Atomenergie hilft nicht gegen die Erderwärmung

Klima retten ohne Atomkraft

Die USA fördern die Nuklearenergie weiterhin, diskutiert werden unter anderem kleine Kraftwerke für eine angeblich saubere Zukunft. In seinem neusten Bericht führt der Weltklimarat die Atomenergie nicht als Alternative auf.

Wer die Berichterstattung vieler einflussreicher Medien zum Klimawandel verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass die Nutzung von Atomenergie neu diskutiert werden müsse. Ein ums andere Mal wiederholen mehr oder weniger wichtige Autorinnen und Autoren mehr oder weniger gleiche Fragen: Kann man angesichts der fortschreitenden Erderwärmung auf eine Energieform verzichten, die so wenige Treib­hausgasemissionen verursacht? Können die erneuerbaren Energien eine Grundversorgung unabhängig von fluktuierenden Wetterbedingungen garantieren? Wurde der deutsche Atomausstieg nicht zu schnell und unüberlegt beschlossen? Haben wir inzwischen nicht eine neue Situation?

Wissenschaftler haben die Warnung ausgesprochen, die Erwärmung der Flüsse werde den Atomkraftwerken Probleme bei der Kühlung ihrer Anlagen bereiten.

Nicht immer, aber immer öfter sind die Fragen rhetorisch gemeint. Die Atom­lobby hat den Klimawandel als überaus nützliches Argument entdeckt. Sie möchte die Regierungen und Parlamente bewegen, die Laufzeiten betagter Meiler zu verlängern und teure neue Projekte zu finanzieren. Ihr Interesse ist freilich so vordergründig, dass man den Lobbyisten wenig Glauben schenkt.

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Deutlich mehr Aufmerksamkeit erzielen ehemalige Umweltschützer oder Grüne, wenn sie sich von ihren vermeintlichen Jugendsünden lossagen und für eine »unvoreingenommene«, »ideologiefreie« Auseinandersetzung mit der Kernkraft plädieren. Die größten Schlagzeilen machte jedoch ein anderer: Bill Gates, Microsoft-Gründer, Unternehmer und Stifter, begab sich im Frühjahr auf Tour, um für neue, »revolutionäre« Reaktoren zu werben – und für seine eigene Nuklearfirma.

Wäre es nicht möglich – fragt Gates –, Atomkraftwerke zu bauen, die absolut sicher seien, billig in der Herstellung, leicht zu bedienen und keinen strahlenden Müll hinterlassen? Wäre das nicht ein entscheidender Beitrag für eine klimaschonende Zukunft – ohne auf den Komfort verzichten zu müssen, den eine Industriegesellschaft bietet? Gates glaubt an eine Wende in der Nukleartechnik, vergleichbar mit der maßgeblich von ihm beeinflussten Wende, die in der Computertechnik tatsächlich stattgefunden hat: Kleine und dezentral zu betreibende Reaktoren sollen die Lösung sein.

Sein Vorstoß führte zu einer Konjunktur nuklearer Start-up-Firmen, die sich nun mit Entwürfen von kleinen Modulreaktoren, Flüssigsalzreaktoren, Laufwellenreaktoren – unterirdisch, überirdisch oder auf See – gegenseitig überbieten. Wäre es nicht toll, wenn so etwas funktionieren würde? Die konjunktivische Nuklearenergie befindet sich im Aufschwung. Man wird doch träumen dürfen! Aber beim Träumen bleibt es nicht. Gates’ Ansage, die USA müssten bei der Atomenergie wieder die Führung übernehmen, übt auf dortige Politikerinnen und Politiker eine unwiderstehliche Anziehung aus.

Der US-Senat hat am 10. August einem Infrastrukturprogramm in Höhe von fast einer Billion US-Dollar zugestimmt. Kritikerinnen und Kritikern wie der NGO Nuclear Information and Resource Service (NIRS) zufolge enthält es zwölf Milliarden US-Dollar, mit denen bestehende Atomkraftwerke für längere Laufzeiten gerüstet und auf der Kippe stehende Neubauten gerettet werden sollen. Beträchtliche Summen werden außerdem für die Forschung und Entwicklung zukünftiger Reaktorgenerationen bereitgestellt, zu denen sich Energieministerin Jennifer M. Granholm ausdrücklich bekennt: »Die Nuklearenergie ist für Amerikas saubere Energiezukunft von entscheidender Bedeutung und wir setzen uns dafür ein, sie für Gemeinden im ganzen Land leichter zugänglich (…) zu machen.«

Ähnliches plant die Regierung von Premierminister Boris Johnson für Großbritannien (siehe Neuer Streit über die britische Atompolitik), während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nicht müde wird, der Nuklearindustrie des Landes seine Unterstützung zuzusichern, an der ohnehin nie jemand gezweifelt hat. Derweil schauen Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der Union, und sein Schattenminister Friedrich Merz mit einer Mischung ­aus Neid und Bewunderung auf die Partnerländer. So möchten sie auch gern regieren können. Die Feststellung, dass die in Frage stehenden Milliarden an US-Dollar, Pfund oder Euro beim Ausbau der erneuerbaren Energien fehlen werden, wo sie einen enormen Sprung nach vorne bewirken könnten, erübrigt sich beinah.

Ob dieser Aussichten blättert man gespannt im jüngst veröffentlichten neuesten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen), oft auch Weltklimarat genannt, um herauszufinden, welche Rolle die internationale Wissenschaftsgemeinde der Atomkraft zubilligt. Doch dazu gibt der fast 4 000 Seiten starke Bericht nur zwei knappe, allerdings nicht unbedeutende Hinweise. Zum einen wird die Warnung ausgesprochen, die Erwärmung der Flüsse werde den Atomkraftwerken Probleme bei der Kühlung ihrer Anlagen bereiten.

An anderer Stelle wird die Frage erörtert, welche unvorhersehbaren Ereignisse die Prognosen beeinträchtigen könnten, die der IPCC erarbeitet hat: Ei­ne weltweite Pandemie oder eine Serie von Naturkatastrophen könnten das Tempo der Erderwärmung unvermutet drosseln. Auch ein Atomkrieg würde zu einer substantiellen Abkühlung des Planeten führen. Dieses Szenario ist als »nuklearer Winter« bekannt und erforscht. Einem solchen ist die Erderwärmung bislang vorzuziehen.