Ein Gespräch mit dem Militärexperten Sean McFate über die internationale Söldnerbranche

»Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet«

Die internationale Nachfrage nach Söldnern wächst. Sie einzusetzen, hat für staatliche Auftraggeber viele Vorteile.
Interview Von

Sie warnen davor, dass Söldner und Privatarmeen an Bedeutung gewinnen. Wie kam es dazu?

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Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in der Staaten das Gewaltmonopol besitzen und vornehmlich untereinander Kriege führen. Diese Gewissheit begann mit dem Fall der Berliner Mauer, sich aufzulösen, was sich zuerst in Südafrika bemerkbar machte. Nach dem Ende des dortigen Apartheid-Regimes gab es plötzlich viele arbeitslose Soldaten aus Eliteeinheiten, die sich in einer Organisation namens Executive Outcomes zusammenschlossen. Das war eine Privatarmee, sogar mit einer kleinen Luftwaffe, der es gelang, Konflikte wie den Bürgerkrieg in Angola zu beenden. Auch wenn Executive Out­comes nicht mehr existiert, gibt es in ganz Afrika ein Netzwerk ehemaliger Mitglieder, vielen von ihnen bin ich während meiner aktiven Zeit in dieser Branche begegnet.

Wie wurden Söldner zu einem globalen Phänomen?

Man kann die Rückkehr von Privat­armeen in drei Phasen einteilen. Die erste waren die kleineren Kriege in ­Afrika während der neunziger Jahre. Die zweite Phase begann mit den US-Kriegen im Irak und in Afghanistan. Sie haben die Branche nach vorne kata­pultiert. Wie so vieles bei diesen beiden Kriegen war das weder geplant noch durchdacht. Als sich herausstellte, dass eine langfristige Besatzung nötig sein würde, begannen die USA, ihre Personal­lücken mit Kräften von Privatunternehmen zu schließen. So waren zeitweise die Hälfte der US-Kräfte im Irak und sogar 70 Prozent in Afghanistan Söldner. Viele davon haben etwa die Truppen versorgt, aber zehn bis 15 Prozent waren bewaffnet.

»Die US-Kriege waren wie ein Förderprogramm für die Branche. Heute ist sie etabliert und normalisiert. Wenn Supermächte Söldner anstellen können, können das alle anderen auch.«

Die dritte Phase begann vor acht oder neun Jahren mit dem schrittweisen Rückzug aus dem Irak und Afghanistan, denn viele Söldner machten sich auf die Suche nach neuen Auftraggebern. Ehemalige Söldner der US-Kriege hat man in den vergangenen Jahren in aller Welt gesehen, im Jemen, in Libyen, in Syrien. Viele der von den USA angestellten Söldner waren auch gar keine US-Staatsbürger. Ich habe zu meiner aktiven Zeit als Fallschirmjäger mit Elitetruppen zusammengearbeitet, die in allen möglichen Sprachen kommunizierten. Die US-Kriege waren wie ein Förderprogramm für die Branche. Heute ist sie etabliert und normalisiert. Wenn Supermächte Söldner anstellen können, können das alle anderen auch, egal was das internationale Recht ­besagt.

Was hat das Anheuern von Söldnern so attraktiv für die US-Regierung gemacht?

Die Bevölkerung hasst den Anblick von toten Soldaten, aber niemand schert sich um tote Söldner, selbst welche aus dem eigenen Land. Tote Söldner werden also nicht zu einem politischen Problem. Außerdem kann man die demokratische Kontrolle umgehen. Wenn etwa der US-Kongress wie 2013 ein Truppenlimit von 3 000 Soldaten für Af­ghanistan beschließt, zählen private Auftragnehmer nicht dazu, ob bewaffnet oder nicht. Als Barack Obama noch Senator war, hat er an einem Gesetz zur Eindämmung dieses Geschäfts gearbeitet, aber als Präsident hat er das Thema ignoriert.

Was sind weitere Vorteile des Söldnereinsatzes?

