Die Chatprotokolle aus der Österreichischen Volkspartei zeichnen ein launiges Sittenbild

Würstl und Schwänze

Die kürzlich veröffentlichten Chatprotokolle des innersten Machtzirkels der ÖVP zeichnen ein launiges Sittenbild des Postengeschachers in Österreich. Auf dem Diensthandy von Thomas Schmid, dem Alleinvorstand des staatseigenen Unternehmens ÖBAG, sollen zudem 2500 Dickpics gefunden worden sein. Dass sich die Netzöffentlichkeit gerade darauf einschießt, sagt mehr über sie aus als über das Opfer ihres Spotts.

In Österreich ist alles ein bisschen sinnlicher, ungelenker, charmant-brutaler und dämlicher als in Deutschland, insbesondere der Rechtskonservatismus und die Korruption. Von den jüngst bekannt gewordenen brisanten Aufdeckungen der Wirtschafts- und Korruptionsanwaltschaft (WKStA) waren zwei Gruppen nicht überrascht: Systemkritiker, die in Korruption das kleinere Übel eines alles und jeden korrumpierenden Kapitalismus erkennen, und die breite Masse der Bevölkerung, die ihre selbstgewählten Verbrecher verehrt wie Slumbewohner ihre Gangsterbosse. Wer von diesen nicht Manns genug ist, den Kuchen der Macht unter sich und seinen Spezln aufzuteilen, gilt nach österreichischem Politikverständnis als inkompetent, links und in metaphorischem Sinn als schwul. Sind die neoliberal-rechtskonservativen Objekte der Wählerbegierde allerdings nicht nur korrupt, sondern auch wirklich schwul, kann Begehren schnell in Verachtung umschlagen.

Als grobe Regel wider gemeinschafts­stiftenden Geifer sollte reichen, dass Sexfotos, so mit ihnen niemand belästigt wurde, Privatsache sind und die Kritik an Politikern von deren Genitalien zu lassen hat.

Zur Erinnerung: Im Rahmen der Arbeit des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur sogenannten Ibiza-Affäre wurden Chatprotokolle sichergestellt, die unter anderem die Inthronisierung des Tiroler Karrieristen und ÖVP-Kabinettschefs Thomas Schmid als Vorstand der Österreichischen Beteiligungs-AG (ÖBAG) dokumentierten, mit der die Republik vor allem ihre Anteile an zuvor privatisierten Staatsbetrieben verwaltet. Aus einem Leak der WKStA tröpfelte Anfang April eine Information über Tausende Pimmelbildchen auf Schmids Diensthandy, welche der ehemalige Politikberater und heutige Youtuber Rudi Fußi sofort per Tweet verbreitete, samt dem Hashtag #beidlgate und einer faschingskompatiblen Umdeutung des Akronyms ÖBAG: Österreichische Beidldatenbank AG. Denn die »Beidln«, wie man in Österreich männliche Genitalien und ungeliebte Menschen nennt, sind immer die anderen.

Anzeige

Man kann die Öffentlichkeit noch so sehr mahnen, private Vorlieben nicht zu skandalisieren – die Gärgase des Bürgergemüts, entstanden unter sozialem Druck, politischer Ohnmacht und kollektiver Regression, suchen sich ihr Ventil bevorzugt bei der sexuellen Abweichung exponierter Menschen. Drücken Spott und zwanghaftes Hihi zu genitalen Anspielungen die eigene sexuelle Unsicherheit aus, der man mittels kollektiver Schmierigkeit Herr zu werden versucht, so bietet die noch immer nicht überwundene Trennung von normaler und abnormaler Sexua­lität Gelegenheit, sich an der Macht, an die man sich durch Unterwerfung und Wahlzettel libidinös gebunden hat, in Gestalt einzelner ihrer Träger zu vergehen.

Als grobe Regel wider diesen gemeinschaftsstiftenden Geifer sollte eigentlich reichen, dass Sexfotos, so mit ihnen niemand belästigt wurde, Privatsache sind und bleiben müssen und die Kritik an Politikern von deren Genitalien zu lassen hat. Zumal in der konkreten Verschränkung von Antikorruptionsermittlung und sexueller Zote latente Schwulenfeindlichkeit mitschwingt, und seien es nur reaktionäre Mythen von der Dekadenz und Perversion abgehobener Eliten. Die funktionieren vor allem als Kontrast zur Grundannahme der gesunden Heterosexualität eines gesunden Volkskörpers, von sauberer Luft und unbefleckter Heimat. Auch die von vielen Linken vorgebrachte Allerweltsphrase, dass das Private politisch sei, versteckt nur zu oft ein Klatschbewusstsein, das gar nichts anderes als das Private kennen will.

Erst wenn man dies beherzigt, lässt sich über den Zusammenhang von Sexualität und Macht, von individuellem und politischem Schwellkörper reflektieren. Schaut man etwas genauer auf das Verhältnis, das die österreichischen Rechten seit den neunziger Jahren zur Homosexualität pflegen, wird man merken, dass diese sich zwar nicht im Kampf um LGBTQ-Rechte hervortaten, aber auch bei der öffentlichen Ächtung von Schwulen, welche die katholische Kirche noch immer betreibt, auffällig kleinlaut geworden sind.

