Fangeführte Fußballvereine wollen Freiräume erkämpfen

Gegen das Establishment

Wie sich fangeführte Vereine Freiräume im modernen Fußball erkämpfen.

Wer auf der Jagd nach Erfolg im Fußball ist, dem hilft sicherlich, wie in längst vergangenen Zeiten, eine phantastische Mannschaft mit großartigen Talenten; wer den ganz großen Erfolg anstrebt, gar die erfolgreiche Teilnahme an europäischen Wettbewerben, dem hilft nur eine Menge Geld, um seine Talente bei der Stange halten oder sich weltweit mit entsprechenden Kickern (im Jargon auch gern Spielermaterial genannt) eindecken zu können.

Im Jahr 1899 wurden in England bezahlte Vereinswechsel erlaubt – für maximal zehn Pfund.

Als im Jahr 1899 in England bezahlte Vereinswechsel erlaubt wurden – für maximal zehn Pfund (inflationsbereinigt etwa 1 500 Euro) – begann eine Entwicklung, die in den entfesselten Sport-Turbokapitalismus mündete. Um sich die größten, besten, namhaftesten Spieler leisten zu können, müssen Abermillionen Euro gezahlt werden. Deshalb nutzen die Vereine jede nur denkbare Einnahme quelle: Von Werbeflächen auf Trikots über Werbung an den Spielfeldbegrenzungen bis zur Kapitalisierung von Vereinsanteilen und schließlich der vollständigen Veräußerung der Vereine an Investoren, so dass letztlich nur Name und Wappen übrigbleiben – und manchmal sogar nicht einmal mehr das.

Anzeige

So verhielt es sich beispielsweise 2005, als der Milliardär Dietrich Mateschitz, der Gründer des Getränkekonzerns Red Bull, beim Traditionsverein SV Austria Salzburg einstieg, der allerdings zu den Vorreitern der Vermarktung in Europa gehört hatte; bereits 1979 hatte der Verein dem Sponsor zuliebe seinen Namen offiziell in SV Casino Salzburg verwandelt. Die Vereinsfarben wechselten 2005 von violett-weiß auf rot-weiß, der Begriff »Austria«, der sich trotz »Casino« gehalten hatte, wurde durch den Namen des Getränkeherstellers ersetzt. Bis heute hadern die Fußballfans mit den tiefgreifenden Änderungen, die es nicht beim Rebranding beließen; heute sind die Statuten des Vereins fast schon Geheimsache, die Zahl der Mitglieder wird auf etwa 100 geschätzt; der Vorstand vergibt Mitgliedschaften nach Gusto.

Doch es regt sich Widerstand. Nicht erst seit der Covid-19-Pandemie, die Fans deutlich machte, dass sie nur Beiwerk des großen Sports sind, beginnen sich mehr und mehr Anhänger vom kommerziellen Fußball abzuwenden. Der Wunsch nach Mitbestimmung wird größer, das Konzept des potenten Großsponsors, der den Verein mit Blankoschecks in den Fußballolymp führen will, wird immer häufiger hinterfragt.

Dass sich Fans von Spitzenvereinen lossagen, um eigene in der Tradition des ursprünglichen Clubs zu gründen, begann auch im Jahr 2005. Nachdem sich Anhänger von Manchester United mit dem Vereinsbesitzer, der US-amerikanischen Unternehmerfamilie Glazer, überworfen hatten, beschlossen einige von ihnen, ihren eigenen Verein aufzuziehen: den FC United of Manchester (FCUM). Knapp 15 Jahre nach der Gründung kickt der FCUM zwar nur in der siebten englischen Liga, doch trotz sportlicher Stagnation sind die Anhänger froh, den Schritt gewagt zu haben.

Zu einer ähnlichen Entwicklung kam es in der Fanszene des Hamburger Sportvereins. Die Vereinsleitung wollte unter dem Label HSV Plus mit Anteilsverkäufen mehr Geld einnehmen und endlich wieder im Europapokal antreten. Darüber kam es zu einem Bruch innerhalb der Fanszene und der Gründung eines neuen Vereins. In einer Hamburger Kneipe wurde ein Plan für Fußball von unten ersonnen: Basisdemokratie, eine antikommerzielle Ausrichtung und Mitbestimmung auf allen Ebenen. Das Konzept sorgte bundesweit für Aufsehen (Normaler Fußballverein statt Aktiengesellschaft). Auch wenn HFC Falke – als FC Falke war der spätere HSV 1906 gegründet worden – sportlich bislang in den unteren Klassen kickt und man immer noch ohne eigenen Sportplatz dasteht, ist die Zufriedenheit der Vereinsmitglieder weiterhin hoch.