Wenn man etwas geheim halten will, beauftragt man besser nicht die CIA, die Informationen an die Presse gibt, oder Navy Seals, die danach Memoiren schreiben. Die Geheimdienste unter­liegen auch verschiedenen parlamentarischen Kontrollen. Wer im Privatsektor an die Presse geht, wird nicht nur gefeuert, sondern wegen Geheimnisverrats so lange verklagt, bis er alles ver­loren hat.

Der größte Vorteil von Söldnern ist aber, dass man die eigene Verantwortung bestreiten kann. Wenn man einen Söldner schnappt, kann man von seiner Staatsbürgerschaft oder Sprache nicht darauf schließen, in wessen Auftrag er handelte, und oft weiß er dies nicht mal selbst. Die meisten der kolumbianischen Söldner, die im Juli den Präsident von Haiti, Jovenel Moïse, ermordet haben, wussten nicht, von wem der Auftrag ursprünglich kam. Wenn man im heutigen Informationszeitalter Krieg führen will, ohne verantwortlich gemacht zu werden, macht man das am besten indirekt. So hat es Russland in der Ukraine gemacht, und das passiert heute in Syrien oder Libyen.

Hat der Einsatz von afghanischen Söldnern durch die US-Armee dazu beigetragen, den Aufbau eines funktionierenden Staats zu unterminieren?

Der Einsatz privater Kräfte war zumindest ein Faktor. Die USA haben große US-Unternehmen wie Blackwater beauftragt, um beispielsweise einen Flughafen oder eine Konvoi-Route zu schützen. Diese Unternehmen haben dann lokale Subunternehmen beauftragt, lokale Kräfte ausgebildet oder manchmal schlicht Warlords mit ihren Milizen angestellt. Als der US-Kongress davon Wind bekam, wurde das alles in einem Bericht mit dem Titel »Warlords Inc.« dokumentiert. Das Vorgehen ­dieser Milizen im US-Auftrag war sehr brachial, auch gegen Zivilisten. Von der Bevölkerung wurden sie als US-Soldaten wahrgenommen.

Und was passiert, wenn der Vertrag mit einem Warlord ausläuft? Dieser hat nun den Titel eines privaten Sicherheitsunternehmers und kann sich Unternehmen oder NGOs anbieten. Die USA haben Afghanistan verlassen, aber eine ganz neue Branche ist geblieben, das Warlord- und Milizenwesen wurde professionalisiert. Das hat die Regierung und ihr Gewaltmonopol geschwächt.

Wodurch wächst die Branche derzeit?

Je mehr Söldner durch die Kriege in Afghanistan, Libyen, Syrien oder im Jemen hervorgebracht werden, desto mehr steigt die Nach­frage nach ihnen, auch weil sich gezeigt hat, dass das ­internationale Recht hier zahnlos ist. Nigeria beispielsweise heuerte 2015 Söldner an, um Boko Haram aus dem Norden des Landes zu vertreiben. Aber auch Privatleute rekrutieren Söldner. Der Nissan-Manager Carlos Ghosn ließ sich Ende 2019 mit Hilfe eines ehemaligen green beret, also eines Mitglieds der US-Elitetruppen, aus dem Hausarrest in Japan befreien und in den Libanon bringen. Gut zu wissen, dass so etwas möglich ist, wird sich ­jeder Milliardär auf der Welt gedacht haben.

Wo zeigt sich diese Entwicklung heutzutage sonst noch?

Die Rohstoffindustrie beginnt, Söldner einzusetzen. In Ländern wie Nigeria oder dem Kongo sind die Regierungen sehr korrupt, Polizei und Militär erpresserisch. Also wenden sich die Unternehmen an private Sicherheitsfirmen. Derzeit sind das noch defensive Aufgaben, aber langsam bewegen sich private Militärunternehmen dahin, der Industrie auch Offensivangebote zu machen, etwa die russische Wagner-Gruppe. Die Söldnerbranche wächst im Dienst von Unternehmen, ohne dass ­irgendeine Form internationaler Einhegung oder Gesetzgebung in Aussicht ist.

