Ein Gespräch mit dem Historiker Jannis Panagiotidis über postsowjetische Migrantinnen und Migranten in Deutschland

»Viele sehen sich in Kon­kurrenz zu den Flüchtlingen«

Seit Anfang der neunziger Jahre sind Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert. Manche von ihnen heißen die Politik der russischen Regierung gut, andere interessieren sich nicht einmal dafür. Hierzulande wird allerdings vor allem darüber diskutiert, weshalb sie überdurchschnittlich häufig die AfD wählen.
Interview Von

Kritiker der russischen Regierung verlassen vermehrt das Land, viele gehen nach Deutschland. Wie groß ist hierzulande der Anteil von Emi­- granten aus Russland unter postsowjetischen Migranten?

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Gemessen an den über 2,7 Millionen postsowjetischen Migranten, die es in Deutschland gibt – 2,5 Millionen davon sind Russlanddeutsche und ihre Familienangehörigen, 220 000 sind jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion –, dürfte es sich nur um sehr wenige Personen handeln. Diese Leute werden allerdings in der Öffentlichkeit deutlich mehr wahrgenommen als andere postsowjetische Migranten, denn sie sind auch im Exil lautstark politisch aktiv.

»Postsowjetische Migranten, die viel russisches Fernsehen konsumieren, sind kritischer gegen Flüchtlinge eingestellt und haben mehr Angst vor Terroranschlägen als andere aus dieser Gruppe.«

Wie nehmen andere postsowjetische Migranten diese Emigranten wahr?

Bei der Vorführung eines Films, den der Emigrant Igor Eidman in Berlin-Marzahn, wo viele Russlanddeutsche wohnen, gedreht hat, hatte ich den Eindruck, dass Welten aufeinanderprallen, wenn russische Emigranten und andere postsowjetische Migranten aufeinandertreffen. Die meisten postsowjetischen Migranten haben nicht viel mit den Emigranten zu tun, sicherlich auch, weil sie bereits deutlich länger als diese in Deutschland leben.

Gibt es weitere Unterschiede?

Die meisten postsowjetischen Migranten kommen eher aus der Provinz, zum Beispiel aus ländlichen Gegenden jenseits des Urals, die Emigranten kommen eher aus den großen Städten und sind der Intelligenzija zuzurechnen.

Wie groß ist das Interesse postsowjetischer Migranten an der Politik Russlands?

Einige sind sehr an russischer Politik interessiert, andere, die sich stark assimilieren wollen, interessieren sich gar nicht dafür.

Interessieren sich postsowjetische Migranten, die aus anderen Ländern als Russland nach Deutschland gekommen sind, weniger für russische Politik?

Das ist eher nicht der Fall. Auch wenn diese Leute aus Kirgisien oder Kasachstan nach Deutschland gegangen sind, ist die russische Sprache für sie wichtig. Vor allem deshalb blicken sie, sofern sie noch eine Verbindung zum postsowjetischen Raum haben, vor allem auf Russland.

Gibt es, was das Verhältnis zu Russland angeht, Unterschiede zwischen den Generationen?

Die Zahlen, die ich diesbezüglich auswerten konnte, legen nahe, dass die älteren Migranten, die aus der ehemaligen Sowjetunion ausgewandert sind, die russische Politik teils deutlich kritischer sehen als ihre Kinder, die in jungen Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Weshalb?

Meine Interpretation ist, dass die nostalgische Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat, die unter vielen Kindern der postsowjetischen Migranten zu beobachten ist, dazu tendiert, in eine politische Identifikation mit Russland umzuschlagen.

Wie ist es in dieser Hinsicht mit Kindern postsowjetischer Migranten, die in Deutschland geboren sind?

Auch unter diesen Menschen gibt es, wie mir berichtet wurde, Russland-Fans und Putin-Verehrer – wie auch unter Biodeutschen, etwa im Milieu der sogenannten Querdenker. Insgesamt handelt es sich allerdings um eine sehr heterogene Gruppe, auch was das Verhältnis zu Russland angeht.

Welche Rolle spielen russische Medien für postsowjetische Migranten?

Die wenigsten konsumieren nur russische Medien. In manchen Wohngebieten sind allerdings fast überall Satellitenschüsseln zu sehen, über die russische Fernsehsender empfangen werden; so ist es zum Beispiel im hessischen Korbach, wo ich in einer Siedlung, in der zuvor Nato-Soldaten untergebracht waren, unter vielen Russlanddeutschen aufgewachsen bin. Studien belegen zudem, dass postsowjetische Migranten deutlich häufiger russische soziale Medien nutzen als Plattformen wie Facebook.

Inwiefern ist das politisch relevant?

