Drogennutzer*nnen in Frankfurt am Main kämpfen mit den Folgen der Pandemie

Das Virus und die Straße

Die Covid-19-Pandemie brachte für Drogenkonsumenten im Frankfurter Bahnhofsviertel neue Härten. Hilfsangebote sind nur eingeschränkt zugänglich.

Während nur einen Block weiter teure Restaurants leer stehen, hocken an der Ecke Nidda- und Moselstraße im Frankfurter Bahnhofsviertel Menschen dicht beieinander, teilen sich Spritzen oder schlafen ihren Rausch aus. Das Viertel ist bekannt für seine offene Drogenszene, daran hat auch die Covid-19-Pandemie nichts geändert. Doch auch für Drogennutzer bedeutet die Pandemie tiefe Einschnitte in ihren Alltag. Während sich andere Menschen um ihren nächsten Urlaub sorgen oder im Homeoffice arbeiten, geht es bei ihnen um das nackte Überleben.

Mit Handschuhen und Mundschutz füllt das Team des Drogenhilfevereins Basis e. V. Ohrstöpsel, Einmal-Sniffblättchen und Portionierer in Plastiktaschen.

»Das größte Problem ist es, Geld zu verdienen, besonders während der Lockdowns«, sagt Bernd Werse vom Centre for Drug Research der Goethe-Universität Frankfurt. Er forscht seit Jahren über die Frankfurter Drogenszene. Betteln, Prostitution, Flaschensammeln oder Diebstahl: All diese Methoden, die Sucht zu finanzieren, sind in der Pandemie stark eingeschränkt.

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Das zweite Problem ist die Unterkunft. In der Pandemie drohen noch mehr Menschen ihren Wohnsitz zu verlieren. In Sammelunterkünften für Wohnungslose sind Hygienemaßnahmen nur schwierig zu verwirklichen. Viele ziehen das Leben im Freien vor, wo die Ansteckungsgefahr geringer ist. Die Wohnungslosen fallen auf den in der Pandemie leeren Straßen des Bahnhofsviertels nicht nur mehr auf, es sind stellenweise tatsächlich mehr als früher.

Präventionsvideos auf Youtube
Ein Industriegebäude in Frankfurt-Heddernheim: In unauffälligen Büroräumen neben einer Müllverbrennungsanlage hat der Verein Basis e. . sein Hauptquartier. 1989 als Drogennotruf gegründet, unterstützt der Verein Drogennutzer in verschiedensten Lebenslagen dabei, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das Team des Vereins bietet Qualifizierungsmaßnahmen für Suchtkranke sowie Beratung an Schulen an und betreut allein wohnende Drogennutzer.

»In der Pandemie ist das natürlich schwieriger«, sagt der Geschäftsführer Karsten Tögel-Lins. Er war in den neunziger Jahren selbst in der Technoszene unterwegs und kennt viele der Themen, über die er spricht, aus eigener Erfahrung. Dass er damit offen umgeht, ist bei der Arbeit mit einer nicht immer einfachen Klientel ein großer Vorteil. Doch die Pandemie bereitet auch erfahrenen Sozialarbeitern wie ihm Schwierigkeiten.

»In Notfällen im Drogenkonsumraum sind wir angehalten, Erste Hilfe zu leisten, und da kann man keinen Abstand halten.« 
Janis Schneider, Integrative Drogenhilfe Eastside

Die Klienten des Vereins sind oft älter und gesundheitlich vorbelastet, haben häufig bereits viele Jahre des Drogenkonsums hinter sich. Deshalb sind hohe Hygienestandards notwendig. Zwischen den Computern, die in den Räumen des Vereins für Fortbildungen und Seminare aufgebaut sind, befinden sich jetzt Trennscheiben. Luftreiniger sollen helfen, Infektionen zu verhindern. »Es ist eine Gratwanderung«, sagt Tögel-Lins. Es sei schwierig, neue Teilnehmer zu finden. Wenn diese nicht kämen, fehle dem Verein ein erheblicher Teil der Finanzierung. »Dann haben wir irgendwann ein Problem.«

Zu Beginn der Pandemie verhängten die Jobcenter einen vollständigen Kontaktstopp. Alle Fortbildungsmaßnahmen wurden ausgesetzt, was auch Angebote des Vereins betraf. »Unsere Sozial­pädagogen haben die Leute dann regelmäßig zu Hause angerufen und sie gefragt, wie es ihnen geht«, sagt Tögel-Lins. Als persönliche Treffen wieder möglich waren, sei das »eine große Befreiung« gewesen. Doch noch immer ist der Kontakt eingeschränkt, gemeinsame Ausflüge und gemeinsames Frühstück gibt es derzeit nicht.

