Psychedelische Abituraufsätze

Vorsicht, Textmarker

Klassenkampf Von

Nadya ist eine ordentliche Schülerin. Ihre Schulunterlagen sammelt sie in einem großen Ordner, in dem farbige Trennblätter die Fächer markieren, ihre Aufzeichnungen sind immer sauber und vollständig, Überschriften unterstreicht sie mit dem Lineal, manchmal sogar zweimal. Sie kauft die Deutschlektüren rechtzeitig und schlägt sie in Folien ein, und ich glaube, sie liest sie sogar. Vor ihr aufgereiht liegen stets mehrere Textmarker, mit denen sie, sobald Texte ausgeteilt werden, die grauen Buchstabenwüsten einem radikalen make­over unterzieht, bei dem alle verfügbaren Neonfarben zum Einsatz kommen, manchmal mehrere in einem Satz. Und warum auch nicht, schöner sieht es allemal aus, nicht?

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Als Nadya vor einem Jahr ihre schriftliche Abiturprüfung bei mir ablegte, konnte ich zum ersten Mal ein System hinter ihren Markierungen erkennen: Sätze, die sie im zu erörternden Text der Klausur mit Pink angestrichen hatte, gab sie eher im hinteren Teil ihres Aufsatzes wörtlich wieder, während die Mitte ihres Aufsatzes aus den im Text gelb markierten Sätzen bestand; grün unterlegte Sätze kamen in die Einleitung. Diese Arbeitsweise bewirkte zwar, dass ihr Aufsatz ausschließlich aus Sätzen der Textgrundlage bestand, aber Nadya hatte schon auch etwas Eigenes beigetragen, nämlich eine große Menge großartig klingender Konjunktionen, die sie gleichmäßig und ohne jede Beachtung ihrer Bedeutung im Text verteilt und kreativ zur Verbindung der abgeschriebenen sowie der neu arrangierten Sätze genutzt hatte. Ihre Klausur verschaffte mir ein fast schon bewusstseinserweiterndes Erlebnis, bei dem ich meine oberflächliche Wahrnehmung von zeitlicher Abfolge, Kausalität sowie der Dinge überhaupt radikal in Frage stellte. Oder, wer weiß, vielleicht lag das auch an dem ganzen Kaffee, den ich getrunken hatte.

Jedenfalls wurde ich dann doch nicht verrückt, Nadya aber musste das letzte Schuljahr wiederholen und geriet wieder in meinen Kurs, in dem sie weiter viele Sätze bunt anstrich und abschrieb. Alle Beratungsgespräche verfehlten die angestrebte Wirkung und führten nur dazu, dass sie ihre dadaistische Textcollage im diesjährigen Abitur zusätzlich mit vagen, teils widersprüchlichen Verweisen auf die Herkunft der von ihr verwendeten Sätze versah und so die psychedelische Qualität ihres Textes noch um einiges steigern konnte.

Nun gibt es ja, Sie haben es vielleicht mitbekommen, eine Pandemie, und die Schulen waren vorübergehend zu, weswegen jetzt alle, die in diesem Jahr durchs Abitur gefallen sind, es kommendes Jahr noch einmal versuchen dürfen. Und das ist nur fair, ich bin unbedingt dafür, sicher. Aber ahnen Sie, wer jetzt wieder in meinem Deutschkurs sitzt, die bunten Textmarker und das Lineal im Anschlag? Ein bisschen Angst um meine geistige Gesundheit habe ich halt schon.