Viele postsowjetische Migranten sehen russische Sender wegen eher unpolitischer Formate, zum Beispiel wegen bestimmter Filme und Serien. Eine Studie der Boris-Nemzow-Stiftung für die Freiheit (benannt nach dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow, der 2015 in Moskau erschossen wurde, Anm. d. Red.) von 2016 hat allerdings gezeigt, dass postsowjetische Migranten, die viel russisches Fernsehen konsumieren, unter anderem kritischer gegen Flüchtlinge eingestellt sind und mehr Angst vor Terroranschlägen haben als andere aus dieser Gruppe.

Die russische Regierung hat in den vergangenen Jahren einige Diaspora-Organisationen gegründet. Wie wichtig sind diese für postsowjetische Migranten in Deutschland?

Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Organisationen in Deutschland eine große Wirkung entfalten. Dass dürfte unter anderem daran liegen, dass sie in größeren Städten angesiedelt sind, während die meisten postsowjetischen Migranten in Kleinstädten und auf dem Land leben.

Der sogenannte Fall Lisa, die erfundene Vergewaltigung eines Mädchens, wurde 2016 genutzt, um Russlanddeutsche gegen Flüchtlinge aufzuwiegeln. Sie stellen in Ihrem Buch fest, dass postsowjetische Migranten häufiger die AfD wählen als der Durchschnitt. Woran liegt das?

Das hat vor allem mit der sogenannten Flüchtlingskrise zu tun. Studien legen nahe, dass viele postsowjetische Migranten sich in Konkurrenz zu Flüchtlingen sehen – als Menschen, die ebenfalls einmal zugewandert sind und den Anspruch haben, dazuzugehören, diesen aber häufig nicht eingelöst sehen. Solche Menschen äußern Sprüche wie: Die behandelt man ja viel besser als uns, oder: Bei uns hat man damals nicht Applaus geklatscht, als wir nach Deutschland gekommen sind.

Welche postsowjetischen Migranten wählen die AfD?

Die Wendung nach rechts bei postsowjetischen Migranten hat vor allem im konservativen Milieu stattgefunden. Dort haben sich viele von der CDU abgewendet. Das hat – Stichwort: Ehe für alle – vermutlich auch etwas mit der gesellschaftspolitischen Modernisierung der CDU in den vergangenen Jahren zu tun.

Postsowjetische Migranten wählen inzwischen allerdings auch überdurchschnittlich häufig die Linkspartei.

Das ist ein interessantes Phänomen. Es ist offenbar unter anderem darauf ­zurückzuführen, dass viele postsowjetische Migranten im von der rot-grünen Bundesregierung Anfang der nuller Jahre geschaffenen Niedriglohnsektor arbeiten und ihre Interessen am besten durch die Linkspartei vertreten sehen. Es könnte auch etwas damit zu tun haben, dass die Linkspartei am deut­lichsten prorussische Ansichten vertritt – was übrigens auch ein weiterer Grund dafür sein könnte, dass viele postsowjetische Migranten die AfD wählen, die sich ja ebenfalls deutlich prorussisch äußert.

Abgesehen vom Fall Lisa haben postsowjetische Migranten in den vergangenen Jahren deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten als andere Migranten. Wie ist das zu erklären?

Der Fall Lisa wurde unter anderem deshalb als so spektakulär angesehen, weil plötzlich wieder über eine fast vergessene Gruppe von Migranten geredet wurde. Anfang der neunziger Jahre, als viele postsowjetische Migranten nach Deutschland kamen, wurde viel über diese Leute gesprochen – als Problemgruppe, die schlecht integriert und kriminell sei. Das hat in den nuller Jahren weitgehend aufgehört. Wenige Jahre vor dem Fall Lisa hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in einem Bericht festgehalten, dass die Integration der Russlanddeutschen eine Erfolgsgeschichte gewesen sei. Sie wurden vermehrt als auffällig unauffällig angesehen.

Wie haben sich die Stereotype über Russlanddeutsche in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?

Erstaunlich wenig. Kurz vor dem Fall Lisa hat eine Umfrage unter Studierenden ergeben, dass immer noch viele glauben, Russlanddeutsche seien kriminell und schlecht integriert. Vor allem nach dem Fall Lisa verbreitete sich zudem die Vorstellung, dass diese Menschen eher loyal zu Russland als zu Deutschland seien – gepaart mit der Vorstellung, dass diese Menschen besonders rechts und xenophob seien. Das hat einen wahren Kern, aber auch eine Entlastungsfunktion für die Mehrheitsgesellschaft, die sich im Ver­gleich mit Russlanddeutschen für besonders tolerant halten kann.

 

Jannis Panagiotidis ist Historiker und wissenschaftlicher Leiter des Research Center for the History of Transformations der Universität Wien. Zuvor war er als Juniorprofessor für Russlanddeutsche Migration und Integration an der Universität Osnabrück tätig. Kürzlich ver­öffentlichte er das Buch »Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung« im Verlag Beltz Juventa.