In Weimar blieben Neonazis bei einer »organisationsübergreifenden« Demonstration ­unter sich

Das Volk überhört den Weckruf

In Weimar wollten altbekannte Neonazis wie Michel Fischer und Christian Worch »organisationsübergreifend« demonstrieren, vermochten aber kaum mehr als 100 Personen zu mobilisieren. Diese konnten die Route wie geplant laufen, weil die Polizei den ­antifaschistischen Protest im Griff hatte.

Verfassungsschutz und Antifaschisten sind selten einer Meinung, doch in ­Bezug auf die Neonaziszene in Weimar besteht Einigkeit: Es gibt keine nennenswerte. Das bestätigte bereits die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss (Die Linke) aus dem Jahr 2018 und war nun auch dem Aufruf des antifaschistischen Aktionsbündnisses »Auf die Straße!« zu entnehmen. Dieses hatte es sich zum Ziel gesetzt, ­einen Neonaziaufmarsch in Weimar »zum Desaster« zu machen.

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Wochenlang hatten Neonazis bundesweit für die geplante Demonstration am 7. August in der mit 65 000 Einwohnern viertgrößten Stadt Thüringens mobilisiert. Weimar ist zwar derzeit kein Schwerpunkt für Rechtsextreme, besitzt aber historisch große Bedeutung: Von 1937 bis 1945 befand sich auf dem Ettersberg bei Weimar das KZ Buchenwald. Die Nationalsozialisten töteten hier laut Schätzungen mehr als 50 000 Menschen. Auch in der jüngeren Vergangenheit geriet Weimar wegen rechtsextremer Aktivitäten in die Schlag­zeilen. So stürmten am 1. Mai 2015 etwa 40 Neonazis eine Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes und verletzten mehrere Personen.

Begriffe wie »Coronadiktatur« bei den Kundgebungen sollten offenbar den Bogen zur »Querdenken«-Bewegung spannen. Diese ließ sich in Weimar allerdings nicht blicken.

Treibende Kraft hinter der Demons­tration am 7. August war die aus der neonazistischen Kleinpartei »Der III. Weg« hervorgegangene Gruppe »Neue Stärke Erfurt«. Diese Herkunft war den Mitgliedern anzusehen: Sowohl die Formation in Dreierreihe während der Demonstration als auch Farben und Stil von Plakaten und Fahnen orientierten sich am Erscheinungsbild der Nazipartei. Auf dem schon mindestens dritten Weg seines rechtsextremen Werdegangs befindet sich auch Versammlungsleiter Michel Fischer. Vor seinem Wechsel zur »Neuen Stärke« war er unter anderem bei »Der III. Weg« und in der neonazistischen Kleinpartei »Die Rechte« aktiv. Bereits 2013 hatten NPD und zahlreiche Kameradschaften vor ihm gewarnt. Er trete »seit geraumer Zeit als Anmelder zahlreicher qualitativ minderwertiger Veranstaltungen in Erscheinung«, hieß es in einer öffentlichen Stellungnahme. Als eines der »Agitationsfelder seiner offensichtlichen Profilneurose« wurde Weimar genannt.

Vor diesem Hintergrund ist es keine Überraschung, dass auch die jüngste Veranstaltung in Weimar mit kaum mehr als 100 Teilnehmern als »qualitativ minderwertig« bewertet werden könnte. Fischer und die »Neue Stärke« hatten zwar wiederholt für eine »or­ganisationsübergreifende Demonstration« geworben, doch war es vor allem seine eigene Organisation, die das Bild prägte. Darüber hinaus sah man Mitglieder der »Aktionsgruppe Dessau /Bitterfeld« und der »Kameradschaft Rheinhessen« sowie eine einsame Fahne der Partei »Die Rechte«. Die NPD ­gehörte zu jenen, die der Veranstaltung fernblieben.

