Was kümmert mich der Dax - Wirtschaftsliberale treten zum ­Kulturkampf gegen die Grünen an

Kali im Kanzleramt

Das »jüdisch-christliche Abendland« hat schon bessere Zeiten gesehen. Noch vor wenigen Jahren wurde es insbesondere von Politikerinnen und Politikern der Unionsparteien eifrig beschworen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befand in ihrer Regierungserklärung im März 2018, es stehe »völlig außer Frage, dass die historische Prägung unseres Landes christlich und jüdisch« sei. Deutschland sei »kulturell und geschichtlich christlich-jüdisch geprägt«, sekundierte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), dessen Consigliere Alexander Dobrindt versprach, »die christlich-jüdische Prägung unseres Landes auch in Zukunft erhalten«.

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Angesichts dessen hätte man erwarten müssen, das Wiehern der Streitrösser, das Klappern der Schilde und die Schlachtrufe der erzürnten Ritter zu hören, die nur mit Mühe daran gehindert werden können, in gerechter Empörung Rache für den unerhörten und beispiellosen Angriff der Initiative Neue So­ziale Marktwirtschaft auf ihre Leitkultur zu nehmen. Aber wo sind die Kämpfer für das Abendland, wenn man sie mal braucht? Dass die Darstellung der grünen Kanzlerinnenkandidatin Annalena Baerbock als Moses im Bademantel, versehen mit dem Slogan »Wir brauchen keine Staatsreligion«, ein antisemitisches Ressentiment aus der Aufklärung aufgreift, dem zufolge das Judentum eine kleingeistige, auf Rituale ­fixierte Gesetzesreligion sei, die »keinen Raum für Freiheit und Verantwortung« lässt, wie die INSM es ausdrückt – geschenkt. Bei der Erfindung der »christlich-jüdischen« Leitkultur hatte man sich ja auch nicht darum geschert, dass mit der paternalistischen Umarmung des Judentums als vorgeblich gleichberechtigtem Partner historische Fakten unter den Teppich gekehrt wurden. Aber religions- und geistesgeschichtlich sind die Fakten klar. Die Zehn Gebote sind integraler Bestandteil des christlichen Erbes – dessen Verhöhnung die christlichen Parteien nicht zu stören scheint.

Vielleicht handelt es sich schlicht um Bequemlichkeit, man möchte die Konflikte über die Frage, wie rechts die Union sein soll, nicht wieder aufflammen lassen. Aber hinter der INSM stehen immerhin die Arbeit­geberverbände der Metall- und Elektroindustrie, und diese haben sich offenbar zu einem reaktionären Kulturkampf entschlossen, der über die bisherige marktextremistische Propaganda hinausgeht. Die Kampagne transportiert auch eine antifeministische Botschaft – ein Frau maßt sich eine Rolle an, die ihr nicht zusteht.

Passender als Moses wäre für die Symbolisierung der Ängste der Patriarchen eigentlich Kali gewesen, die Göttin des Todes und der Zerstörung, aber auch der Erneuerung im Hinduismus. Man kann den Grünen ja schwerlich vorwerfen, sie wären unternehmerfeindlich (siehe Seite 8); um sie als Verbotspartei darzustellen, muss der INSM das Gebot »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten« brechen. Die Grünen gelten aber als Protagonisten eines gesellschaftlichen Wandels, der Schluss macht mit SUVs und Privatjets, vor allem aber mit einer maskulinistischen Führungskultur. So fortschrittlich sind die Grünen im wirklichen Leben zwar nicht, aber es ist interessant zu beobachten, wie ihr Erfolg dazu führt, dass Wirtschaftsliberale und Rechtslibertäre nun als überflüssig betrachteten ideologischen Ballast wie die »christlich-jüdische Leitkultur« über Bord werfen. Was bleibt, ist der nackte Wille, um jeden Preis an der Macht zu bleiben.