Die Debatte über Dirk ­Moses’ »Katechismus der Deutschen«

Linkspaternalistischer Rassismus

A. Dirk Moses hat jüngst in seinem Essay »Der Katechismus der Deutschen« argumentiert, in Deutschland sei es »Häresie«, den Holocaust mit anderen Genoziden zu vergleichen. Das hat zu einer Reihe weiterer, in eine ähnliche Richtung gehender Beiträge geführt. Moses und Adepten in­strumentalisieren dabei Migranten für ihre antizionistische Programmatik.

Erdbeben, Brunnenvergiftungen, ­Ritualmorde, Französische Revolution, Banken, Psychoanalyse, Bolschewismus, New World Order: Seit jeher bestimmten die Juden die Geschicke der Welt, so der gängige antisemitische Wahn. Seit 1945 bestimmen sie die Geschichte gar als Opfer, so die Vorstellung einiger sich links wähnender Historiker. Unter dem Slogan »Katechismus der Deutschen« bewerben sie derzeit die Idee, dass in Deutschland eine inbrünstige Fi­xierung auf den Holocaust walte, die der Aufarbeitung des Kolonialismus im Weg stehe – und bedienen sich dafür ausgiebig rassistischer Projektionen.

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Die Katechismus-Debatte eröffnete ein Beitrag des Genozidforschers A. Dirk Moses im postmodern zerstreuten Schweizer Online-Magazin Geschichte der Gegenwart. Ähnlich dem Revisionismus des neurechten Historikers Ernst Nolte wirft Moses sogenannten »Hohepriestern« der Erinnerung vor, einer Art Zivilreligion der Buße zu unterstehen. Deren »Katechismus« besage, dass der Holocaust singulär und das Fundament nachkriegsdeutscher Moral sei, Deutschland zu besonderer Loyalität gegenüber Israel verpflichte, Antisemitismus nicht Rassismus sei und Antizionismus anti­semitisch.

Dass akademische Zirkel so gern mit Signalwörtern wie »inklusiv« aufwarten oder für minoritäre »Stimmen« schwärmen, belegt nur, wie abgeschottet, homogen und provinziell sie tatsächlich sind – und dass sie ihre eigenen sozialen Defizite symbolisch wettzumachen versuchen.

* (Richtigstellung)

Moses zufolge ist die Shoah nur ein regionaler »Genozid« unter vielen. »Unterdessen gilt bereits an Auschwitz zu erinnern für langweiliges Ressentiment«, schrieb Theodor W. Adorno 1950, und in diesem Sinne löst Moses wie schon Oswald Spengler historisch spezifische Gewalt in der unerbittlichen Allgewalt der ­Geschichte auf.

Zur Rechtfertigung dieser »dekolonialen« Vorgehensweise wird oftmals darauf hingewiesen, dass sich die deutsche Gesellschaft einwanderungs­bedingt verändert habe und Geschichtsdidaktik wie Erinnerungspolitik diesem Umstand anzupassen seien. Auch Moses findet, dass es »an der Zeit« sei, »diesen Katechismus zu verabschieden und die Forderungen nach historischer Gerechtigkeit auf eine Weise neu zu verhandeln, die alle Opfer des deutschen Staats und alle Deutschen – auch BPoC (Black and People of Color, Anm. d. Red.), inkl. Juden und Jüdinnen und Muslime und Muslimas, Einwander:innen und ihre Nachfahren – respektiert«.

Dass sich solch linksidentitäre Zeilen lesen, als ob der Schulbesuch in der KZ-Gedenkstätte für junge Migranten eine Zumutung sei, weil ihre Blutsverwandtschaft nichts mit den einstigen Verbrechen zu tun gehabt habe, ist kein Zufall. Moses professionalisiert für die höchsten Bildungsebenen jene tribalistischen Tendenzen, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen längst vorherrschen. Doch weshalb sollten Menschen, die selbst oder deren Eltern aus anderen Gegenden der Welt nach Deutschland kamen, nicht rational nachvollziehen können, was zwischen 1933 und 1945 geschah? Noch bevor die letzten Zeugen jener Verbrechen verstorben sind, gilt die Mahnung, die sie verkörpern, bereits als eurozentristisch und rassistisch – und das in einer Gesellschaft, die den Nationalsozialismus nie adäquat aufgearbeitet hat.