Der Verein ist auch im Frankfurter Nachtleben tätig. Mit dem Projekt »Safe Party People« hilft er Feiernden, sicher Drogen zu nehmen. Auch hier sorgt die Pandemie für Probleme. »Wir haben kaum eine Chance, unsere Zielgruppe zu erreichen«, so Tögel-Lins. Partys finden, wenn überhaupt, im Privaten oder illegal statt. Vor der Pan­demie stellte das Team von Basis vor Clubs Infostände auf, um mit Feiernden ins Gespräch zu kommen. »Jetzt sind wir dazu übergegangen, sogenannte Partypacks zusammenzustellen«, sagt er. Mit Handschuhen und Mundschutz versehen, füllt das Team Ohrstöpsel, Einmal-Sniffblättchen, Portionierer und Hinweise über sicheren Drogenkonsum in Plastiktaschen und verschließt sie luftdicht. Damit geht es dann in Parks oder zu bekannten Party-Locations wie dem Hafenpark nahe dem Sitz der Europäischen Zentralbank, wo sich im März rund 500 Menschen zu einer illegalen Feier trafen.

Bei der Beratung geht der Verein ebenfalls neue Wege. Um das Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu ersetzen, nutzt er E-Mail und Telefon. Ein anderer Weg ist die App »Rauchmelder«, die Nutzern helfen soll, den eigenen Konsum zu reflektieren und ein Konsumtagebuch zu führen. Sie bietet auch die Möglichkeit zur Online-Einzelberatung und zu Gruppensitzungen. Eine steigende Nachfrage verzeichnet Tögel-Lins vor allem in den Bereichen Cannabis und Alkohol. Er vermutet, dass den Konsumenten problematische Verhaltensmuster eher auffallen, wenn sie sich nicht mehr durch gesellige Anlässe verschleiern lassen.

Der Verein hat die ruhige Zeit in der Pandemie genutzt, um sein Online-Konzept zu überarbeiten, und hat zum Beispiel die Arbeit in unter jungen Menschen populären sozialen Medien wie Tiktok ausgebaut. Aber Tögel-Lins merkt skeptisch an: »Diese ganzen Präventionsvideos auf Youtube guckt sich keiner an, für den es wichtig wäre.«

Ein offenes Wohnzimmer
Während manche Einrichtungen Stillstand verordnet bekommen, hat die Integrative Drogenhilfe Eastside auch in der Pandemie viel zu tun. In der Schielestraße am Frankfurter Osthafen befindet sich einer von vier Standorten. Hier herrscht schon am Morgen Hochbetrieb. Die soziale Einrichtung steht allen Drogennutzern offen; die meisten, die kommen, sind wohnungslos. Einige übernachten hier, für viele ist es ein Ort, an dem sie sich abseits der Straße aufhalten, soziale Kontakte finden und Hilfe bekommen können. Es gibt auch eine Schreinerei, eine Malerwerkstatt und weitere Werkstätten, in denen Drogenkonsumenten Schritt für Schritt an qualifizierte Arbeit herangeführt werden sollen.

Das Herzstück des Eastside ist das Kontakt-Café, das Raum für 150 Menschen bietet. In der Pandemie sind es weniger, aber dennoch herrscht heute reges Kommen und Gehen, natürlich mit Maske. Ein »offenes Wohnzimmer« soll es für die Klienten sein: In einer Ecke stehen Sofas, es gibt einen Raucherbereich, einen Fernsehraum und eine Theke, an der man Essen, Getränke und Hygieneartikel bekommt. An einer Säule sind mit bunten Bändern die Namen derer festgehalten, die gestorben sind. Außer größeren Abständen an den Sitzplätzen und einer neuen Schutzscheibe an der Essensausgabe hat sich in dem Café durch die Pandemie wenig verändert.

»Was sich für mich vor allem verändert hat, war das ständige Lesen von Verordnungen«, sagt die Einrichtungsleiterin Marion Friers. Zu Beginn der Pandemie sei es eine Herausforderung gewesen, Druckfassungen der jeweils geltenden Verordnungen zu bekommen. Im alltäglichen Umgang mit den Klienten hätten sich anfangs ständig die Prozesse geändert. »In Wirtschaftsorganisationen bricht dann die Welt zusammen«, so Friers, in ihrem Team habe es dagegen reibungslos funk­tioniert, alle hätten an einem Strang gezogen.

Das gelte auch für die Klienten, ergänzt Janis Schneider, der für die Werkstätten im Eastside zuständig ist: »Die Leute haben gesagt, es ist total wichtig, dass wir den Laden offenhalten.« Viele andere Einrichtungen in der Stadt mussten schließen. Nur an Desinfektionsmittel und Masken habe es anfangs gemangelt. »Es gibt einfach Kontakt, der näher sein muss als über eineinhalb Meter. In Notfällen im Drogenkonsumraum sind wir angehalten, Erste Hilfe zu leisten, und da kann man keinen Abstand halten«, sagt Schneider.

Friers und Schneider meinen, es mangele immer noch an Anerkennung für Sozialarbeit. »Das Pflegepersonal in der Charité in Berlin bekommt einfach eine andere Aufmerksamkeit als Angestellte in der niedrigschwelligen Drogen- oder Obdachlosenhilfe«, meint Schneider. Die Sozialarbeiter führen das auf die Stigmatisierung der Betroffenen zurück. »Viele denken: ›Die könnten doch einfach aufhören, Drogen zu nehmen‹«, glaubt Friers.

