In Michalis Konstantatos’sehenswertem Filmdrama, »All the Pretty Little Horses«, fehlt die Katharsis 

Spuk im Traumhaus

Ein junges urbanes Ehepaar zieht samt Kind und Hund aufs Land. Michalis Konstantatos’ beklemmender Spielfilm »All the Pretty Little Horses« schaut einem Ehepaar beim Scheitern zu. Von Holger Heiland

Irritation ist ein wesentliches Stilmittel in Michalis Konstantatos’ zweitem Spielfilm »All the Pretty Little Horses«. Dieser wurde im Sommer und Herbst 2020 in den Wettbewerben zahlreicher renommierter Filmfestivals von Shanghai über Sarajevo bis Cottbus gezeigt und erscheint nun als Video on Demand und auf DVD. Gleich zu Beginn wird die Idylle gestört. Ein Panoramablick streift über sanfte Hügel aufs Meer und eine nahe Insel, aus dem Off hört man das verzweifelte Schluchzen einer Frau.

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In sorgfältig komponierten Einstellungen im Breitwandformat werden die Protagonisten eingeführt. Das Ehepaar Aliki (Yota Argyropoulou) und Petros (Dimitris Lalos) wird beim Joggen und Gärtnern gezeigt. Es sieht ganz danach aus, als führten sie ein bourgeoises Leben voller Komfort in einem minimalistisch eingerichteten, repräsentativen Haus mit gepflegtem Rasen und Swimmingpool inmitten üppiger Vegetation und haben ausreichend Ruhe und Zeit zum Spielen mit Kind und Hund. Doch das Tier erweist sich als Streuner, und wird schon bald unter die Räder kommen. Auch sonst läuft einiges aus dem Ruder.

Bald wird klar, dass das Anwesen, auf dem Aliki und Petros ein und aus gehen, gar nicht ihr Zuhause ist. Die ehemals gut verdienende Anästhesistin und der arbeitslos gewordene Finanzmanager mussten ihre Luxuswohnung in Athen aufgeben und mit ihrem Sohn Panagiotis in die griechische Provinz ziehen. Aliki hat dort einen Pflegerinnenjob angenommen, Petros ist als Hausmeister in einer luxuriösen Villa angestellt. Auch der Sex, den beide nach getaner Arbeit im Auto haben, ist nicht spontaner Leidenschaft geschuldet, sondern vor allem der Tatsache, dass sie in ihrer kleinen Wohnung, in der ihr Sohn und seine Babysitterin auf ihre Rückkehr warten, kaum Privatsphäre haben.

Um Dienstboten, die in die Rolle des Hausherrn schlüpfen, ging es auch in dem südkoreanischen Spielfilm »Parasite« (2019). Doch Konstantatos’ Film hat mit der über die Stränge schlagenden Klassenkampfmetaphorik von Bong Joon-ho wenig gemein.

Die kleine Familie gehört zu den Opfern der Wirtschaftskrise. Sie haben fast alles verloren; die schicken Klamotten und der Habitus der aufsteigenden Mittelschicht erinnern an bessere Tage. Viel Zeit verbringen sie in der Villa, deren Eigentümerin Anna (Katerina Didaskalou) nur ab und zu vorbeikommt, dafür aber unangekündigt, mit zwei Ehrfurcht einflößenden deutschen Schäferhunden namens Jane und Oliver. Bald schon baden Aliki und Petros im Pool und nutzen das Haus für sich. Als sie zufällig alte Bekannte aus der Hauptstadt beim Einkaufen im Supermarkt treffen, laden sie diese in die Villa ein. Auch wenn sie den Freunden vormachen können, dass sie eine unbeschwerte Auszeit auf dem Land genommen haben, verläuft das Abend merkwürdig steif und mündet in einen Ehekrach.

