Small Talk mit Lothar König über die Ausstellung »Nichts gehört. Nichts gesehen. Nichts gewusst«

»Eine ganze Stadt sieht einfach weg«

Zum zehnten Jahrestag der Selbstenttarnung der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) findet in der Stadtkirche Jena bis zum 12. November die Ausstellung »Nichts gehört. Nichts gesehen. Nichts gewusst« statt. Organisiert wird sie von den Falken Jena und der Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Jena. Die »Jungle World« sprach mit dem Pfarrer und Mit­organisator Lothar König über die Ausstellung und darüber, warum sie nicht Teil des großen Kulturprogramms ist, das die Stadt Jena unter dem Motto »Kein Schlussstrich! Jena und der NSU-Komplex« organisiert.
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Was ist das Konzept der Ausstellung »Nichts gehört. Nichts gesehen. Nichts gewusst«?

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In der Ausstellung verwenden wir originale Zeitungsartikel aus den neunziger Jahren und Gedächtnisprotokolle von Jugendlichen aus der JG Stadtmitte. Als kirchliches Jugendzentrum standen wir sehr stark im »Brennpunkt« der Auseinandersetzung mit rechtsgerichteten Jugendgruppen.

Inwiefern steht das im Zusammenhang mit dem NSU?

Dazu muss man wissen, dass es in Jena bis 1993 so etwas wie eine rechte Jugendbewegung gab, die vor allem durch Überfälle und Angriffe in Erscheinung trat. Als 1993 diese Überfälle zeitweise seltener wurden, traten erstmals die Figuren auf, die später das Umfeld des NSU ausmachten – auch Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe selbst. Es hatte sich eine Ideologisierung der rechten Szene vollzogen. 1995 tauchte dann der »Nationale Widerstand« (Freie Kameradschaft, Anm. d. Red.) im Jenaer Stadtbild mit Graffiti auf. Flugblätter mit politischen Forderungen wurden verteilt, man versuchte gar, ein Jugendzentrum von der Stadt zu bekommen. Ein Jahr später, 1996, als Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Jena besuchte, hing eine Stoffpuppe mit Judenstern und Strick um dem Hals an einer Autobahnbrücke. Und es tauchten erste Bombenattrappen auf. Spätestens da hätte man erkennen können, dass aus rechten Jugendlichen eine rechtsextreme Bewegung geworden war.

Aber das wollte man in Jena nicht sehen. Diese Geschehnisse versuchen wir aufzuzeigen und meine Behauptung ist, dass die Verantwortlichen, von der Polizei über Jugendamt und politische Mandatsträger bis hin zur Justiz, das hätten wissen können. Die Informationen lagen 1995 und 1996 vor, um so einzugreifen, dass mindestens zehn Menschen weniger ermordet worden wären.

Warum sind Sie mit Ihrer Ausstellung nicht Teil des großen Kulturprogramms der Stadt Jena »Kein Schluss­strich! Jena und der NSU-Komplex«?

Mich hat niemand gefragt, ob die JG Stadtmitte dort mitmachen will. Das hat mich auch ein wenig verwundert. Allerdings legen wir unser Hauptaugenmerk nicht auf den NSU, sondern darauf, wie es dazu kommen konnte, dass eine ganze Stadt einfach wegsieht und nicht wahrhaben will, was da an Herabwürdigungen, Rassismus und Antisemitismus geschieht. Außerdem kommen kaum Betroffene von damals bei den Veranstaltungen der Stadt zu Wort. Dort steckt eine Menge Geld drin und viele Organisationen sind dabei, aber den Finger in die Wunde legen will man nicht – vermutlich auch, weil die meisten Verantwortlichen von damals noch leben. Da traut man sich nicht ran und hat mehr das Ansehen der Stadt im Blick. Ob sich das einmal ändern wird, bezweifle ich recht stark.