Beide wünschen sich Anerkennung nicht nur für sich, sondern auch für die Menschen, mit denen sie arbeiten. Auch Drogenkranke hätten Wünsche und Ziele und könnten einen Beitrag leisten, sagt Friers: »Die Gesellschaft lässt Ressourcen links liegen, weil sie glaubt, dass das irgendwie stigmatisiert ist.« Es werde zu viel auf das Elend geblickt, zu selten werde die Frage gestellt, wer die Menschen sind, denen dieses so wohlhabende Land nicht helfen kann.

Emotionale Verunsicherung
Einer dieser Menschen ist Christian. Er lebt seit rund 20 Jahren in der ­Szene, ist inzwischen Mitte 40 und substituiert seinen Heroinkonsum mit Methadon. An diesem Morgen arbeitet er im Garten der Einrichtung und pflanzt Holunder. Auch draußen trägt er seine Maske. Die Gartenarbeit sei anstrengend, besonders an warmen Tagen. Ihm gefalle, dass er im Eastside etwas zu tun bekomme und nicht nur »theoretische« Unterstützung erhalte.

Doch die Pandemie hat auch Christians Leben verändert. »Mir fehlt das socializing«, sagt er. Besonders das gemeinsame Frühstück, das vor der Pandemie regelmäßig stattgefunden habe, sei ein Höhepunkt für ihn gewesen, es habe stabilisierend gewirkt. Unternehmungen in der Gruppe, die im Alltag Halt und Beschäftigung bieten, wie Besuche in kulturellen Einrichtungen, seien ebenfalls nicht mehr möglich. Dafür gebe es jetzt Fahrradtouren – man müsse bei der Freizeitgestaltung eben etwas mehr Eigeninitiative zeigen. Bisher funktioniere das gut.

Christian gehört zu jenen, denen der Umgang mit der Pandemie leichter fällt. Als Bewohner des Eastside war er stets darüber informiert, was sich veränderte. Viele auf der Straße hätten zu Beginn der Pandemie nicht gewusst, was vor sich geht, erinnert sich Christina Padberg, die im Eastside im Sozialdienst angestellt ist. Sie bietet den Klienten eine psychosoziale Betreuung, hilft bei alltäglichen Problemen und im Umgang mit Behörden. »Zu Beginn gab es eine große emotionale Verunsicherung«, sagt sie. Viele Drogenkonsumenten haben keinen Zugang zu Medien, sie bemerkten nur die Veränderung im öffentlichen Raum.

Für den Sozialdienst habe sich vor allem die Arbeit verdreifacht, meint Padberg. Sie hilft beim Ausfüllen von Anträgen und beim Kontakt mit Ämtern, die ihre Filialen wegen der Ansteckungsgefahr geschlossen haben. Es gibt zwar mehr digitale Angebote, doch nur die wenigsten Klienten haben Zugang zu Computern. »Ihre Selbstwirksamkeit wird dadurch eingeschränkt«, schildert sie die Lage, ihnen ginge also die Erfahrung verloren, Herausforderungen des Alltags aus eigenen Kräften bewältigen zu können. Das bereite vielen Probleme. Über die Situation ihrer Familie in der Pandemie, womöglich im Ausland, wüssten die meisten Drogenkonsumenten auch nur wenig. Diese Unklarheit belaste sie ebenfalls.

An einem Ort im Eastside hat sich derweil wenig verändert: im Konsumraum, wo Drogennutzer sicher ihre Drogen zu sich nehmen können. Wie das aussieht, wird deutlich, als ein junger Mann hereinkommt. Er trägt Arbeitskleidung, auf der Straße würde ihn wohl kaum jemand für einen Drogenkonsumenten halten. Routiniert fragt ihn die junge Frau an der Ausgabe, was er brauche. Beide trennt eine Glasscheibe. Der junge Mann zählt auf, er benötigt unter anderem eine Spritze. Sie stellt ihm die benötigten Utensilien in einer Blechschale bereit. Der Mann begibt sich an einen der Konsumplätze und stellt die Schale ab. Bevor er die Spritze vorbereitet, wäscht er sich die Hände.

Im Konsumraum gibt es Trennwände zwischen den Plätzen, auch ein Raucherbereich mit Abzug für Crack ist vorhanden. Was hier konsumiert wird, ist den Klienten überlassen. Es kann illegal erworbenes Heroin sein oder Methadon, das sie – exakt dokumentiert – von einem Arzt erhalten haben. Wichtig ist nur, das Risiko beim Konsum zu minimieren.

Einen Covid-19-Ausbruch hat es in der Einrichtung bisher nicht gegeben, nur einige wenige positive Tests bei Durchgangsklienten. Noch immer sei die Bereitschaft, sich an die Maßnahmen zu halten, sehr hoch, trotz gegenteiliger Befürchtungen, bekräftigen Janis Schneider und Marion Friers. »Die Leute müssen nur verstehen, warum sie etwas machen sollen«, resümiert Friers. Das zeige: Auch wer Drogen konsumiert, sei in der Lage, sich vernünftig zu verhalten, ergänzt ihr Kollege.