Dieser taktische Bezug auf migrantische und »nichtweiße« Menschen ist die jüngste Inkarnation jenes linkspaternalistischen Rassismus, der Empathie an »Anderen« vortäuscht, um hierüber die eigenen Projektionen moralisch aufzuladen. In diesem Fall handelt es sich um die rassistische Phantasie, Migranten müssten sich nicht in gleichem Maße mit der Vernichtung der europäischen Juden beschäftigen, weil ihnen andere historische Ereignisse emotional »näher« seien. Dass hiervon überzeugte akademische Zirkel so gern mit Signalwörtern wie »inklusiv« aufwarten oder für minoritäre »Stimmen« schwärmen, belegt nur, wie abgeschottet, homogen und provinziell sie tatsächlich sind – und dass sie ihre eigenen sozialen Defizite symbolisch wettzumachen versuchen.

Verräterisch ist die rassistische Geste vor allem, weil sie einem universitären Milieu entspringt, das die vergangenen drei Jahrzehnte lieber der Lektüre antizionistischer Prosa von Edward W. Said und Judith Butler widmete, statt die fortwährende rechtsextreme Gewalt in Deutschland zu ihrem wissenschaftlichen Gegenstand zu machen. Tatenlos sahen diese Kreise auch zu, wie deutsche Rassistinnen aus den Gender Studies gleich reihenweise islamkritischer Migrantinnen runtermachten. 2020 bot ihnen die Mbembe-Debatte dann ­Gelegenheit, kollektiv ihr antiisraelisches Bedürfnis auszuagieren. Nun verwechseln sie selbst die dümmsten Plädoyers für »Vielfalt« und gegen »Islamophobie« mit der Bekämpfung von Rassismus.

Eingeschworene Rassisten bemerkten rasch, um was es hier geht. Kurz nachdem Moses verkündet hatte, dass es einen »Katechismus der Deutschen« gebe, meldete sich auf der Online-Präsenz der neurechten Zeitschrift Sezession ein Gleichgesinnter zu Wort. Dort lobte Martin Sellner, Galionsfigur der Identitären Bewegung, zumindest die Konstatierung eines »Katechismus« und bezeichnete den Beitrag als »absolut lesenswert«. Es folgte Unruhe – ganz so, als ob es sich hierbei um ein Missverständnis handle und nicht etwa um Beifall von der richtigen Seite.

Auf dem Blog New Fascism Syllabus, den die kanadische Historikerin Jennifer Evans initiiert hat, reichte Moses schnell die Beteuerung nach, anders als Sellner wolle er ein Ende der »white supremacy«. Seinen hilflosen Distanzierungsversuch entkräften allerdings weitere einschlägige Formulierungen: Unverfroren warnt er etwa vor einer »Israelifizierung Deutschlands«, was sich kaum von der Wortwahl des ehemaligen AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon unterscheidet, der einmal von einer »Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung der westlichen Politik« sprach. Ohnehin ist bei solchen Zeilen Joseph Goebbels’ Rede zur »Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum« oder die von Martin Heidegger behauptete »Verjudung unserer Kultur u. Universitäten« nicht weit. Hätte Moses ein »eurozentristisches« Geschichtsbuch konsultiert, wäre ihm das eventuell aufgefallen.

Auf New Fascism Syllabus wurden Moses’ Überlegungen in einer Serie von Artikeln fortgeführt, die teils von Geschichte der Gegenwart übersetzt wurden. Manche beruhen auf geradezu peinlichen Irrtümern – der Histo­riker Alon Confino zum Beispiel nennt Antisemitismus »eine Form von Rassismus« –, bei anderen handelt es sich um pure Kolportage, die jedem wissenschaftlichen Anspruch spottet. So behauptet der an der Freien Univer­sität Berlin forschende Sébastien Tremblay, dass »von der AfD bis zur rassistischen Blase der sogenannten antideutschen ›Linken‹« eine Linie führe, welche die deutsche Wissenschaftslandschaft beherrsche. Dass Evans solch abenteuerliche Fiktion gar nicht erst zu redigieren gedachte, belegt der durchweg vorfabrizierte, inkonsistente wie schlampige Charakter dieser Beiträge und deren argumentfreies Aneinanderreihen von Behauptungen auf dem Niveau der flat earth-Theorie.

