Ein neues Buch zeichnet die Entstehung des Sportdokumentarfilms nach

Genre mit Defiziten

Die Geschichte des Mediensports ist eng mit der des Sportdokumentarfilms verknüpft. Ein neues Buch untersucht die Zusammenhänge.

Die Aufmerksamkeit für dokumentarische Sportfilme und -serien ist in der jüngeren Vergangenheit gestiegen – weil Streamingdienste auch auf diesem Feld investieren und Journalisten gern über Netflix, Amazon Prime und Co. schreiben. Die Bandbreite dieser Produktionen reicht von »Schw31ns7eiger: Memories – Von Anfang bis Legende«, ­einer von Til Schweiger produzierten Hagiographie, bis zu Torsten Körners »Schwarze Adler«, einem dokumentarischen Essay über bundes­republikanische Gesellschaftsgeschichte, in dessen Mittelpunkt der Rassismus steht, dem sich people of color im deutschen Fußball ausgesetzt sehen (Jungle World 19/2021).

Die Spuren von Leni Riefenstahls Olympiafilm, so Dietrich Leder, »tragen nicht nur die folgenden Olympiafilme, sondern auch die Live-Übertragungen des Fernsehens bis in die Gegenwart«.

Da kommt ein Buch »zur Geschichte des Sportdokumentarfilms« zum richtigen Zeitpunkt. So lautet der Untertitel der Monographie »Die Entstehung des Mediensports«, die Dietrich Leder, Jörg-Uwe Nieland und ­Daniela Schaaf verfasst haben. Der Begriff Mediensport ist dabei im ­folgenden Sinn und Kontext zu verstehen: »Der moderne Sport«, schreiben die Autoren, sei »nicht erst im Lauf des 20. Jahrhunderts durch die audiovisuellen Massenmedien erobert« worden; vielmehr sei er »von Anfang an medialisiert« gewesen, »und die visuelle Dokumentation sportlicher Aktivitäten begleitete dessen Entwicklung«.

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Das Herzstück des Buchs sind zehn Kapitel mit ausführlichen Analysen zu ausgewählten Sportdokumentarfilmen; meistens konzentriert sich ein Kapitel auf einen Film, manchmal auch auf mehrere. Auf die Analysen folgen jeweils kürzere Darstellungen zu weiteren maßgeblichen Filmen des jeweiligen Sub­genres sowie andere naheliegende Exkurse.

Diesen Abschnitt des Buches eröffnet Dietrich Leders Text über »Olympia. Fest der Völker. Fest der Schönheit«, Leni Riefenstahls Film über die Olympischen Sommerspiele im nationalsozialistischen Deutschland 1936. Der Beitrag analysiert sowohl den Film als auch die unterkomplexe Rezeption der Arbeit und des Wirkens der Regisseurin – eine Rezeption, die nicht untypisch ist für die mangelnde bundesrepublikanische Aufarbeitung der NS-Geschichte.

Leder geht unter anderem darauf ein, wie sehr viele Autoren der ­Legende auf den Leim gingen, Riefenstahls Olympiafilm sei formal »innovativ« gewesen. Sie habe, betont Leder, keineswegs »viele filmische Mittel erfunden«, sondern bereits existierende filmische Methoden »radikalisiert« – vor allem dank »enormer Geldmittel«, auf die sie als treue Anhängerin der NS-Ideologie zurückgreifen konnte. »Für die Produktion des Films wurden 2,75 Millionen Reichsmark kalkuliert, also mehr als das Vierfache dessen, was ein durchschnittlicher Spielfilm der Ufa des Jahres 1936 kostete«, schreibt ­Leder. Zwei Drittel dieser Summe habe das Propagandaministerium zur Verfügung gestellt.

Im Fazit seiner Analyse zu »Olympia. Fest der Völker. Fest der Schönheit« schreibt Leder: »Leni Riefenstahl begriff als Erste die Sportwettbewerbe, die sie zu dokumentieren hatte, gleichsam nur als Halbprodukte, die erst durch die Überhöhung ihrer ästhetischen Darstellung zu einem attraktiven Medienprodukt veredelt werden.« Damit lässt sich sagen, dass »ein weitgehend von nationalsozialistischer Ideologie durch­setzter Film das Genre des Sport­dokumentarfilms« konstituiert habe. Die Spuren ihres Films, so Leder weiter, »tragen nicht nur die folgenden Olympiafilme, sondern auch die Live-Übertragungen des Fernsehens bis in die Gegenwart«.

Wenn es eine zentrale Passage gibt in »Die Entstehung des Mediensports«, dann ist es vielleicht diese. Sie beschreibt einen Makel, mit dem gewissermaßen eine gesamte Branche behaftet ist. Eine Branche, die zumindest in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck erweckt, dass sie sich mit diesem Makel auseinandersetzt.

