Auf Streife mit der Sittenpolizei

»Lassen Sie ihre Brüste bitte zu Hause«

Auf Streife mit der Berliner Sittenpolizei.
Die preisgekrönte Reportage Von

»Achtung, Busenpolizei!« Mit lauter Sirene rauscht der Streifenwagen von Manfred Koppner (41) durch Berlin-Treptow – nur unterbrochen von den Lautsprecherdurchsagen, die er an jeder Kreuzung durchgibt: »Eine Information für die geschätzten Mitbürgerinnen: Nach Paragraph 118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes ist das Zurschaustellen beziehungsweise Zeigen von Busen respektive Brüsten oder vergleichbaren Körperteilen eine grob ungehörige Handlung und kann bestraft werden. Bitte ziehen Sie zu Hause blank! Dankeschön für Ihr Verständnis.«

Anzeige

Koppner lehnt sich entspannt zurück: »Das mit dem Dankeschön müssen wir eigentlich gar nicht sagen, von Amts wegen. Aber ich versuche immer, da auch eine menschliche Note mit reinzubringen. Viele wissen das mit den Busen ja gar nicht, die will ich nicht vor den Kopf stoßen.«

Er hält bei einer irritierten Mutter mit Kinderwagen, lässt das Fenster herunter. »Schönen guten Tag! Ich wollte Sie darauf hinweisen: Sollten Sie vorhaben, hier Ihren Busen freizumachen, beziehungsweise Teile des Brustapparats der Öffentlichkeit kenntlich zu machen, dann muss ich Ihnen einen Platzverweis erteilen.« Die Passantin versucht, Koppner zu ignorieren. Der schüttelt enttäuscht den Kopf. »Die Leute sind so unvorsichtig. Rennen hier rum, als könnten sie nicht jederzeit von einem Busenblitzer überrascht werden!«

Ein Fall aus dem Berliner Plänterwald hat die Öffentlichkeit elektrisiert: Die Polizei verjagte eine Frau, weil sie sich dort ohne Oberteil sonnte. Auch die Nackt-Demo, die den entsprechenden Paragraphen anprangerte, hat die Frage neu angefacht: Ist ein solches Sittengesetz noch zeitgemäß?

»Ich führe nur Befehle aus«, sagt Koppner und lässt das Mikrophon wieder aufheulen: »Achtung, liebe Frauen: Lassen Sie aus Sicherheitsgründen ihre Brüste heute bitte zu Hause! Dankeschön.« Koppner ächzt unter der Verantwortung: »Busen und immer mehr Busen! Die werden ja teilweise auch von Kindern gesehen, was sollen die denken? Dass Menschen Brüste haben? Das werden sie noch früh genug erfahren, mit 18, auf dem Standesamt.«

Berlin lebt wie immer den Kompromiss: kontrollierte Entgrenzung; Exzess, aber mit Augenmaß. Das Ordnungsamt Treptow-Köpenick vermittelt hier geschickt zwischen Moderne und Mittelalter.

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.