Auf der rund dreieinhalb Kilometer langen Route, die am Bahnhof begann und endete, waren die üblichen Parolen vom »nationalen Sozialismus« und von nationalsozialistisch gedachter »Freiheit« zu hören. Bei den Zwischenkundgebungen nahmen Redner wiederholt Bezug auf die Coronakrise. Begriffe wie »Coronadiktatur« sollten offenbar den Bogen zur »Querdenken«-Bewegung spannen. Diese ließ sich in Weimar allerdings nicht blicken. Auch von einer »Euthanasie« an Geimpften war die Rede. Inhalt und Ton der Beiträge variierten stark: Während sich der seit fast 50 Jahren in rechtsextremen Strukturen aktive Christian Worch auf das Klassenbewusstsein bei Karl Marx bezog, um für die Einheit des Volkes zu werben, brüllten diverse Redner bei einer Zwischenkundgebung wüste Beschimpfungen und Gewaltandrohungen in Richtung der etwa 100 Meter entfernten Gegendemonstration.

Deren Teilnehmer – es waren wohl mehr als 1 200 Personen – hätten gerne dafür gesorgt, dass die Neonazis den Ort der Zwischenkundgebung gar nicht erst erreichen. Doch ein großes Polizeiaufgebot inklusive Wasserwerfer, Luftüberwachung und Diensthunden ließ ihnen keine Chance, die Route der Rechtsextremen zu blockieren. Einen Ausbruchsversuch aus der antifaschis­tischen Demonstration beantwortete die Polizei mit Schlägen, Tritten und Pfefferspray. Ein auf Twitter veröffentlichtes Video zeigt, dass sie Letzteres auch einsetzte, um ein Banner zu entwenden.

Die linke Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss sprach hinterher von einem »teils massiven Vorgehen« der Beamten. Das »Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus Weimar« bezeichnete den Polizeieinsatz als »teils provozierend«. Auch eine linke Sanitätsgruppe, die sich vor Ort um Verletzte kümmerte, beklagte Probleme mit Beamten. Die ehrenamtlichen Helfer seien während der Demobegleitung immer wieder geschubst worden, weil die Polizei sie zu den Teilnehmenden zählte. Erst ein klärendes Gespräch zwischen Demoleitung und Polizei habe die Situation beruhigen können. Die Landespolizeidirektion vermeldete am Abend, dass vier Beamte und einige Demonstrierende leicht verletzt worden seien.

Vor dem Beginn des Aufzugs hatten mehrere Personen bei einer Kundgebung gesprochen. Corinna Deibel vom »Bürgerbündnis« verlas Zitate des ­Buchenwald-Überlebenden Stéphane Hessel, nach dem der Ort der Kundgebung benannt worden war; Marcel Lepper von der Klassikstiftung Weimar forderte, dass es niemals einen »Schlussstrich« geben dürfe; und Winfried Speitkamp, Präsident der Bauhaus-Universität Weimar, wünschte sich, dass die Stadt weltoffen bleibe. Dass diese Redebeiträge eher die »bürgerliche Perspektive« innerhalb des »breiten Bündnisses« darstellten, sprachen anschließend die Veranstalterinnen der Versammlung selbst an. Etwas radikaler wurde es später bei einer Zwischenkundgebung, als ein Redner militanten Antifaschismus verteidigte. Er nannte niedergebrannte Immobilien und gebrochene Beine von Rechtsextremen als Beispiele dafür, was nötig sei, wenn der Staat nicht handle. Auch dafür gab es Applaus.

Bei der Neonazidemo in Weimar beschränkte sich die antifaschistische Militanz jedoch auf Wasserbomben. Diese flogen aus einer Wohnung an der Demoroute, als sich die Teilnehmer auf dem Rückweg zum Bahnhof befanden. Möglicherweise befand sich in den Luftballons statt Wasser aber auch hochprozentiger Alkohol. Das würde zumindest das Fazit von Michel Fischer erklären, der abschließend verkündete, dass man das Volk »mit beispielloser Dis­ziplin aufgeweckt« habe.