Zehn melancholische Abschiedslieder von Lee Hazlewood

Zehn Abschiede

Melancholische Songs aus der Intimität des Wohnzimmers. Vor 50 Jahren erschien Lee Hazlewoods Album »Requiem for an Almost Lady«.

Vor 50 Jahren, im Juni 1971, erschien in kleiner Auflage in Großbritannien und Schweden das Konzeptalbum eines US-amerikanischen Künstlers, der damals seine besten Tage hinter sich zu haben schien. Der damals 42jährige Lee Hazlewood, der in den fünfziger Jahren als Country- und Rocksänger eine eher bescheidene Karriere gemacht hatte, war 1964 Nancy Sinatra begegnet, mit der er 1968 die LP »Nancy & Lee« herausbrachte. Zuvor hatten es Hazlewood und Sinatra mit Songs wie »Some Velvet Morning« (1967) und »Summer Wine« (1966) an die Spitze der Charts gebracht. Der dialogische Stil ihrer Lieder, in denen die Stimme des einen immer als Echo des anderen eingesetzt wurde, sicherte ihnen Wiedererkennungswert, ihr lässiges Auftreten machte sie sympathisch.

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1967 konnte Hazlewood seine eigene Produktionsfirma gründen, doch wenige Jahre später wurde er wieder als der zweitrangige Künstler wahrgenommen, als der er begonnen hatte. Hazlewoods Country- und Billboard-Music begann, naiv zu wirken, nun reüssierten Songwriter, die als Individualkünstler dem Musikbetrieb zu trotzen schienen. Auf diese Entwicklung reagierte Hazlewood 1971 mit dem Album »Requiem for an Almost Lady«. Die Platte klang, als wäre sie in einem Wohnzimmer ohne Studiotechnik aufgenommen worden, und auch inhaltlich war sie eine Verteidigung des Intimen gegen dessen Preisgabe.

Das Album versammelt zehn Lieder, die alle den Abschied von einer Geliebten oder einfach einer Vertrauten zum Gegenstand haben, ohne trist, aggressiv oder pathetisch zu sein. Alle sind kurz, keines ist länger als vier Minuten, die meisten sind nur zwei Minuten lang, jedes wird nur mit Gitarre und manchmal mit Mundharmonika und Sitar begleitet. Alle Lieder beginnen mit einer knappen Vorrede, die in die Grundstimmung des Liedes einführt. »I’ll Live Yesterdays«, in dem es um die Sehnsucht nach Kindern als denjenigen Menschen geht, in denen etwas von einem selbst in der Zukunft weiterlebt, beginnt mit der Zeile: »Seems we’re always doing something to hurt each other. / But you know you never really hurt me /Until the fourth verse of this song«.

»Little Miss Sunshine (Little Miss Rain)«, eines der schönsten Lieder, die je über eine vergangene Liebe geschrieben wurden, fängt an mit den Worten: »Sometimes it’s difficult to remember the good times. / But I know there were some. / There were your birthdays and christmasses / And rabbits named Friday. / And once I start to remember the good times, / It seems they were only good times.« Die Lieder sind nie mehr als knapp ausgeführte Gefühlsskizzen zu diesen Epitaphen, und obwohl sie von Verlust und Trauer handeln, drücken sie Glück und Freundlichkeit aus. Es gibt hier nichts von dem Hass des Zurückgewiesenen, kein viriles Lamento über das Unverstandensein, nur zarte, wehmütige Minutenansichten vergangener Intimität.

Das Album, das mit seinen nicht mal 30 Minuten unter der üblichen Spieldauer einer LP blieb, wurde nicht auf CD wiederveröffentlicht, es kann gestreamt werden, die Vinylfassung erzielt stolze Sammlerpreise. Es ließ die kulturindustrielle Unbeschwertheit der Sechziger hinter sich, ihm folgte die avantgardistische Verkunstung der Rock­musik. »Requiem for an Almost Lady« schwebt dazwischen und zugleich außerhalb, in einem stillen Raum, der dem Publikum versperrt ist.