In ihrer Einleitung schreiben die Autoren: »Die Geschichte des Sportdokumentarfilms ist äußerst viel­fältig. Sie enthält gleichsam in nuce alle Fragen und Probleme, die dokumentarische Darstellungen im Film generell betreffen und sich auf ­deren Methoden, Erzählweisen, Darstellungsformen und Perspektiven beziehen.« Die im Hauptteil des Buchs ausgewählten Filme repräsentieren dementsprechend unterschiedliche »Methoden, Erzählweisen, Darstellungsformen und Perspektiven«. Für die Methode des Cinéma vérité, die »durch die Interaktion mit den Protagonisten und die aktive Gestaltung der Handlung durch das Eingreifen der Filmemacher gekennzeichnet ist«, wie Daniela Schaaf schreibt, steht hier »Football Under Cover« (2008). Der Film von David Assmann und Ayat Najafi erzählt davon, wie es, so Schaaf, dazu kam, dass die iranische Fußballnationalmannschaft der Frauen erstmals »vor Zuschauerinnen, außerhalb einer Halle und gegen ein ausländisches Team spielte«. Gegner war der BSV Al-Dersimspor aus Berlin, für den damals Marlene Assmann spielte; sie ist Co-Produzentin und Erzählerin des Films (und die Schwester des Co-Regisseurs David Assmann).

Marlene Assmann ermöglichte das Projekt überhaupt erst, indem sie ihre Mitspielerinnen überredete, mitzumachen. Der Co-Regisseur Najafi war Mitorganisator des Spiels, außerdem übersetzte er bei den zahlreichen Gesprächen mit den iranischen Verantwortlichen, die überzeugt werden mussten. »Die Filmemacher sind nicht nur omnipräsent in ihrem eigenen Projekt, sie pro­vozieren durch ihre Aktivitäten erst die Handlung«, schreibt Schaaf. »Football Under Cover« erschafft somit die Geschichte, die er erzählen will, selbst – und schreibt damit Geschichte.

Der Grund, aus dem Hellmuth Costards Film »Fußball wie noch nie« (1971) in diesem Band ausführlich analysiert wird, ist seine künstlerische Kompromisslosigkeit: Sechs Kameras filmen am 12. September 1970 beim Spiel von Manchester United gegen Coventry City ausschließlich den United-Spieler George Best, egal ob er gerade am Ball ist oder nicht einmal in dessen Nähe. Andere ­Akteure oder auch die Zuschauer sind nur als Kulisse oder Nebenfiguren im Bild, nämlich nur dann, wenn auch Best zu sehen ist.

Dietrich Leder schreibt über den Film, er »radikalisiere das Prinzip der Fernsehübertragung eines Fußballspiels, die damals mit meist nur drei Kameras vor allem das Wesentliche eines Spiels, wozu in erster Linie die Tore zählten, zu erfassen suchte. Nahaufnahmen von Spielern waren die absolute Ausnahme.« Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht die Sendezeit dieses radikalen, vom WDR finanzierten Films im Ersten Programm der ARD: »Fußball wie noch nie« lief um 21.30 Uhr.

In seiner Ausführlichkeit regt dieses Buch dazu an, sich den einen oder anderen hier erwähnten Film noch einmal oder erstmals anzuschauen, zum Beispiel »Diego Maradona – Rebell. Held. Gott«. Asif Kapadia, der Regisseur des Films, erfährt in »Die Entstehung des Mediensports« unter anderem eine Würdigung wegen eines Stilmittels, das ­sowohl beim Thema Maradona als auch in »Senna« zur Anwendung kommt, seinem Dokumentarfilm über den verstorbenen brasilianischen Formel-1-Fahrer und Nationalhelden Ayrton Senna: Ausschnitte aus Interviews mit Experten und Weggefährten sind hier jeweils nur aus dem Off zu hören. Zu sehen sind Letztere aber nicht. So macht sich Kapadia zwar zunutze, was diese Personen wissen oder über das Leben des Protagonisten erzählen, aber weil die Gesprächspartner nicht im Bild sind, besteht nicht die Gefahr, dass sie sich kurzzeitig in den Mittelpunkt rücken. »Kapadias Stilmittel, keine talking heads auftreten zu ­lassen, verstärkt die Nähe zum Pro­tagonisten und seinen Gefühlen«, schreibt Jörg-Uwe Nieland dazu.

Die Autoren stellen nicht nur ausführlich die aus ihrer Sicht heraus­ragenden Sportdokumentarfilme vor, sie erwähnen auch »eine Reihe von Defiziten«, die für das Genre typisch sind. »Problematisch« sei etwa »die Fixierung der Filme auf das große Ereignis, das meist inklusive der Vorbereitungen im Mittelpunkt steht«. Diese »Fixierung« sorge für eine gewisse dramaturgische Gleichförmigkeit. Ein weiteres Defizit: Der Sportdokumentarfilm sei »weitgehend auf männliche, heterosexuelle, voll funktions- und leistungsfähige Sportkörper und damit auf männliche Stars fixiert«.

Nicht zuletzt, so das Autorentrio, sei »der kritische Blick hinter die ­Kulissen (Strukturen und Prozesse) selten«. Wenn – wie zuletzt für manche Dokumentarfilme und dokumentarischen Serien über internationale Stars oder Spitzenmannschaften – Vereine Filmemachern Zutritt zu Umkleidekabinen gewähren, heißt das eben noch lange nicht, dass sie einen Blick »hinter die Kulissen« ermöglichen. Oft lässt sich da eher von Scheinnähe sprechen.

»Die Entstehung des Mediensports« richtet sich nicht nur an einen überschaubaren Kreis von Nerds. Das Buch liefert auch allerlei Anregungen für jene, die sich für die generelle Entwicklung des Dokumentarfilms und die politischen Dimensionen des Sports interessieren.

Dietrich Leder, Jörg-Uwe Nieland, Daniela Schaaf: Die Entstehung des Mediensports. Zur Geschichte des Sportdokumentarfilms. Verlag Herbert von Halem, Köln 2020, 552 Seiten, 42 Euro