Der faschistische Putsch verhinderte 1936 die Olimpiada Popular in Barcelona

Im Wettkampf gegen den Faschismus

Vom 19. bis zum 26. Juli 1936 hätte in Barcelona die »Volksolympiade« stattfinden sollen, eine Gegenveranstaltung zu den Olympischen Spielen in Nazideutschland. Doch einen Tag vor der Eröffnung putschten die Faschisten.

Im Juni 1936 schrieb der kanadische Weltergewicht-Boxer Sammy Luftspring, ein Sohn jüdischer Emigranten aus Polen, einen offenen Brief an die Zeitung The Globe aus Toronto. Darin begründete Luftspring seine Absicht, die Olympischen Spiele in Berlin zu boykottieren. Er könne nicht in einem Land boxen, das »meine jüdischen Brüder und Schwestern schlimmer als Hunde behandelt«. Weitsichtig fügte er hinzu: »Die deutsche Regierung wird alle Juden vernichten, wenn sie die Gelegenheit da­zu erhält.«

Anzeige

Statt nach Berlin machte sich Luftspring zusammen mit seinem Box­kollegen Norman »Baby« Yack auf den Weg nach Barcelona, wo die demokratische linke Regierung die »Volks­olympiade« vorbereitete, eine Gegenveranstaltung zu Hitlers großer Propagandashow. Der Kanadische Jüdische Kongress finanzierte ihre Reise. Doch als das Schiff mit Luftspring und Yack im französischen Hafen von Dieppe anlegte, erfuhren die beiden, dass die Volksolympiade abgesagt worden war. Am Tag vor der geplanten Eröffnungsfeier hatte der faschistische General Francisco Franco gegen die Regierung geputscht und damit den Spanischen Bürgerkrieg eingeleitet.

Amateure sollten gleichberechtigt neben Profis antreten, Berühmtheiten neben Unbekannten, Männer neben Frauen, Juden neben Arabern, Weiße neben Schwarzen.

Enttäuscht traten Luftspring und Yack die Rückreise nach Kanada an. 6000 Athletinnen und Athleten aus 22 Nationen wollten an der Volks­olympiade in Barcelona teilnehmen. Auch italienische und deutsche Mannschaften, die sich aus Exilantinnen und Exilanten zusammensetzten, hatten ihre Teilnahme angekündigt. Die spanische Regierung, getragen von einer aus demokratischen Wahlen hervorgegangenen und »Volksfront« genannten Koalition aus linken und liberalen Parteien, hatte die Großveranstaltung in aller Eile als antifaschistischen Protest gegen die Nazi-Olympiade in Berlin geplant und bereits Sportstätten und ein improvisiertes Olympisches Dorf gebaut.

Das Logo zeigte drei Athleten mit unterschiedlichen Hautfarben, die zusammen eine Fahne mit der Aufschrift »Olimpiada Popular« hochhalten. Es sollte den Charakter der Veranstaltung als Gegenentwurf zur rassistischen und antisemitischen Ideologie der Nazis verdeutlichen. Die Idee der Volksolympiade stieß weltweit auf Sympathie, vor allem unter Jüdinnen und Juden, die die Geschehnisse in Deutschland verfolgten. Dort hatten die Nationalsozialisten ­Juden und Jüdinnen 1935 alle Bürgerrechte aberkannt.

Besondere Unterstützung erhielt die Volksolympiade auch von der linken französischen Regierung, die ­einen Großteil der Vorbereitungskosten übernahm. Frankreich hätte mit 1 500 Athletinnen und Athleten auch das größte Kontingent an teilnehmenden Sportlern und Sportlerinnen gestellt. Ein wichtiger Aspekt der geplanten Veranstaltung war das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Während bei den traditionellen Olympischen Spielen nur Vertreter international anerkannter Staaten teilnehmen konnten, waren in Barcelona auch Sportlerinnen und Sportler aus Regionen, ­Kolonien, Mandatsgebieten und Vertreter von um die Unabhängigkeit kämpfenden Bevölkerungsgruppen willkommen. Allein aus Spanien nahmen Delegationen aus dem Baskenland, Katalonien und Galicien teil.