Dem Volksempfinden kam die Regierung dadurch entgegen, dass die gleichgeschlechtliche Partnerschaft zwar akzeptiert, aber ihre rechtliche Gleichstellung mit der Ehe verweigert wurde. Einerseits korreliert das mit einer doch immer größeren Akzeptanz von Homo- und Bisexualität; dass auch die ländliche Dorfjugend mehr und mehr zu küssen verstand, was sie eine Generation zuvor noch verprügelt (und nicht minder begehrt) hätte, verdankt sich vermutlich mehr der Talkshow- und Lifestylekultur als irgendwelchen politischen Maßnahmen. Andererseits dürfen diese relativen Fortschritte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Homophobie sich heutzutage zwar nicht mehr so häufig in Hexenjagden, aber – subtiler, mehrheitsfähiger und nach wie vor demütigend – in normopathischer Toleranz ausdrückt.

Zu Jörg Haiders Zeiten, als jeder ahnte, welcher Natur dessen »Buberlpartie« war, schien es unter allen Parteien einen heimlichen Konsens zu geben, sexuelle Orientierung nicht zum Politikum zu machen. Was wie ein Akt politischer Reife wirkte, dürfte jedoch nicht mehr als ein pragmatischer Nichtangriffspakt gewesen sein, um es sich mit dem homophoben Grundverständnis der Wähler nicht zu verscherzen.

Wäre die Sexualität befreit, was nur nach Überwindung von Herrschaft, Zwang und Warencharakter sein könnte, wäre auch Homosexualität frei von Ächtung wie von der Rücksicht, die ihre Diskriminierung erfordert. Denn wie Heterosexualität ist sie keine einheitliche Disposition, sondern eine Neigung, in der sich alle Scheußlichkeiten und Schönheiten des Lebens kreuzen können. Sigmund Freud konnte Homosexualität nicht anders verstehen als das Steckenbleiben in der narzisstischen Phase der Persönlichkeitsentwicklung, was sich aus der etwas simplen Formel ergab, dass der Homosexuelle im Gleichgeschlechtlichen sich selbst begehrt, also zur reifen Objektbeziehung noch nicht fähig sei. Was als Verallgemeinerung bizarr und schwulenfeindlich sein mag, enthüllt seinen wahren Kern in bestimmten Spielarten homoerotischer Bindungen an politische Macht.

In Männerbündelei, in patriarchalem Maskulinismus schwelt immer verdrängte Homosexualität, und in den Gesellschaften, die sie am meisten ächten, schwelt sie am heißesten. Wo Härte, Selbstentsagung und Konkurrenz männlich, Weichheit, Nachgiebigkeit und Liebe weiblich codiert sind, verspricht die libidinöse Bindung an den Korporal, Leibburschen, Gangführer und politischen Mobster zugleich Teilhabe an »männlicher Stärke«, der lustvoll sich zu unterwerfen sogar von der Schmach »weiblicher Schwäche« reinzuwaschen vermag. Selbst wenn sich Homosexualität in diesen Cliquen nicht physisch auslebt, ist sie das Fluidum, das ihre in permanenter Adoleszenz und Omnipotenzphantasien gefangenen Mitglieder an ihre Führer bindet. Dieses homoerotische Herrschaftsarrangement ist die Mutti aller Schwulen- und Frauenfeindlichkeit, »in welcher«, wie Adorno erkannte, »verdrängte Homosexualität als einzig approbierte Gestalt des Heterosexuellen auftritt. Die Gegensätze des starken Mannes und des folgsamen Jünglings ver­fließen in einer Ordnung, die das männliche Prinzip der Herrschaft rein durchsetzt.«

In Haiders Buberlpartie zeigte sich diese adoleszente Form der Corps-Homosexualität am deutlichsten. Sie alle waren Schafe im Wolfspelz, die Aalglatten von der Österreichischen Volkspartei hingegen sind Wölfchen im geföhnten Schafspelz, eher effeminiert britisch wirkende Varianten narzisstischer Rücksichtslosigkeit und per Wählermandat dauererigierter Allmachtsphantasien. Inhalte, ob Heimatgetue, Religion oder aber liberale Offenheit, sind ihnen austauschbar und Mittel zum Zweck. Die Lippenbekenntnisse zu Geschlechtergerechtigkeit materialisieren sich in Postenbesetzungen mit Frauen, die – wie Thomas Schmid es in einer SMS an Bundeskanzler Sebastian Kurz deutlich machte – »compliant« (etwa: gefügig) und »steuerbar« seien und nicht in den Kern ihrer ­Clique eindringen könnten. Neoliberalismus ist der authentischste Ausdruck sowohl ihrer Weltanschauung als auch ihrer psychischen Innen­ausstattung.

Die sexuelle Konnotation des Schwanzfotos ist noch dessen humanster Aspekt, lächerlich, weil phallokratisch wird es erst als Ikone der Macht. Eine freie Gesellschaft jedenfalls, die den Phallus davon entlastet, Dauersymbol für Macht und Unterwerfung zu sein, würde damit das Dickpic (wie dessen Schwester, das Cuntpic) zum Objekt der Bewunderung und Zuneigung reifen lassen. Im gegebenen Fall sind die geheimen Leidenschaften des Handybesitzers, die besser geheim ge­blieben wären, noch immer die sympathischeren Aspekte seiner digitalen Existenz. Viel verstörender als die ­Ablichtungen unschuldiger Körperteile wären 200 Selfies von Kurz, Blümel, Nehammer und Co. auf Thomas Schmids Diensthandy.