Homestory

Homestory #44

Wiglaf Droste hat einst behauptet, die Jungle World habe kein anderes erkennbares Ziel, als zur Vernichtung des Weltwaldbestands ­beizutragen. Die Unkerei des verstorbenen linken Satirikers entpuppt sich in diesen Tagen als ziemlich hellsichtig, denn Papiermangel ist in der Zeitungs- und Buchbranche ein Problem geworden – in Hinblick auf die Programmatik der Jungle World hatte er natürlich ­unrecht. Immer öfter kommt es vor, dass Verlage die Veröffentlichung angekündigter Bücher verschieben müssen – nicht etwa, weil der Autor nicht fertig geworden wäre, sondern weil der Druckerei das Papier fehlt.

Anzeige

Holzknappheit ist auch nur einer von vielen Gründen für das Papierproblem. Auch die pandemiebedingt unterbrochenen Lieferketten und die wachsende Konkurrenz um Ver­packungsmaterial infolge des expandierenden Online-Handels spielen eine Rolle. Werden Bücher und Print-Zeitungen irgendwann ­Luxus sein? So weit ist es zum Glück noch nicht und unsere Druckerei in Pinneberg druckt weiterhin zuverlässig die Texte und Bilder, die wir ihr in digitaler Form schicken. Sollte unsere Auflage allerdings jetzt in die Höhe schießen – woran wir arbeiten –, könnte es doch mal eng werden.

Tatsächlich ist es gar nicht mal so unmöglich, dass die Auflage Ihrer Lieblingszeitung steigen könnte, wird doch derzeit viel bei Twitter über die Jungle World geredet, und das von nicht eben­ Unbekannten. Der Welt-Journalist Robin Alexander fand beispiels­weise zwischen seinen Auftritten in sämtlichen Talkshows des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dankenswerterweise noch die Zeit, seine Follower darauf hinzuweisen, dass er überlegt, sein ausge­laufenes Abo der »sowieso empfehlenswerten« (Danke für die Blumen!) Jungle World zu erneuern. Vielen mag das als neuerlicher ­Beweis dafür gelten, dass die Zeitung, die Sie in den Händen halten, ein links aufgehübschtes Springer-Blättchen sei. So weit, so oll.

Auch die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder ließ es sich nicht nehmen, auf uns in einem Tweet zu verweisen, in dem sie auf die Vorstellung ihres neuen Buchs »Freisinnig« hinwies, eine Veranstaltung mit Beteiligung unseres geschätzten ehemaligen Kollegen Deniz Yücel, mit dem Schröder laut Eigenaussage »seit seinen Zeiten @Jungle_World bemerkenswerte gemeinsame Über­zeugungen verbinden«. Ziemlich cringe, oder? In ihrem neuen Buch warnt Schröder unter anderem vor enger werdenden Debattenräumen und vor einem angeblichen »pandemischen Imperativ«. Also, Frau Schröder, von gemeinsamen Überzeugungen müssen wir erst noch überzeugt werden, aber tragen Sie doch Ihren Teil dazu bei und lassen Sie frischen Wind in Ihre privaten »Debattenräume« und kämpfen Sie mit uns für den »kategorischen Imperativ« (Sie wissen schon, den mit der Umwerferei der Verhältnisse, davon werden Sie bestimmt mal in einem Verfassungsschutzbericht gelesen haben). Nutzen Sie das von uns speziell für Sie neu ins Leben gerufene Ex-Ministerinnen-Abo und beziehen Sie ganz offiziell Ihre heimliche Lieblingszeitung!