Woher erhalten diese Privatarmeen ihre Waffen? Greift bei schweren Waffen wie Panzern und Kampfflugzeugen nicht die Rüstungskontrolle?

Söldner nutzen im Allgemeinen Kleinwaffen. Die meisten von ihnen sind Wachleute, Sicherheitskräfte mit Kalaschnikows und Ähnlichem. Aber an der Spitze gibt es Elitetruppen und ­Organisationen, die Panzer und Artillerie haben, wie die Wagner-Gruppe in Syrien, oder afrikanische Söldner in Nigeria mit russischen Mil-Mi-24-Kampfhubschraubern aus dem Kalten Krieg. Heute gibt es auch Drohnen, die man militärisch aufrüsten kann. Die meisten Söldnertruppen haben aber keine Kampfflugzeuge oder große Bomben. Für Länder wie Deutschland sind Pri­­vat­armeen keine militärische Bedrohung, sehr wohl aber für schwache und fragile Staaten.

Gibt es so etwas wie einen typischen Söldner?

Nein. Es gibt ein Hollywood-Stereotyp, aber Söldner sind wie alle anderen Menschen komplexe Persönlichkeiten. Ein wichtiger Grund, Söldner zu werden, ist Geld, aber Geld ist nicht so wichtig, wie man denkt. Ein Soldat kann als Söldner sein Gehalt verdoppeln, aber dafür hat er keine Rente, kein Gesundheitssystem, niemand kümmert sich um ihn, wenn er verletzt oder gefangen wird. Eliteeinheiten können bei den reichsten Kunden wie den Vereinigten Arabischen Emiraten sehr gut verdienen, aber das sind wenige. Es gibt Psychopathen, die Menschen töten und wie Spezialkräfte im Krieg agieren wollen, aber ohne Vorschriften, es gibt viel Abenteurertum. Aber viele wissen einfach nicht, was sie sonst mit ihrem Leben anfangen sollen. Gute Soldaten, die nach zwei Einsätzen in Afghanistan nicht einfach Pakete für DHL ausfahren wollen. Im Krieg konnten sie kommandieren, hatten Ansehen und Einfluss, und in diese ihnen bekannte Welt zieht es sie zurück. Und wenn man einmal in dieser Branche gelandet ist, kommt man häufig nicht mehr raus. Wer stellt einen noch an, wenn man so einen Eintrag im Lebenslauf hat?

Sie beklagen ein mangelndes Bewusstsein für die Gefahren, die durch die private Militärbranche entstehen.

Die Welt, in der Staaten das Gewaltmonopol haben, internationale Regeln setzen und untereinander Krieg führen, ist eine historische Ausnahme. Das ­militärische Gewaltmonopol ist nur 150 Jahre alt, die letzten Söldner wurden während des Krim-Kriegs in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt, erst ­danach wurden sie in Europa verboten. Die Welt wird bald wieder so aussehen wie während des Großteils der Geschichte, wo Staaten eine wichtige, aber nicht exklusive Rolle spielen. Politikern fällt es schwer, Söldner ernst zu nehmen. Die US-Geheimdienste sammeln Informationen über Russland, Iran, Nordkorea, über terroristische Organisationen, aber niemand interessiert sich für Söldner, was ein Grund dafür ist, dass Wladimir Putin sie so gerne einsetzt. Es gibt kaum brauchbare, also klare und durchsetzbare Ge­setze, und selbst wenn es Gesetze gäbe, wer würde nach Libyen gehen, um die Söldnerarmeen festzunehmen? Es sieht so aus, als hätten wir die Büchse der Pandora geöffnet.


Sean McFate ist Professor an der School of Foreign ­Service der Georgetown University in Washington, D.C. Er war Fallschirmjäger in der US-Armee und danach als privater Militärdienstleister vor allem in Afrika tätig. McFate ist Autor mehrerer Romane und akademischer Bücher über außenpolitische und militärische Themen, 2019 erschien »The New Rules of War – Victory in the Age of Durable Disorder«.