Die belgische Serie »The Bank Hacker« kann bestens unterhalten

Gegen die Bank

Die belgische Krimiserie »The Bank Hacker« ist hochgradig unterhaltsam und ein Musterbeispiel für den Trend zur Internationalisierung in der Serienproduktion.

Der Coup hat Schlagzeilen gemacht, weltweit berichten die Fernsehsender. Doch schon einen Tag später sitzt der junge Belgier Jeremy Peeters (Tijmen Govaerts) als Mittäter vor der Untersuchungrichterin Erica DeBoek (Hilde De Baerdemaeker) und bettelt um Gnade beziehungsweise um Straferlass. Bank ausgeraubt, Täter gesteht. Was kann es da noch zu erzählen geben?

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Eine ganze Menge. Denn das spektakuläre Verbrechen hat eine lange Vorgeschichte. Für den Informatikstudenten Jeremy beginnt sie mit dem Freitod seines Vaters. Ein befreundeter Anlageberater hatte diesem, einem Antwerpener Blumen­ladenbesitzer, zum Aktienkauf geraten. Als die Risikopapiere ihren Wert verloren, blieb er auf hohen Schulden sitzen. Jeremy und seine kleine Schwester Lily Rose (Floor Van Boven) finden den Vater erhängt auf. Fortan verstummt sie, wenn Fremde in der Nähe sind.

Der Berufsverbrecher Alidor Van Praet (Gene Bervoets) muss keine großen Überredungskünste aufwenden, um den nach Rache dürstenden Jeremy für einen Banküberfall zu gewinnen. Dieser Plan wird zugunsten eines ausgetüftelten Cyberangriffs auf eine Bank aufgegeben.

Wenngleich die Geschichte von realen Ereignissen inspiriert ist, darf man kein Dokudrama oder True-Crime-Format erwarten. Vielmehr nutzen die Serienautoren Kristof Hoefkens und Maarten Goffin den Stoff, um ihr Spiel mit den Erwartungen und Wahrnehmungen des Publikums zu treiben.

Zusammengehalten werden die Erzählstränge durch die Rahmenhandlung, die die Vernehmung des begabten Hackers durch die Untersuchungsrichterin zeigt. Von dort schlagen die Autoren den Bogen in die Vergangenheit. Lebendig und ­abwechslungsreich wird die Geschichte, weil sich auch innerhalb dieser Rückblende immer wieder kleinere Zeitsprünge, mal vor, mal zurück, ereignen. Ebenso raffiniert: Wenn die Erzählung die Rahmenhandlung einholt, ist die Geschichte keineswegs zu Ende – wie sich überhaupt immer wieder ein Verlauf nach bekanntem Genreschema abzeichnet, der dann eine völlig andere Richtung nimmt.

Die Psychologie der Charaktere trägt zur Spannung bei. Das Publikum lernt sie von unterschiedlichen Seiten kennen. Als besonders schillernde Figur erweist sich die von ­Ella-June Henrard verkörperte Gangstertochter Ada, die von der scheuen Studentin über den Vamp bis zur durchtriebenen Erpresserin alle Facetten beherrscht.

Erst am Ende der achtteiligen Serie erschließen sich sämtliche Hinter- und Beweggründe der Haupt- und Nebencharaktere. Man würde die Figuren sogar gern noch ein weiteres Stück auf ihrem Weg begleiten, selbst die Übeltäter. Ausgeschlossen ist das nicht, die letzte Szene könnte der Auftakt zu einer Fortsetzung sein.

»The Bank Hacker« ist ein Paradebeispiel für die – in Belgien durch staatliche Fördermittel unterstützte – Strategie, Erzählinhalte mit starken lokalen Bezügen für ein internationales Publikum aufzubereiten. Vor allem kleinere Produktionsländer wie Belgien, Schweden oder ­Dänemark sind damit erfolgreich, wie auch aus der von Tim Raats und Catalina Ioradache im Branchenmagazin View veröffentlichten Studie »From Nordic Noir to Belgian Bright? Shifting TV Drama Production and Distribution in Small Markets: the Case of Flanders« (2020) hervorgeht. Ein Beispiel ist die vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Dänemark produzierte Serie »Kommissarin Lund – Das Verbrechen«, die über Großbritannien den Weg in den internationalen Markt gefunden hat. Diese Serien weisen deutliches Lokalkolorit auf. Regionale Schauplätze und Eigenheiten sowie geographisch zuzuordnende Figuren werden in einen größeren Handlungszusammenhang eingebracht, den ein globales Publikum nachvollziehen kann. Im Kino ist das ein ­bekanntes Verfahren.

