Im Gespräch mit den Soziologen Michel Anteby und Nicholas Occhiuto über die Ghostwriting-Branche in den USA

»Outsourcing des Selbst«

Die Nachfrage nach Ghostwritern steigt: Nicht nur Politiker wollen sich mit persönlichen Büchern als Marke etablieren. Michel Anteby und Nicholas Occhiuto sprachen mit 72 Ghostwritern und Verlagsmitarbeitern über Arbeitsbedingungen und Selbstverständnis der Branche.
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Immer mehr Politiker verfassen Bücher, oft sind diese nicht von ihnen selbst geschrieben. Woher kommt die wachsende Bedeutung von Politikerbüchern und damit auch von Ghostwritern?

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Nicholas Occhiuto: Die Bedeutung von Ghostwriting als Beruf wächst wegen zweier Trends: Der erste ist, dass es immer wichtiger wird, sich als persönliche Marke zu präsentieren. Viele Politiker in den USA schreiben ein autobiographisches Buch, bevor sie für ein Amt wie die Präsidentschaft kandidieren, um den Wählern ihre persönliche Geschichte zu erzählen, aber auch um ihre intellektuelle Kompetenz unter Beweis zu stellen. Doch auch Stars aus der Unterhaltungsbranche oder Geschäftsleute veröffentlichen natürlich solche persönlichen Bücher zur Selbstdarstellung.

»Je mehr Geld man dem Ghost­writer bezahlt, desto eher kann man von diesem verlangen, seinen Namen ganz geheim zu halten.« Michel Anteby

Der zweite Trend ist das, was die Soziologin Arlie Hochschild das »Outsourcing des Selbst« nennt: immer mehr Menschen, vor allem natürlich wohlhabende, bezahlen andere dafür, dass diese Tätigkeiten ihres Privatlebens für sie erledigen – Kinder versorgen, Hochzeiten planen, Wohnungen einrichten – oder sie in ihrer Lebensführung unterstützen, etwa als Coaches oder Assistenten. Das geht bis hin zum Kuratieren des öffentlichen Auftritts und des Images – oder eben zum Verfassen eines persönlichen Buches.

Warum haben Sie sich mit Ghostwritern befasst, die Memoiren schreiben?

Michel Anteby: Das war besonders interessant, weil Memoiren intim und authentisch sein und auf persönlichen Erfahrungen basieren sollen. Es gibt aber noch andere Gebiete, auf denen sich der Trend zum Ghostwriting verstärkt, zum Beispiel Essays, die US-Studenten für ihre Universitätsbewerbungen schreiben müssen. Auch diese sollen persönlich und authentisch sein, werden aber oft von professionellen Autoren verfasst. Reden von Politikern sind dagegen ein Beispiel, wo niemand erwartet, dass die Texte vom Redner selbst verfasst wurden. Redenschreiben kann man deshalb auch an einigen Hochschulen lernen.

Weil es bei den meisten Ghostwriting-Arbeiten um Texte geht, von denen erwartet wird, dass der nominelle Autor sie selbst geschrieben hat, sprechen wir von stand-in labor: Die Ghostwriter machen Arbeit, bei der sie einen anderen Menschen buchstäblich vertreten. Ein klassisches Beispiel dafür sind die Memoiren und Lebensgeschichten von berühmten Sportlern, Künstlern, Poli­tikern, aber auch Pastoren. In den USA gibt es eine gut laufende kleine Indus­trie, die persönliche Bücher für Pastoren produziert, die sich damit als religiöse Marke präsentieren und mehr Menschen für ihre Gemeinden und mega­churches gewinnen wollen.

Es gibt aber auch persönliche Bücher, die kein Geheimnis daraus ma­chen, dass sie von jemand anderem geschrieben wurden.

N.O.: Ja, auch in dieser Hinsicht gibt es Abstufungen. Niemand erwartet, dass bestimmte Sportler oder Reality-TV-Stars ihre eigenen Bücher schreiben. Bei solchen Büchern steht dann oft der Co-Autor mit auf dem Buchcover. Wenn es dagegen die Erwartung gibt, dass die Person selbst in der Lage wäre, das Buch zu schreiben, wird der Ghostwriter entweder nur versteckt im Buch genannt oder er wird ganz geheim gehalten. So ist es oft bei Büchern von Politikern, aber auch bei bestimmten Künstlern. Sollte sich zum Beispiel herausstellen, dass Bob Dylan seine Memoiren doch nicht selbst geschrieben hat, wäre das ein Skandal. Inwieweit die Beteiligung eines Ghostwriters öffentlich gemacht oder verheimlicht wird, liegt also an den Erwartungen der Leserschaft an das Buch.

