Homestory

Homestory #33

Afghanistan revisited. Die Taliban sind zurück in Kabul. Damit kehrt auch die Debatte über die Strategien des Westens zurück, die im Jahr 2001 die Linke polarisiert hat. Allen voran war die Redaktion der Jungle World daran beteiligt, Irrtümer inklusive. Eigentlich kommt es bei uns nie vor, dass ein Titelbild, das bereits fertig und auf dem Weg in die Druckerei ist, im letzten Moment gekippt und durch ein anderes ersetzt wird. Bei der Ausgabe, die über den geplanten Gegenschlag der USA nach 9/11 berichtete, passierte aber genau dies. Das Titelbild wurde in letzter Minute ausgetauscht, wegen arger Bedenken einzelner.

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Dabei erschien es Stunden zuvor noch perfekt. Es zeigte das Foto einer Miniaturmoschee mit integriertem Wecker. Das Ding war ein Souvenir, das uns irgendjemand mal von einer Reise mitgebracht hatte und das fortan neben einer Israel-Fahne, einer Freiheitsstatue und Plastikblumen von Ikea einen Ehrenplatz auf unserem Redaktionstisch hatte. Nun sollte der redaktionseigene Muezzin-Wecker auf dem Titelbild die Barbarei des Taliban-Regimes symbolisieren. Einigen Redaktionsmitgliedern schien das dann aber doch keine gute Idee zu sein, schon gar nicht in Kombination mit der kalauernden Schlagzeile »Voll auf die Zwölf«. Auf dem Cover landeten schließlich ein aktuelles Agenturfoto und die Schlagzeile »Der Barbier von Kabul«.

Gelungen oder nicht, ein Blick in diese und andere Ausgaben des Jahrgangs ist schon deshalb interessant, weil die Anfänge der ­Afghanistan-Debatte anhand der 20 Jahre alten Texte nachvollziehbar werden. Es war die Hochzeit der Antiglobalisierungsbewegung. Die Linke diskutierte die Polizeigewalt beim G8-Gipfel in Genua, das Feuilleton dachte über Meinungsfreiheit nach, nachdem Michel Houellebecq geäußert hatte, der Islam sei von allen »die dümmste Religion«, und fast jeder hatte »Empire« von Michael Hardt und Toni Negri gelesen und sprach über die »Mulitude«, das angeblich so schlaue Netzwerk der vielen, als der islamistische Terror am 11. September New York City erreichte. Negris und Hardts Analyse über Krieg und Demokratie in der neuen Weltordnung diente vielfach als Schablone, um die Operation Enduring Freedom mit deutlich antiamerikanischen Untertöne zu deuten. Der Klick ins Archiv lohnt jedenfalls.