Juden und Jüdinnen aus aller Welt waren in überproportionaler Anzahl bei den zur Teilnahme Angemeldeten vertreten. Aus Paris reisten zum Beispiel 70 Mitglieder des Yiddishe Arbeiter Sport Klub an, einem Verband jüdischer Sportlerinnen und Sportler, in dem vor allem aus Osteuropa nach Frankreich emi­grierte Juden organisiert waren. Aber auch im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina hatte sich eine Delegation auf die Spiele vorbereitet. Der Sportverband Palästina vertrat zwar alle im damaligen Mandatsgebiet lebenden Menschen, die Mehrheit der Mitglieder waren aber Jüdinnen und Juden. Zionistisch in­spirierte Juden, die aus Europa ein­gewandert waren, hatten ihre sportlichen Traditionen mitgebracht und hielten sie am Leben.

Von den rund 30 Sportlerinnen und Sportlern aus dem Mandatsgebiet blieben etliche nach Francos Putsch in Spanien und schlossen sich dem Kampf zur Verteidigung der Republik an. Damit gehörten sie zu den ersten der rund 10 000 jüdischen Freiwilligen, die in Spanien gegen den Faschismus kämpften. Da es viele Ärztinnen und Ärzte unter den für die Demokratie kämpfenden Jüdinnen und Juden gab, war die in den Lazaretten der Republikaner übliche Sprache oft Jiddisch.

Ein weiterer Unterschied zu den Olympischen Spielen in Nazideutschland war der hohe Frauenanteil unter den Teilnehmenden. Den damaligen Meldungen zufolge hätten in Barcelona fast doppelt so viele Frauen an den Wettbewerben teilgenommen wie in Berlin. Auch die Schweizer Anarchistin Clara Thalmann hatte im Frühsommer 1936 für die bevorstehende Olympiade trainiert. Die Schwimmerin war eine bekannte Persönlichkeit in der europäischen Linken. Seit sie mit 14 ihr Elternhaus verlassen hatte, um ihrem autoritären Vater zu entkommen, engagierte sich Thalmann politisch. Sie ge­hörte der schweizerischen und französischen Kommunistischen Partei an, brach jedoch nach Stalins Machtübernahme mit beiden. Später wandte sie sich zusammen mit ihrem Ehemann Paul Thalmann dem Anarchismus zu. Thalmann wollte als Mitglied des schweizerischen Arbeiter-Schwimmclubs an der Volks­olympiade in Barcelona teilnehmen. Stattdessen kämpften beide im Spanischen Bürgerkrieg. Nach der Niederlage der Republik schlossen sie sich in Frankreich der Résistance an. Im Widerstand versteckten sie vor ­allem jüdische Verfolgte und retteten vielen Juden das Leben.

Dass eine Amateurschwimmerin aus der Schweiz an einer sportlichen Großveranstaltung hätte teilnehmen können, gehörte zum Konzept der Volksolympiade. Amateure sollten gleichberechtigt neben Profis antreten, Berühmtheiten neben Un­bekannten, Männer neben Frauen, Juden neben Arabern, Weiße neben Schwarzen.

Ein Großteil der bereits angereisten Sportler verließ das Land in aller Eile, einige aber wollten oder konnten aus politischen Gründen nicht die Rückreise antreten. Vor allem zwei Gruppen blieben in Spanien: aus Deutschland geflohene Jüdinnen und Juden sowie überzeugte Antifaschistinnen und Antifaschisten. Im Stadion der abgesagten Spiele versammelten sich die ausländischen Freiwilligen, die gegen Francos Truppen kämpfen wollten. Während die Faschisten grinsend die bereits aushängenden Plakate mit dem Logo der Volksolympiade zerrissen oder verbrannten, schlossen sich die im Land gebliebenen Sportlerinnen und Sportler verschiedenen Brigaden der republikanischen Kräfte an.

Nach drei Jahren und 500 000 Toten siegten die Faschisten in Spanien, aber der Traum von einer sozialistischen, herrschaftsfreien, rassismuslosen Welt ohne Judenhass ließ sich nicht erschießen oder erhängen. Die Volksolympiade, die nie stattfand, war diesem Traum verpflichtet.