Der Stab hinter »The Bank Hacker« – die Serie wurde aufwendig und mit Blick auf den Export sowohl auf Flämisch und Englisch produziert – hat in dieser Hinsicht einen eigenen Kniff gefunden. Die Protagonisten leben in Antwerpen. Um aber ihren verzwickten Plan in die Tat umsetzen zu können, müssen sie in Amsterdam, Tel Aviv und Hongkong Station machen. Und in Frankfurt am Main, wo der eigent­liche Coup vonstatten geht. Die belgische Bank, so will es der Plot, fu­sioniert mit einer deutschen.

Solche Abstecher, so dürfte das Kalkül gewesen sein, machen die Serie für die gezeigten Länder attraktiv. In Frankfurt freute man sich über die Dreharbeiten des belgischen Fernsehens. Oberbürgermeister Peter Feldmann ließ es sich nicht nehmen, das Ensemble am Set persönlich zu begrüßen. Der Hauptschauplatz Antwerpen kommt darüber fast zu kurz. Allein das spektakuläre Havenhuis von Zaha Hadid wird wiederholt auffällig ins Bild gerückt.

Mit Kameraraffinessen, Tricktechnik und internationalen Schauplätzen ist die Serie visuell hochwertig gestaltet. Glänzend unterhalten wird, wer Kinofilme wie »Die Unfassbaren – Now You See Me«, Gauner­serien wie »Hustle – Unehrlich währt am längsten« oder den Serienklassiker »Kobra, übernehmen Sie«, das Vorbild der Kinofilmreihe »Mission: Impossible«, zu schätzen weiß.

Tiefere Einblicke in die gesellschaftlichen Verhältnisse vermitteln exportorientierte Unterhaltungs­serien dieser Machart nur selten. Das rücksichtslose Verhalten der fiktiven Bank, die Kleinanlegern zweifelhafte Finanzprodukte empfiehlt, bei Wertverlust jede Haftung ablehnt und Kreditschulden unnachsichtig eintreiben lässt, hat zwar reale belgische Finanzskandale zum Vorbild. Nuancen und Zusammenhänge aber gehen bei dieser Art der Themenbearbeitung verloren. Wenn Alidor Van Praet doziert, dass Geldströme immer nur nach oben fließen, bleibt das vage und beliebig. Tatsächlich trug in Belgien der Staat eine erhebliche Mitverantwortung daran, dass Anleger ihre Investitionen verloren – bis 2014 war der Finanzmarkt unzureichend reguliert, bestimmten Formen von Betrügerei war rechtlich kaum oder nur mit großer Mühe beizukommen: ein Beispiel dafür, dass Produktionen für den internationalen Markt oft geschliffen werden.

Es gab andere Serien, die, ebenfalls im Gewand eines Krimis, aber mit Tendenz zum Drama, tiefer schürften. »Stille waters« aus dem Jahr 2001, 2003 beim Prix Italia als Beste Dramaserie ausgezeichnet und 2005 im WDR unter dem Titel »Dunkle Wasser« ausgestrahlt, ist ein frühes Beispiel für eine hochwertige europäische Serie. Unverkennbar ­waren die Bezüge auf den Fall Marc Dutroux und die Gerüchte, der ­Kindesmörder sei in den höchsten Kreisen protegiert worden.

Der Autor Ward Hulselmans, ein ehemaliger Journalist, verlegte das Geschehen in einen Weiler an der Schelde. Der Suizid des örtlichen Fährmanns erscheint seiner Stieftochter Jana Meyer (Antje De Boeck) nicht geheuer. Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf Fälle ungeheuerlicher Korruption in unter den Notabeln der kleinen Stadt. Betrügereien, Kindesmissbrauch und Morde, begangen von einem angesehenen Mitglied der Gesellschaft, wurden vertuscht. Die Geschichte wird düster, dramatisch, ohne spe­kulative Auswüchse und gerade deshalb ungeheuer wirksam erzählt.

In der Vergröberung zeitkritischer Panoramen mit regionalem oder nationalem Bezug liegt die Kehrseite eines seriellen Erzählens, das sich mit Blick auf Exportchancen allgemeiner Wirkmuster bedient. Bislang ist dies nur ein Trend, der sich aber durch den Markteintritt vor allem von Video-on-Demand-Anbietern wie Netflix und Amazon noch verstärken wird.

»The Bank Hacker« (B 2020), achtteilige Serie. Regie: Frank Van Mechelen und Joost Wynant. Mit Tijmen Govaerts, Gene ­Bervoets, Koen De Graeve, Joren Seldeslachts, Manuel Broekman, Claude Musungayi, ­Ella-June Henrard u. a. Ab Freitag, 21. Mai, 20.15 Uhr sendet ZDF neo alle Folgen am Stück, die danach auch in der ZDF-Mediathek zugänglich sind.