In Hamburg erinnert jetzt eine Gedenktafel an den rassistischen Mord an Mehmet Kaymakçı

Von einer Neonaziclique erschlagen

Vor 36 Jahren töteten drei Neonazis in Hamburg den türkischen Maurer Mehmet Kaymakçı. Erst seit ein paar Tagen erinnert eine Gedenktafel daran.

Im Hamburger Stadtteil Langenhorn, in der Straße Hohe Liedt am Kiwittsmoorpark, erinnerte lange nichts daran, dass hier am 24. Juli 1985 der 29jährige Mehmet Kaymakçı von einer Neonazi­clique erschlagen wurde. Seit Samstag ist das anders: Am 36. Jahrestag der Tat fand am Tatort eine Gedenkveranstaltung statt. Eine Gedenkskulptur, die an Kaymakçı erinnert, wurde eingeweiht, Blumen abgelegt. Die Säule mit einem großen steinernen Buch mit den Lebensdaten von Mehmet Kaymakçı und drei Infotafeln auf türkisch, englisch und deutsch stammt von dem aus Vietnam eingewanderten Künstler Văn Ngân Hoàng.

In der Woche vor dem Mord an Meh­­met Kaymakçı waren in Ham­burgs S- und U-Bahnzügen Aufkleber mit der zweisprachigen Aufschrift »Türkler dışarıya/Türken raus« verklebt worden.

Organisiert wurde die Veranstaltung gemeinsam vom Leiter des Bezirksamts Hamburg-Nord, Michael Werner-Boelz (Grüne), der »Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı« (Avcı wurde ebenfalls 1985 in Hamburg von Neonazis ermordet) sowie von Faruk Arslan, Überlebender des Brandanschlags von Mölln 1992.

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Bei der Veranstaltung wurden bewegende Reden gehalten. Der Bruder des Ermordeten, Ahmet Kaymakçı, war zu krank, um anzureisen, aber zwei Neffen von Mehmet Kaymakçı erinnerten an den Sommer 1985: Ihr Onkel kam damals nicht wie in den Jahren zuvor in die Türkei, es gab keine Schokolade aus Deutschland. Die Erwachsenen hätten geweint und von »Nazimonstern« gesprochen, die den Onkel ermordet hätten. Erst Jahre später verstand der damals fünfjährige Neffe, so erzählte er, dass nicht Monster aus einem Märchen gemeint waren, sondern Menschen zu mordenden Monstern geworden seien.

Auch Faruk Arslan, der die Gedenkveranstaltung moderierte, und Gülüstan Ayaz, die Witwe von Ramazan Avcı, sprachen vom Schmerz der Angehörigen der Opfer rassistischer Morde. Bezirks­amtsleiter Michael Werner-Boelz betonte in seiner Rede, wie wichtig antirassistische und antifaschistische Initiativen seien – gerade auch, weil Polizei und Justiz manchmal auf dem rechten Auge blind seien. Hamburgs zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank, ebenfalls von den Grünen, forderte, die Opfer nicht zu vergessen.

Werner-Boelz war im Herbst 2018, damals noch Bezirksabgeordneter der Grünen in Hamburg-Nord, auf Presseartikel über den Mord an Kaymakçı gestoßen. Darin habe er einen Handlungsauftrag für seine Fraktion gesehen, »eine angemessene Form der Erinnerung an diese Tat sicherzustellen«, sagte er der Jungle World. Bis dahin habe es seines Wissens nach kein Gedenken an den Mord und keine öffentliche Diskussion über ihn gegeben. Werner-Boelz initiierte einen interfraktionellen Beschluss zur Errichtung und Finanzierung der Gedenkstelle.

Als der Maurer Mehmet Kaymakçı am Abend des 24. Juli 1985 in die Eckkneipe »Bei Ronnie« im Norden des Hamburger Stadtteils Langenhorn ging, konnte er nicht ahnen, auf wen er dort treffen würde: die drei Naziskins Frank-Uwe P., Mario B. und Bernd M., alle zur Tatzeit um die 20 Jahre alt. Dem später verfassten Polizeibericht zufolge stritten sich die drei mit Kaymakçı über Einwanderungspolitik: Es gebe zu viele »Ausländer« wie ihn in Deutschland, sollen sie gerufen haben.

