Der Protest gegen das Verhüllungsgebot für Brüste

Freie Brüste auf dem Rad

Wer sein T-Shirt auszieht, begeht in Berlin eine Ordnungswidrigkeit, allerdings nur, wenn die Person als weiblich wahrgenommen wird. Dagegen regt sich Protest.
Raucherecke Von

Unglaublich! Meine Titten in der Boulevardpresse! Aber von Anfang an: Samstag, 10. Juli, zwölf Uhr, Mariannenplatz, Berlin. Bei 24 Grad fröstelte es mich, mein T-Shirt zu lüften, aber es nützte ja nichts. Die Hedonistische Internationale rief unter dem Motto »No nipple is free until all nipples are free« zur Fahrraddemonstration auf. Auslöser der jüngsten Protestwelle mit den Hashtags #freethenipple und #gleichebrustfüralle erst online, nun auch auf den Straßen Berlins, war ein Polizeieinsatz, der sich Ende Juni in einer Treptower Kinderplansche zutrug.

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Gabrielle Lebreton, die sich nach eigenen Angaben gemeinsam mit einem Freund und ihren Kindern im Park sonnte, wurde von zwei Parkaufsehern dazu aufgefordert, den Oberkörper zu bedecken. Begründung: Der Brüste wegen müsse sie einen BH tragen, ihr freier Oberkörper sei störend. Es folgte der Polizeieinsatz mitsamt Platzverweis. In einer Klarstellung beruft sich das Bezirksamt Treptow-Köpenick auf das Hausrecht: FKK sei in der Plansche nicht gestattet.

Aber warum soll der nackte Oberkörper einer Frau FKK sein, der nackte Oberkörper eines Mannes aber nicht? Das fragten wir uns, die an der Demonstration Teilnehmenden, die unter lauten Parolen und oberkörperfrei am Samstagmittag durch die Stadt radelten. Die Forderung: »Wir wollen, dass nie wieder ein Mensch, der in Berlin seine Nippel zeigt, wegen des Paragraphen 118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes belangt wird!« Überall dort, wo sich cisgeschlechtliche Männer unbehelligt oberkörperfrei aufhalten ­können, muss das gleiche Recht auch allen anderen eingeräumt werden.

Freigelegte Nippel sind in Berlin keine Seltenheit, denn cisgeschlechtliche Männer lassen es sich nicht nehmen, bei sommer­lichen Temperaturen oberkörperfrei durch die Stadt zu radeln, zu joggen oder im Park in der Sonne zu entspannen. Was für sie ­normal ist – die meisten von ihnen dürften nicht eine Sekunde lang darüber nachdenken, ob es für sie gerade sicher genug ist, das Shirt zu lüften, sie tun es einfach – wird für alle anderen, für Frauen, für nichtbinäre, inter- und transgeschlechtliche Personen, zum Problem, zur Gefahr, zur Einschränkung, zur Ordnungswidrigkeit.

Nicht nur Gleichheit im Sinne von geschlechtsunabhängigen ­Bekleidungsvorschriften in Parkanlagen war das Thema des Protests. Die sexistisch agierende Parkaufsicht und Polizei sind nur die Speerspitze einer geschlechts- und körperbezogenen Diskriminierung, die zum Alltag von Frauen, nichtbinären, trans- und inter­geschlechtlichen Personen gehört. Die jüngste Protestwelle betrifft die Sexualisierung und Objektifizierung all dieser Körper, die nicht cisgeschlechtlich männlich gelesen werden, ob im öffentlichen oder im digitalen Raum. Es geht um das Recht am eigenen Körper, um körperliche Selbstbestimmung: »I’m not your porn« und »My body, my choice«.

Groß war daher auch der Unmut im Demonstrationszug, wenn Zuschauende am Bordstein die Smartphones zückten, größer nur die Solidarität unter den Teilnehmenden: Gegenseitig warnten wir uns vor Gaffern, forderten sie auf, die Smartphones wegzupacken, sprachen sie an, bestanden auf dem Löschen des bereits gefilmten oder fotografierten Materials, standen uns gegenseitig bei. Der Mangel an Respekt und Solidarität seitens der Umstehenden ist Grund genug für den nächsten Oberkörperfrei-Protest.

Bereits zu Beginn der Demonstration wurde die zahlreich versammelte Presse um Rücksicht gebeten: »Es freut uns natürlich sehr, dass ihr alle da seid, um möglichst viele Brüste zu fotografieren; es freut uns weniger, dass ihr sonst nicht so oft da seid, wenn die richtig große Scheiße passiert und wenn es nicht gerade einer weißen cis Frau beim Baden passiert.«

Müssen wir auf öffentlichen Demonstrationen wirklich damit rechnen, fotografiert zu werden? Ich bin Fotografin, Aktfotografin, und nicht selten mache ich meinen eigenen Körper zum Gegenstand meiner künstlerischen Arbeit. Es gibt Hunderte Bilder meiner Brüste im Internet. Aber wollte ich genau dieses Bild meiner Brüste, das das Boulevardblatt verwendet hat, auf Instagram oder Facebook hochladen, um meine Solidarität mit dem Protest zu demonstrieren und im Internet auf unseren Protest aufmerksam zu machen, würde mein Profil wohl alsbald gelöscht.

Die Apps sanktionieren Körper, die sie als weiblich deuten, Körper mit Brüsten, sie sanktionieren trans- und intergeschlechtliche Körper, sie zensieren Körper. Ohne Selbstzensur werden die Profile verdächtigt, geblockt, gelöscht, wertlos. Gelegentlich löschen die Apps auch feministische und queere Gruppenaccounts; so war Anfang 2021 der Instagram-Account von Trans Sexworks für mehrere Monate gelöscht. Am Montag gegen zwölf Uhr wurde dann auch mein Twitter-Account @fem_poet temporär gesperrt, nachdem misogyne Trolle meine Tweets zum Thema #gleichebrustfüralle, meine Forderungen nach Respekt für die Demonstrierenden und meine Solidarität mit dem Protest, in großer Zahl gemeldet hatten.

Wieder einmal für zwölf Stunden mundtot gemacht von diesen Tools, die uns einen Präsentationsort anbieten, die zum Austausch, zur Kommunikation und Solidarität untereinander verhelfen. Auch diese Werkzeuge reproduzieren die cis-heteronormativen, patriarchalen Strukturen und müssen letztlich genauso bekämpft werden wie der Alltagssexismus in unseren Leben, auf unseren Straßen, in unseren Parks: »Jeder Mensch, egal welchen Geschlechts, egal welchen Körperbaus, hat das Recht darauf, seine Nippel zu ­zeigen oder sie zu verhüllen, wie es ihm beliebt!« So sagt es die Sektion Wilde Möpse, die den Protest organisiert hat. Glücklicherweise sorgte die Mittagssonne bald dafür, dass meine Nippel nicht die ganze Zeit steif waren. Wir sollten die Sommermonate nutzen, um ­unseren Protest weiter auf die Straße zu tragen, so lange, bis unsere Körper endlich frei sind.