M.A.: Selbst wenn der Co-Autor mit auf dem Cover steht, sagen Größe und Platzierung des Namens etwas aus über die Authentizitätserwartungen, die das Buch erfüllen soll. Was uns überraschte, ist, dass das immer von Fall zu Fall neu ausgehandelt wird. Je mehr Geld man dem Ghostwriter bezahlt, desto eher kann man von diesem verlangen, seinen Namen ganz geheim zu halten.

War es schwer, Ghostwriter für Ihre Interviews zu finden?

N.O.: Um nichtöffentliche Autoren zu finden, haben wir unter anderem die Danksagungen in Büchern nach versteckten Hinweisen durchsucht. Es heißt dann zum Beispiel: »Dieses Buch wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung von xy.« Verlagslektoren, mit denen wir Interviews führten, bevorzugten es im Allgemeinen, den Ghostwriter möglichst geheim zu halten oder zumindest nicht auf dem Cover zu präsentieren, weil sich ein authentisch wirkendes Buch besser verkaufen wird. Das macht es Ghostwritern schwieriger, neue Aufträge zu bekommen und sich selbst einen Namen zu machen.

Wie gehen die Ghostwriter mit diesem Zwang zur Anonymität um?

N.O.: Viele ziehen eine Befriedigung daraus, dass sie hinter ihrer Arbeit verschwinden können, denn dann waren sie ja erfolgreich darin, ein Buch zu schreiben, das wirkt, als sei es von jemand anderem. Gleichzeitig ziehen sie auch Stolz daraus, eine möglichst gute und anziehende Version ihres Klienten geschaffen zu haben, besser als dieser es selbst hätten machen können. Das sah man zum Beispiel beim Ghostwriter Donald Trumps, Tony Schwartz. Er ging nach Trumps Wahlerfolg im Jahr 2016 zwar an die Öffentlichkeit und sagte, er bereue es, dessen Bestseller »The Art of the Deal« geschrieben zu haben. Aber selbst da schwang noch der Stolz mit, eine so anziehende und erfolgreiche Persön­lichkeit wie das Geschäftsgenie Donald Trump miterfunden zu haben.

Auch weil die Verwendung eines Ghostwriters oft geheim gehalten wird, haftet dem Beruf etwas Schamvolles an. Was denken die Autoren darüber?

M.A.: Ein Ghostwriter erzählte uns von einem Erlebnis bei einer Podiumsdiskussion, auf der er mit Historikern saß, die unter ihrem eigenen Namen veröffentlichten und ihm mit Ablehnung begegneten. Er fragte sie: »Wer hat die ­Bibel geschrieben?« Damit meinte er, Texte können auch bedeutsam sein, obwohl die Autorschaft unklar ist. Andere Ghostwriter haben uns gegenüber betont, dass gerade dazu viel Kunst gehört, eine Persona für einen anderen Menschen zu erschaffen. Sie meinen damit, dass sie ein herausforderndes Handwerk beherrschen und nicht nur transkribieren, was ihnen ihr Klient erzählt.

Ghostwriter schwanken deshalb oft zwischen Zurückhaltung und Stolz auf ihre Arbeit, den sie selten zeigen können. Die Idee für unsere Recherche kam mir nach einer Begegnung mit einem Schriftsteller bei einem privaten Abendessen in Frankreich. Er war Ghostwriter, wollte aber zunächst nicht sagen, von wem. Erst nach einigen Gläsern Wein erzählte er, dass er seit über 20 Jahren die Bücher eines bekannten französischen literarischen Autors verfasste. Er schrieb nicht nur dessen Bücher, sondern hat auch zukünftige Werke für ihn entworfen und so die ganze Karriere des Autors mitgestaltet. Den Autoren will ich nicht nennen, aber ich habe ihn schon oft im Fernsehen gesehen, wie er über sein Lebenswerk spricht. Ghostwriter müssen also sehr diskret sein, aber sie empfinden oft auch Stolz auf ihr Werk.

Für das negative Empfinden von Ghostwritern, die unbekannt bleiben müssen, verwenden Sie den Begriff »Anerkennungsentfremdung«.

