Homestory

Homestory #17

Journalismus ist systemrelevant – dieser Meinung sind verständlicherweise viele, die mit Journalismus ihren Lebensunterhalt verdienen. Angemessen ist es trotzdem, dass Zeitungsmacher eine der letzten Gruppen sind, an die beim Impfen gedacht wird: Viele ­Berufsgruppen wie Beschäftigte im Krankenhaus, Verkäufer oder Lehrer haben es nötiger. Tatsächlich ist bisher fast niemand aus der Redaktion der Jungle World geimpft.

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Doch das könnte sich jetzt ändern: Seit das Land Berlin den Impfstoff Astra-Zeneca auch für Menschen unter 60 Jahren als sicher befunden und freigegeben hat, wird auch in der Redaktion über Impftermine gesprochen, oder genauer: darüber, wie man sie ­kriegen kann. Jede Arztpraxis kann den Impfstoff nach eigenen Bemessen verteilen, strenge Regeln für die Priorisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen gibt es nicht mehr. Es soll halt möglichst schnell gehen, und so ist das Rennen um den Impfstoff eröffnet.

Dabei hilft es, hartnäckig zu sein, und manchmal auch erfinderisch. Eine Mitbewohnerin eines Redakteurs vermutete, dass die Arztpraxen im Zentrum Berlins mit Anfragen überflutet sein dürften, und konzentrierte sich auf Ärzte am Stadtrand außerhalb des ­S-Bahn-Rings. Auch hier musste sie eine ganze Reihe von Praxen abtelefonieren, bevor sie Erfolg hatte. Zum Impfen fährt sie demnächst ans hintere Ende von Lichtenberg. Ein anderer Bekannter des Kollegen hatte es leichter: Gleich am Tag der Freigabe von ­Astra-Zeneca rief er seine Hausärztin an und wurde noch am selben Tag geimpft, danach hatte er zwei Tage Fieber.

Sich online für Impftermine anzumelden, scheint schwieriger: In der Redaktion kursieren Horrorgeschichten über abgestürzte Programme, Mails, die im Nirgendwo verschwinden, und Internetseiten, die sich immer wieder neu laden, während man verzweifelt versucht, irgendwelche Buchungen abzuschließen. Leichter haben es die system- und staatstragenden Führungskräfte: Mitglieder des Bundestags und Bundesrats, der Bundesregierung und des Verfassungsgerichts dürfen sich ab Anfang Mai in den von der Bundeswehr betriebenen Impfzentren versorgen lassen. »Weil ich mich für systemrelevanter halte, werde ich mich ab dann auch um einen Termin bemühen«, meint ein Kollege. Ausgerechnet Berlins Lehrer und Erzieher, die jeden Tag mit Dutzenden Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen, müssen sich immer noch selbst um eine Impfung bemühen.

Eine Gefahr ist jedenfalls gebannt: Angriffe von durchgeknallten Impfgegnern oder Pandemieleugnern auf Impfzentren, vor denen bereits Anfang des Jahres Sicherheitsbehörden gewarnt hatten, dürften nun, wo dezentral von diversen Arztpraxen Impfungen verteilt ­werden, schwieriger werden. Lasst 1 00 Impfzentren blühen, lasst Hunderte Impfärzte miteinander wetteifern: Es geht voran!