Jetzt haben die Anhänger Aussicht ein echtes Schmankerl: Sofern es die Pandemieumstände zulassen, soll der HFC Falke in der Fenix Trophy, einer Art Europapokal für Amateurmannschaften, antreten. Außer den Hamburgern nehmen sieben Teams aus England, Italien, der Niederlande, Spanien, Polen und Tschechien teil. Ein interessantes Graswurzelprojekt in einer Zeit, in der die internationalen Fußballverbände immer neue Wettbewerbe aus dem Boden stampfen, um noch mehr Einnahmen zu generieren. Der HFC Falke könnte dabei nach der Vorrunde auch auf das große Vorbild aus Manchester treffen. Mit dem AFC DWS – einst Stadtrivale von Ajax Amsterdam – aus den Niederlanden ist sogar ein ehemaliger Landesmeister mit dabei. Auch dort verließ man sich auf das große Geld, wollte hoch hinaus und landete in der Pleite.

Das internationale Turnier soll für Fans und Vereine nicht aus Profitgründen interessant sein, sondern vor allem Spenden für karitative Zwecke erspielen. Dabei unterstützen die Hamburger Mensch Hamburg e. V. Dieser hat zum Beispiel den »Trinkgeldtag« beworben, dessen Ziel es war, Menschen in der Gastronomie durch höhere Trinkgelder zu unterstützen. Ihre Ausflüge zu den Spielen Fenix Trophy müssen die Feierabendkicker aus eigener Tasche finanzieren. Im nächsten Jahr steht in Rimini die Endrunde des Turniers auf dem Programm.

Wie ein kleiner Verein es ganz nach oben schaffen kann, macht ein israelischer Club vor: Der FC Hapoel Katamon Jerusalem (Mit Kippa, Che und Regenbogen) steigt in die erste Liga Israels auf. 2007 begannen Fans aus dem Jerusalemer Stadtteil Katamon damit, sich von ihrem einstigen Herzensverein Hapoel Jerusalem abzuwenden. Man war unzufrieden mit der Führung des damaligen Besitzers; ein Übernahmeversuch als Genossenschaft scheiterte. Ein Teil der Fanszene wanderte ab, um Hapoel Mevaseret Zion zu unterstützen. Andere desillusionierte Anhänger gründeten Hapoel Katamon Jerusalem. Wie groß der Rückhalt des neuen Vereins war, zeigte sich beim Dauerkartenabsatz: 1 000 Saisonkarten wurden verkauft, das erste Saisonspiel im August 2007 verfolgten 3 000 Zuschauer – und das in der vierten Liga. Sportlich ging es danach nur in eine Richtung: bergauf.

Nach einer relativ erfolglosen Saison wurde 2009 eine Wiedervereinigung mit dem Stammverein diskutiert, die letztlich daran scheiterte, dass dessen Eigentümer Josi Sasi wichtige Dokumente zurückhielt, die die Schuldenlage des Vereins offenlegen sollten. Die Fans entschieden sich, weiter als eigenständiger Verein anzutreten. Sogar die Hapoel-Vereinslegende Amir Gola konnte 2009 für den Fanverein verpflichtet werden. 2011 besuchten über 4 000 Zuschauer das entscheidende Spiel, mit dem der Club sich den Aufstieg in die dritte Liga sicherte. 2013 folgte der Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse.

Schlagzeilen machte auch die bunte und aktive Fanszene. Angeführt von der Ultra-Gruppe Brigade Malcha, ist sie für ihr soziales und karitatives Engagement bekannt. Der Verein, der im Jerusalemer Viertel Katamon fest etabliert ist, betreibt neben Hebräischkursen für jüdische Immigranten aus Äthiopien mehrere von Jugendmannschaften, in denen Kinder aus Ost- und Westjerusalem nicht aufgrund ethnischer Zugehörigkeit zusammenfinden, sondern aus Liebe zum Sport. Die Spieler sind angehalten, ihre Popularität zu nutzen, um als Vorbilder zu dienen. Wer bei Hapoel Katamon Jerusalem unterschreibt, verpflichtet sich dazu, die karitativen Aktivitäten zu unterstützen. Wenn der Verein ab August in der höchsten Spielklasse antritt, zeigt das, dass man es auch ohnegroße Sponsoren weit bringen kann – in den großen hochkapitalisierten Ligen der Welt aber wäre ein solcher Erfolg wohl undenkbar.