, und das haben wir auch bei unserem Publikum gespürt. Viele waren sehr wütend über unsere Berichterstattung. Wir mussten einen langen Text schreiben, um den Leuten die ethischen Regeln unserer Berichterstattung zu erklären.
O.M.: Viele waren wütend, weil wir beide Seiten gezeigt haben. Wenn unsere Armee ein Krankenhaus beschoss, wenn aserbaidschanische Soldaten Zivilisten bombardierten, haben wir das gezeigt, und dafür wurden wir angegriffen. Wir haben auch über die Berichte von Human Rights Watch und Amnesty International über aserbaidschanische Kriegsverbrechen berichtet. Als Journalist muss man beide Seiten zeigen. Die Leute haben das nicht verstanden.

Wie wurde der Krieg in den Staatsmedien dargestellt?
M.B.:
Unsere Berichterstatter werden vom Staat nicht als Journalisten akkreditiert, weshalb sie nicht zur Front und die Kampfhandlungen filmen konnten. Deshalb haben wir die Regierungsmedien und die Fernsehpropaganda geguckt, weil man so – kritisch betrachtet, natürlich – zumindest ­etwas von dem sehen konnte, was an der Front passierte. Das Fernsehen war natürlich sehr einseitig und die Sprache sehr entmenschlichend. Immer war nur vom »Feind« die Rede, und der Feind waren immer »die Armenier«, nicht die armenischen Streitkräfte. Wenn ein aserbaidschanischer Zivilist getötet wurde, war das ein Skandal, wenn die Gegenseite sagte, armenische Zivilisten seien getötet worden, war das eine Lüge. Die Stimmung war triumphierend. Es war wie, als würde man einem Fußballspiel zuschauen, bei dem das eigene Team ständig nur Tore schießt.

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