Afghanistan steht unter den ­Taliban ein finanzielles Desaster bevor

Abgebrannte Jihadisten

Die Taliban haben kaum Zugang zu den internationalen Geldreserven Afghanistans, könnten sich aber über Abgaben auf Handelsgüter finanzieren. Dennoch steht das Land vor einem finanziellen Desaster.
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Die Taliban haben die Macht erobert, doch die neuen Herrscher sind faktisch pleite. Die afghanische Zentralbank (DAB) verfügte zwar zuletzt über rund neun Milliarden US-Dollar an Reserven. Der überwiegende Teil davon liegt aber in Form von Gold oder US-Staatsanleihen bei der Federal Reserve Bank of New York oder auf anderen Konten in den USA.

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»Wir können sagen, dass die für die Taliban zugänglichen Mittel vielleicht 0,1 bis 0,2 Prozent der gesamten internationalen Reserven Afghanistans sind. Nicht viel«, sagte der frühere Gouverneur der DAB, Ajmal Ahmady, vergangene Woche. Wie prekär die Lage ist, zeigte sich vor einigen Tagen, als der neue Verteidigungsminister hektisch nach früheren hohen Beamten suchen ließ, um einen Tresor zu öffnen. Angeblich befanden sich darin die letzten Bargeldbestände in Kabul in Höhe von umgerechnet rund einer Million US-Dollar. Mittlerweile bilden sich vor Banken und Geldautomaten lange Schlangen.

Auch die Weltbank hat ihre Auszahlungen eingestellt. Die Welternährungsorganisation (FAO) warnte vergangene Woche, mehr als sieben Millionen Menschen seien von Hunger bedroht. Das Land, dass 75 Prozent seiner Ausgaben mit Hilfszahlungen westlicher Regierungen begleicht, steht vor einem finanziellen Desaster.

Manche sehen darin aber auch eine Chance. Die Not könnte den westlichen Staaten als ein Druckmittel dienen, um die Taliban dazu zu drängen, eine inklusive Regierung zu bilden und auch nach dem Abzug aller US-Truppen am 31. August weiterhin Menschen ausreisen zu lassen. »Die Taliban müssen erst Resultate vorweisen, bevor sie Geld bekommen«, insbesondere bei der »Achtung von Menschen- und Frauenrechten«, meinte Ahmady kürzlich in der Financial Times.

Diese Hoffnung könnte sich aber auch als trügerisch erweisen, weil sie die Geldquellen der Taliban unter- und den Einfluss der Zentralregierung sowie der internationalen Finanzhilfe überschätzt. So weist das Overseas Development Institute (ODI), eine unabhängige Denkfabrik mit Sitz in London, nach, dass die Taliban bereits über entscheidende Ressourcen verfügten, lange bevor sie die politische Macht in Kabul erobert hatten. Sie besteuerten die wichtigen Handelsrouten in Afghanistan und erhoben Gebühren, um die sichere Durchfahrt von Waren zu ermöglichen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des ODI über die Provinz Nimruz an der Grenze zum Iran schätzt beispielsweise, dass die informelle Besteuerung den Taliban jährlich etwa 235 Millionen US-Dollar einbringt. Im Gegensatz dazu erhielt die Provinz weniger als 20 Millionen US-Dollar pro Jahr an ausländischer Hilfe.

Offiziellen Angaben zufolge betrug der Warenverkehr im vergangenen Jahr allein über die Grenzübergänge zum Iran mehr als zwei Milliarden US-Dollar. Vermutlich liegt das tatsächliche Volumen deutlich höher. Die Gewinne aus dem grenzüberschreitenden Handel machen die Taliban zu wichtigen Akteuren im regionalen Handel Südasiens, heißt es in der Studie: »Das bedeutet vor allem, dass die üblichen Methoden, mit denen widerspenstige Regime internationalem Druck ausgesetzt werden – Sanktionen, Isolation –, auf das heutige Afghanistan weniger anwendbar sind.« Nach der politischen und militärischen Niederlage ist das für westliche Regierungen eine weitere schlechte Nachricht.