Als Kaymakçı später in der Nacht die Kneipe verließ, folgten sie ihm. Die drei Skinheads fielen zu dritt über Kaymakçı her, schlugen ihn und traten auf ihn ein, auch, als er schon am Boden lag – bis zur Bewusstlosigkeit. Da er noch leise röchelte, schleiften sie ihn hinter ein Gebüsch am Rand des Kiwittsmoorparks. Als Frank-Uwe P. zögerte, dabei mitzumachen, Kaymakçı einen schweren Steinblock auf den Kopf zu schmeißen, soll Bernd M. ihm Prozessakten zufolge gesagt haben: »Ich denke, du bist ein Skinhead. Wenn du nicht mit anfasst, bist du ein Vaterlandsverräter.« Dann zertrümmerten P. und M. dem bereits bewusstlosen Kaymakçı mit einem 94 Kilo schweren Betonblock den Schädel.

Dabei machten sie so einen Lärm, dass in der Nachbarschaft Schlafende geweckt wurden. Die sahen, wie die drei Skinheads einen Betonblock über den Rasen rollten und riefen die Polizei. Eine Streifenwagenbesatzung konnten einen der vermeintlichen Ruhestörer fassen: Frank-Uwe P. Der sagte dem Polizeibericht dem »Hamburger Abendblatt« zufolge: »Wir haben uns nur aus Jux mit Dreck beworfen.« Nach einer Ermahnung und Personalienfeststellung durfte er gehen.

Nachdem am darauffolgenden Morgen um fünf Uhr ein Radfahrer die Leiche von Mehmet Kaymakçı hinter einer Hecke gefunden hatte, zu der eine Blutspur führte, nahm die Polizei Frank-­Uwe P. fest. An seinen Schuhen klebte noch das Blut des Opfers. In Verhören gestand er: »Ja, wir waren es.« Gemeinsam mit Mario B. und Bernd M. habe er Kaymakçı umgebracht: »Wir wollten den Türken fertigmachen.«

Kaymakçı war 1980 er aus der türkischen Kleinstadt Haymana, nahe der Hauptstadt Ankara, nach Deutschland gekommen, um als Maurer zu arbeiten. Er hatte im Tiefbau gearbeitet, bis er ein Magengeschwür bekam.

Der rassistische Mord wurde als zwar brutale Tat, aber Wirtshausschlägerei eingestuft. Nicht der Staatsschutz ermittelte, was bei politisch motivierten Straftaten üblich ist, sondern die Mordkommission. Die Täter seien »drei arbeitslose Jugendliche«, hieß es in einem kurzen Artikel im Hamburger Abendblatt, als ob das irgendetwas erklären würde. Dabei waren in der Woche zuvor in Hamburgs U- und S-Bahnzügen massenweise Aufkleber mit dem Aufdruck »Türken raus!« verklebt worden. Die gelben Aufkleber waren zweisprachig: »Türkler dışarıya« sollte die Adressaten und Adressatinnen wohl noch mehr ängstigen.

Verantwortlich für die bereits einige Zeit zuvor gedruckten Aufkleber zeichnete eine »Bürgerinitiative Deutsche Arbeiterpartei« mit Postfach in Duisburg, eine Vorläufergruppe der neonazistischen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), mit der die in Hamburg damals aktive Kadergruppe Aktionsfront Nationaler Sozialisten um den bekannten Hamburger Neonazi­stra­­tegen Michael Kühnen zusammenarbeitete.

Neonazis versuchten, sich als Vollstrecker des Volkswillens zu inszenieren. Dabei spielten ihnen die etablierten Parteien, ausgenommen die Grünen, in Hamburg Grün-Alternative Liste (GAL), in die Hände: In der Wirtschaftskrise Anfang der achtziger Jahre meinten viele, die »Gastarbeiter« sollten wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit zurück in ihre Herkunftsländer gehen. In der deutschen Gesellschaft stieg der Anteil derjenigen, die »Ausländer« zum Sündenbock für die Folgen der Wirtschaftskrise machten, rapide an. Neonazistrategen wie Kühnen sahen Anfang der Achtziger Jahre die Stunde gekommen, von Propaganda zur Tat überzugehen: Unabhängige Kleingruppen sollten Ausländer angreifen.