Um Dienstboten, die in die Rolle des Hausherrn schlüpfen, ging es auch in dem südkoreanischen Spielfilm »Parasite« (2019). Doch Konstantatos‘ Film hat mit der über die Stränge schlagenden Klassenkampfmetaphorik von Bong Joon-ho wenig gemein. Statt auf Höhepunkte oder eine Katharsis zuzustreben, verharrt »All the Pretty Little Horses« in seiner distanziert beobachtenden Haltung. Damit erinnert er an frühe Werke von Michael Ha­neke oder auf François Ozons Film »Unter dem Sand« (2000). Während die wilden Arbeiten der sogenannten Griechischen Welle – erinnert sei an Giorgos Lanthimos’ Filme »Dogtooth« (2009) und »Alpen« (2011), Athina Rachel Tsangaris »Attenberg« (2010) oder auch an Konstantatos’ Debütfilm »Luton« (2013) – der ökonomischen und sozialen Krise ebenso so effektvoll wie überraschend begegneten, ist in dem Ehe- und Abstiegsdrama »All the Pretty Little Horses« keine Befreiung aus der Misere vorgesehen. Man könnte sogar sagen, es kommt noch nicht einmal zur Aufnahme eines Kampfs.

Und gegen wen auch? Im Gegensatz zu den subalternen Armen aus »Parasite« gibt es für Aliki und Petros keine antagonistische Klasse der Besitzenden und Reichen. Ihr schlimmster Feind sind sie selbst und ihr verzweifelter Wunsch, dort wieder dazuzugehören, wo sie vermutlich nie wirklich dazugehört haben. Nichts scheint ihnen erstrebenswerter, als selbst erneut über die Stellung und die Mittel zu verfügen, die zu ihrem Outfit und ihren Einstellungen passen würden.

Schweißt sie ihr gemeinsamer Verlust zunächst zusammen, treibt die permanente Spiegelung des eigenen Schicksals im anderen im Verlauf der äußerst reduzierten Handlung einen Keil aus Verachtung zwischen sie. Ihrem Ringen um Contenance sieht die Kamera zumeist aus einiger Entfernung zu und schneidet den in ihrer zurückgenommenen Orientierungslosigkeit großartig agierenden Darstellern immer wieder die Köpfe ab oder lässt sie wahlweise aus dem Bild verschwinden oder erst in der Mitte einer Szene darin auftauchen.

Sympathie für die von der Krise Gebeutelten will dabei nicht so recht aufkommen. Zu deutlich ist erkennbar, dass sie durch ihre Komplizenschaft mit dem System eine Mitschuld an ihrer Situation tragen. Weder können sie einander in die Augen schauen noch den Blick in die Kamera heben. Ständig scheinen sie gezwungen auszuweichen. Mehr als einmal entsteht aus einem zunächst freundschaftlichen Balgen der Ehepartner ein plötzlich ernster werdender körperlicher Zwist, vom Untertauchen im Pool bis zur erst unter wütenden Schlägen verstört abgebrochenen Beinahe-Vergewaltigung. Doch genauso wenig, wie sie vor sich selbst fliehen können, gelingt es ihnen, den anderen zu verlassen. Ohne viel zu reden, klammern sie sich immer verbissener aneinander; unter steter Beobachtung ihrer höflich wirkenden, aber doch auf jeden kleinen Vorteil bedachten Umgebung fahren sie hin und her, ohne je die Chance zu erhalten, irgendwo anzukommen.

Drone-Sounds und bedrohlich laute Alltagsgeräusche wie Hundegebell, Türklingeln, Motor- und Fahrgeräusche, Stimmen aus dem Fernseher oder die titelgebende Spieluhrmelodie sorgen für eine ungemütliche Atmosphäre. Momente des Erschreckens deuten an, was passieren könnte, wenn das ständig gefürchtete Unheil zuschlagen würde. Das Paar besucht Restaurants, unternimmt Shopping-Touren und leistet sich Taxifahrten. Echte Armut scheint nicht das Problem zu sein. Zudem findet sich immer jemand, der noch schlechter gestellt ist. Dennoch nagt das Gefühl des Scheiterns an Aliki und Petros. So sehr, dass sie sich nie die Frage stellen, ob ihre Träume des Träumens wert waren.

 

All the Pretty Little Horses (Griechenland, Deutschland, Belgien 2020). Buch und Regie: Michalis Konstantatos. Mit Yota Argyropoulou, Dimitris Lalos, Katerina Didaskalou, Alexandros Karamouzis. Ab 30. April als Video on Demand