N.O.: Entfremdete Arbeit ist ein alter Begriff, den vor allem Marx bekannt gemacht hat. Mit Anerkennungsentfremdung meinen wir, dass der Ghostwriter nicht nur vom Produkt seiner Arbeit entfremdet ist, sondern auch von der Anerkennung für seine Arbeit. Wer bei Ford am Fließband steht, kann sagen, dass er daran mitgewirkt hat, diese Autos zu bauen, er ist Arbeiter bei Ford. Aber Ghostwriter müssen oft Verträge unterschreiben, die es unter Strafe stellen, über ihre Arbeit zu sprechen, in die sie viel Zeit und Mühe investieren. Viele Ghostwritern konnten nicht mal uns, die wir ihnen volle Anonymität und Geheimhaltung zugesichert hatten, die Titel einiger ihrer Bücher nennen.

Was sind das für Menschen, die Ghostwriter werden?

M.A.: Bei denen, die wir untersucht haben, gibt es kein eindeutiges Profil. Wir hatten vermutet, es würde sich vor allem um ehemalige Schriftsteller handeln, also fragten wir sie nach ihren Veröffentlichungen unter ihrem eigenen Namen, aber viele hatten nie selbst veröffentlicht. Viele kommen durch das Verlagswesen zu der Arbeit oder wurden von ihren eigenen Lektoren angesprochen, oft sind es auch Journalisten. Einige sind Gelegenheits-Ghostwriter, für andere ist das der Hauptberuf. Wie andere Gig-Arbeiter müssen sie stets nach neuen Projekten Ausschau halten. Man kann durchaus gut verdienen, aber es gibt immer die Sorge, wo das nächste Projekt herkommen wird. In diesem Sinne ist Ghostwriting ein prekärer Beruf. Es ist eine akademische, hochqualifizierte Tätigkeit, der gleichzeitig sehr prekär ist – wenn man nicht mit einem Verlagshaus zusammenarbeitet, das einem immer den nächsten Sänger, Sportler oder Politiker vermittelt, dessen Memoiren man schreiben kann.

Dem Beruf fehlt auch das Prestige, das man als Autor unter eigenem Namen hat.

M.A.: Tatsächlich bevorzugen Ghostwriter vielleicht deshalb den Begriff »Co-Autor«. Ghostwriter nennen sich nur wenige, meist nur, wenn sie für sich werben müssen. In Anzeigen liest man Beschreibungen wie »Ghostwriter, Co-Autor und Lektoratsdienstleistungen«.

Was macht einen besonders guten Ghostwriter aus?

M.A.: Ein besonderes Zeichen von Kunstfertigkeit bei Co-Autoren von persönlichen Büchern ist es, wenn sie über Geschlecht, ethnischem Hintergrund, so­ziale Klasse, aber auch Grenzen des professionellen Felds hinweg schreiben können – wenn sie also eine Autobiographie für jede Art von Person aus jeder beliebigen Branche schreiben können. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Ghostwriterin, die für eine schwarze Frau schrieb, welche zunächst skeptisch war, weil sie glaubte, der Ghostwriterin werde das Gespür für ihren Hintergrund fehlen. Aber die Kunstfertigkeit der Ghostwriterin überraschte sie: Sie schrieb ein persönliches Buch über Erfahrungen, die sie selbst nie gemacht hatte.

Wie ist der Arbeitsprozess eines Ghostwriters, der ein persönliches Buch für jemand anderen schreibt?

M.A.: Das ist ähnlich wie bei Journalisten oder auch Akademikern: Wenn es das Budget es hergibt, lebt man eine Zeitlang mit einer Person oder begleitet sie, oder man führt Interviews und baut das Buch auf den Transkripten auf. Am schwersten ist es, wenn jemand Memoiren will, aber keine Zeit hat, um sie mit dem Ghostwriter zu verbringen. Dann kommt es wirklich auf die Kunstfertigkeit und Erfindungsgabe des Ghostwriters an.

 

Michel Anteby ist Professor für Management- und Organisations­soziologie an der Questrom School of Business der Boston University. Nicholas Occhiuto ist Wirtschaftssoziologe und promoviert an der Yale University. Für ihren 2020 veröffentlichten Fachartikel »Stand-in Labor and the Rising Economy of Self« führten sie 72 Interviews mit Ghostwritern und Mitarbeitern von Verlagshäusern.