Eine Steueroase wird besichtigt

P wie Kapitalismus

Nach den Panama Papers und den kürzlich veröffentlichten Pandora Papers brainstormen Journalisten schon über ihre nächsten Enthüllungen.
Die preisgekrönte Reportage Von

Es herrscht eine drückende Atmosphäre im »Büro für gemeinsame Recherchen, Sachen ausdrucken und wegen WLan fragen«, hier in der Invalidenstraße in Berlin. Nur der Lüfter des Bea­mers ist zu hören, als die letzten Power-Point-Folien fiebrig über die Bürowand huschen. Der Vortragende rückt kurz sein Basecap zurecht, dann fährt er fort: »In unserer Gruppe sind wir abschließend zu der Erkenntnis gelangt: Es gibt offenkundig ein System, bei dem die Reichen und Mächtigen systematisch den Mehrwert der arbeitenden Bevölkerung abschöpfen.« Aufgeregtes Gemurmel geht durch die Reihen der anwesenden Investigativjournalistinnen und -journalisten.

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»Somit konzentriert sich ein wachsender Teil des Vermögens in den Händen immer weniger Einzelpersonen. Produktivitätssteigerungen erreichen nicht diejenigen, die den Mehrwert produzieren, sondern erhöhen die Profite großer Kapitalgesellschaften.« Noch einmal erhebt sich das Gemurmel, dann steht eine Person im Publikum auf: »Habt ihr das auch factchecken und proofreaden lassen?« Souverän zieht der Vortragende das Basecap nach oben: »Check, check, doppelcheck. Anscheinend läuft dieses System schon seit Jahrhunderten. Laut einem Insider gründet es auf der Produktionsweise moderner Gesellschaften, ist also vom bösen Willen Einzelner nicht abhängig, sondern systemimmanent.« – »Aber wo kommt denn dann der human interest her? Wie kriegen wir das grammable? Snackable?« Ein Journalist eines großen Magazins bricht unter der Erkenntnis in hysterisches Gelächter aus, andere blicken sich ratlos an.

Der Vortragende kommt zum Schluss: »Wie wir diese Erkenntnisse genau in der Content-Pipeline featuren, müssen wir dann in einem separaten Kick-off-Meeting klären. Für uns ist die Frage jetzt vordringlich: Unter welchem Branding gehen wir damit raus? Wir fänden was mit P schön, so wie Panama Papers, Pandora Papers … « Eine Journalistin unterbricht ihn: »Papers? Ist das dann ›print only‹? Sorry, aber das würde den Stakeholdern ziemlich sour aufstoßen … « – Vorschläge aus dem Auditorium ertönen: »Pangasius Papers, Pankreas Papers.« »Panorama Papers! Das ist die Lösung! Es geht ums Ganze, um alles – das Panorama halt.« Die Anwesenden nicken zufrieden.

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.