Trostloser Tiefpunkt der Reihe ist ein gefühlsduseliges Selbstgespräch von Mirjam Brusius, die ironiefrei auf einen »desillusionierten jüdischen Freund« verweist, um ihr antizionistisches Ressentiment zu stützen, und das Gerücht streut, »muslimische Schüler:innen« bekundeten bei Besuchen in Gedenkstätten von Konzentrationslagern, Angst zu haben, »die Nächsten« zu sein. Weder ist die Historikerin fähig, solch groteske Opfermentalität, die sie schamlos »großen Teilen der postmigrantischen Gesellschaft« andichtet, mit dem Umstand ins Verhältnis zu setzen, dass in Deutschland keine jüdische Einrichtung auf Sicherheitsmaßnahmen verzichten kann, noch begreift sie den Beitrag, den die Geistes- und Sozialwissenschaften ihrer Couleur zur Konjunktur des Anti­semitismus leisten.

Ohnehin beschränkt sich diese als herrschaftskritische Reflexion verkleidete Propaganda auf moralinsaure Appelle: Da die Geschichte bekanntlich von den Siegern geschrieben wird – warum nicht einfach Geschichte neu schreiben, um zu Siegern zu werden? In diesem Sinne wird voller Einsatz gezeigt: Die konformistischen Völkerkundler projizieren ihr rassistisches Ressentiment auf Migranten, von denen sie allen Ernstes glauben, diese hätten eine postmoderne Gehhilfe nötig. Zugleich täuschen sie vor, das Herz am rechten Fleck zu tragen, während sie sich von Feinden umringt wähnen. Dumm nur, dass der vermeintliche Feind – siehe Sellner – ihnen so feindlich gar nicht gesinnt ist.

1985 blökte die damals rechtsex­treme Proll-Band Böhse Onkelz im Fernsehen, die Deutschen hätten einen Schuldkomplex. Heutzutage sind es linke Professoren, die das Thema modisch aufbereiten, von einer »Israelifizierung Deutschlands« halluzinieren und für einen vermeintlich rassismussensiblen Zeitgeist trommeln. Die antisemitische Internationale links- und rechtsidentitärer Strömungen ist so angriffslustig, weil ihr die fortwährende historische Aufarbeitung des Holocaust den Kampf gegen Israel erschwert.

So führt der Versuch, die Erinnerung an die Shoah zu »dezentrieren«, das zusammen, was zusammengehört. Parallel zum Raketenterror gegen Israel und zum Aufmarsch antisemitischer Mobs auf europäischen Straßen beginnen antirassistisch benebelte Akademiker unter neurechtem Applaus eine Kampagne gegen den jüdischen Staat. Dass die deutsche Übersetzung von Brusius’ Artikel auf Geschichte der Gegenwart derweil mit den Worten eingeleitet wird, in der Katechismus-Debatte würden minoritäre Stimmen »geradezu systematisch ausgeblendet«, ist purer Hohn angesichts der Kritik, die migrantische Individuen am Antisemitismus äußern, zumal diese in den vergangenen Jahren insbesondere jenen akademischen Milieus galt, die dem Antizionismus zuarbeiten. Dass diese Arbeiten verschwiegen werden, zeigt, was den ganz normalen Rassismus herkunftsdeutscher, herkunftsschweizerischer und nordamerikanischer Historiker ausmacht: identitäres Denken, das Interesse an migrantischen und »nichtweißen« Menschen simuliert, solange diese die eigene Ideologie stützen oder für diese instrumentalisiert werden können. Rassistischer dürfte es kaum gehen.

 

* Richtigstellung v. 20.7.2021: Dirk Moses hat die Formulierung “Genozid gegen die Palästinenser in Gaza” nicht verwendet.