Der Mord an Kaymakçı war nicht der erste Mord von Neonazis in Hamburg. In der Nacht vom 21. auf den 22.August 1980 attackierten Neonazis eine Unterkunft für Geflüchtete in der Halskestraße in Billwerder mit Brandsätzen. Sie ermordeten zwei junge vietnamesische Flüchtlinge, die in ihren Betten verbrannten: Nguyen Ngoc Châu und Đo Anh Lân.

Im Juni 1982 wurde in Norderstedt (Schleswig Holstein) der 26jährige Türke Tevfik Gürel vor einer Disco ermordet. Dies war wohl der erste rassistische Mord einer Naziclique auf offener Straße seit 1945. Am 17. Oktober desselben Jahres wurde der 16jährige Adrian Maleika, ein Werder-Bremen-Fan und Sohn einer oberschlesischen Spätaussiedlerfamilie, in der Nähe des Volks­parkstadions von rechtsextremen HSV-Hooligans des für seine Brutalität unter Jugendlichen damals berüchtigten Fanclubs »Die Löwen« erschlagen.

Nachdem am 21. Dezember 1985 am S-Bahnhof Landwehr Ramazan Avcı von einer Horde Naziskins gejagt und am Boden liegend totgeschlagen worden war, regte sich unter Migranten und Migrantinnen aus der Türkei starker Protest gegen die rassistischen Angriffe. Der Mord an Avcı war ähnlich brutal wie der an Kaymakçı. Neben diesen beiden Morden gab es damals in Hamburg zahlreiche rassistische Beschimpfungen und tätliche Angriffe.

Im März 1986 begann vor der Großen Strafkammer 17 des Hamburger Landgerichts der Prozess gegen die drei Neo­nazis, die Kaymakçı erschlagen hatten. Die Staatsanwaltschaft Hamburg klagte sie der Körperverletzung mit Todesfolge und wegen Mordversuchs an. Der Staatsanwalt klammerte dabei die politischen Hintergründe aus. Auch der Vorsitzende Richter Walter Reimers ignorierte die Verbindung der Angeklagten zu Naziskingruppen. Frank-Uwe P. war in der Fußballszene in Kontakt mit Neonazis gekommen, nachdem er 1984 wegen einer Verletzung den Dienst beim Bundesgrenzschutz (der heutigen Bundespolizei) quittieren musste. Er freundete sich mit Siegfried Borchardt an, bekannt als »SS-Siggi« und damals ein Funktionär der FAP, der noch immer in der Neonaziszene Dortmunds aktiv ist.

Die Verbindungen zu Neonazikadern kamen beim Prozess nur am Rande zur Sprache. Frank-Uwe P. war recht einsilbig, wenn er von den »national eingestellten HSV-Anhängern« sprach: »Man kannte sich halt.« Aktenkundig ist aber eine Verurteilung P.s vom Herbst 1984 wegen Körperverletzung und Rufen von Naziparolen. Vor dem HSV-Stadion hatte er mehrmals »Sieg Heil!« gerufen und den Arm zum Hitlergruß gestreckt. Polizisten, die das unterbinden wollten, hatte er als »Judensäue« beschimpft. Die erste Aussage P. s, »Wir wollten den Türken fertigmachen«, spielte im Prozess keine Rolle.

Die Strafkammer des Hamburger Landgerichts verurteilte zwei der Täter, – den ehemaligen Bundesgrenzschützer Frank-Uwe P. und Bernd M. – zu acht und den dritten – Mario B. – zu sieben Jahren Haft. Von einem gemeinschaftlich begangenen heimtückischen rassistischen Mord war im Urteil nicht die Rede. Sonst hätten die Strafen höher ausfallen müssen. Verurteilt wurden die drei Nazis nur wegen »Körperverletzung mit Todesfolge«.

»Ich habe das Gefühl, als sei mein Onkel jetzt endlich würdig begraben, dafür bin ich denen dankbar, die das Gedenken organisiert haben«, sagte der Neffe Mehmet Kaymakçıs, Yener Kay­makçı, der Jungle World. »Mein Onkel kam damals plötzlich im weißen Tuch in die Türkei und wurde in Deutschland, wo er lebte, vergessen. Das hat sich jetzt endlich geändert«.