Femizid und Ehren­mord sind nicht das Gleiche

Mord im Namen der Familie

Femizid oder Ehrenmord – das ist der jüngste Streit um Begrifflichkeiten im Wahlkampf. Die Bezeichnung Ehren­mord ist verwirrend und problematisch, doch tatsächlich treffend. Wer nur von Femizid spricht, verkennt das Motiv und ignoriert einen großen Teil der Opfer.
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Nach dem Mord an einer 34jährigen Afghanin im Juli in Berlin stufte die Staatsanwaltschaft die Tat als »sogenannten Ehrenmord« ein. Tatverdächtig sind zwei Brüder der Ermordeten. Sie sahen mutmaßlich durch den Lebensstil ihrer Schwester die Familienehre verletzt. Die Berliner Integrationssenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) kritisierte daraufhin im Tagesspiegel: »In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Das ist kein Ehrenmord, das ist Femizid. Und ich habe leider keine Idee, wie man Männer besser integrieren kann. Es geht nicht um die Herkunft und die Nationalität der Täter, es geht um die Frage des Geschlechts.«

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Die Berliner Spitzenkandidatin der SPD, Franziska Giffey, wie auch der CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner widersprachen empört. »Es muss klar benannt werden, dass das nichts anderes ist als ein schrecklicher Ehrenmord«, schrieb Giffey auf Twitter. »Es handelt sich um ein archaisches Welt- und Frauenbild, vor dem solche Taten begangen werden.«

Breitenbach wollte wohl einem wichtigen Anliegen ihrer Partei Ausdruck verleihen. Die Fraktion der Partei »Die Linke« stellte im November vergangenen Jahres im Bundestag den Antrag, »Tötungsdelikte an Frauen und Mädchen, die aufgrund des hierarchischen Geschlechterverhältnisses begangen werden, als Femizide anzuerkennen«.

Doch warf die Senatorin in ihrem Beitrag einiges durcheinander. Die Polizei zählte 2019 in ihrer Statistik zur Partnerschaftsgewalt 301 weibliche Opfer von Mord und Totschlag. Tatsächlich wird also fast jeden Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Dabei muss es sich jedoch nicht immer um Femizide handeln. Nicht jeder Mann, der seine Frau oder Freundin umbringt, tut das, weil er sie aufgrund eines Dominanzanspruchs für Fremdgehen, Beendigung der Beziehung oder Ungehorsam bestrafen will – nur das wären Femizide im Sinne der Definition der Weltgesundheitsorganisation, die so Morde bezeichnet, die an Frauen ­begangen werden, weil sie Frauen sind.

Opfer von Partnerschaftsgewalt wurden im Jahr 2019 übrigens auch 93 Männer. Bei den sogenannten Ehrenmorden ist der Anteil der männlichen Opfer sogar deutlich höher zu veranschlagen; eine Studie des Bundeskriminalamtes (BKA) aus dem Jahr 2011 bezifferte ihn auf 43 Prozent. Beides einfach unter den Oberbegriff Femizid zu stellen, ignoriert also einen erheblichen Teil der Opfer. Ehren­morde sind auch, anders als von Breitenbach impliziert, in den wenigsten Fällen Partnergewalt. In der Regel sind die Täter Verwandte: Brüder, Onkel, Väter oder Cousins.

Der Mord in Partnerschaften kommt in allen Kulturkreisen gleichermaßen vor: Deutsche sind nicht unterrepräsentiert, Menschen aus dem islamischen Kulturkreis nicht relevant überrepräsentiert. Ganz anders bei Ehrenmorden: Alle Täter stammen aus mehrheitlich islamischen Ländern (einschließlich Albanien) und dem ehe­maligen Jugoslawien. Der BKA-Studie zufolge waren nur zehn Prozent der Täter in Deutschland geboren. Alle Täter waren schlecht in die deutsche Gesellschaft integriert, schreiben die Autorin und der Autor. Insofern geht auch die polemische Formulierung Breitenbachs, sie wisse nicht, wie man Männer besser integrieren könne, an der Sachlage vorbei. Integration hilft anscheinend erheblich ­gegen Ehrenmorde.

Allerdings heißt das nicht, dass das System hinter den Ehrenmorden damit überwunden wäre. Ehrenmorde sind nur eines von vielen Instrumenten, um patriarchale Familienstrukturen abzu­sichern. In der Regel beschließt ein Ältestenrat, ein Vater oder Großvater mit Onkeln, dass eine junge Frau oder ein junger Mann durch den eigenen Lebensstil die Großfamilienstruktur gefährdet. Dabei geht es weniger um Moral als gemeinhin angenommen. Das Wort Ehre verwirrt, weil es aus europäischer Sicht auf die Ehre der Frau verweist: Das gefallene Mädchen, das durch sexuelle Fehltritte ihre eigene Ehre beschmutzt hat, musste früher hierzulande damit rechnen, von ihrer Familie verstoßen zu werden – allerdings nicht damit, ermordet zu werden.

Beim Ehrenmord ist dagegen die sogenannte Familienehre gemeint. Dabei geht es überspitzt ausgedrückt darum, ob Verträge eingehalten werden können. Denn geheiratet wird, wie es auch in europäischen Adelshäusern üblich war, um die Familienbande zu stärken und Macht abzusichern. Familiennetzwerke sichern oft über Kontinente hinweg das Auskommen des Einzelnen. Junge Frauen und Männer sind in diesem System quasi Waren, die man austauscht, um eine Kooperation zu sichern. Gute Geschäfte macht nur, wer einwandfreie Waren bietet. Das Familienoberhaupt garantiert das. Darum gefährden Frauen und Männer, die sich gemäß diesen ­Ansichten nicht einwandfrei verhalten oder sich entziehen, die Ehre des Oberhaupts als Geschäftsmann.

Der Ehrenmord ist dabei die ultima ratio. Viel wichtigere Instrumente sind Sozialkontrolle, Zwangsverheiratungen und Entführungen. Das hat übrigens tatsächlich einmal nicht unbedingt mit dem Islam zu tun oder nur insoweit, als der herrschende Islam als Modernisierungshemmnis wirkt. Derartige Familienstrukturen gab und gibt es in vielen Gesellschaften und entsprechend kamen dort auch Ehrenmorde vor, etwa im südlichen Italien.