Ein Gespräch mit Manuel Barroso über Seenotrettung im Mittelmeer

»Es zählt jede Sekunde«

Todeszone Mittelmeer. Manuel Barroso Cáceres, Einsatzleiter der spanischen Küstenwache in Almería, spricht über die Seenotrettung von Migranten und Geflüchteten im Alborán-Meer.
Interview Von

Was ist Ihre Aufgabe bei der spanischen Küstenwache als Koordinator der Einsätze? Fahren Sie noch bei Rettungseinsätzen mit?

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Nur noch sehr selten begebe ich mich an Bord, nur punktuell bei Einsätzen, bei denen meine Präsenz vonnöten ist. Aber ich bin nicht mehr derjenige, der seine Hand ausstreckt, um Leben zu retten. Das sind die Kollegen an Bord; wichtig sind auch diejenigen, die im Flugzeug nach Flüchtlingsbooten Ausschau halten. Etwas ganz anderes ist es, wenn man die Einsätze koordiniert. Man sieht den Menschen nicht mehr in die Augen. Und auch wenn man sich aus Erfahrung gut vorstellen kann, was auf See passiert, ist es nicht dasselbe.

Wie gehen Notrufe bei Ihnen ein und wie ist die Zusammenarbeit mit NGOs, die Seenotrufe oder das Ablegen von Flüchtlingsbooten ­melden?

Es gibt viele Wege. Wir bekommen zum Beispiel Anrufe von Familienangehö­rigen, die in Frankreich oder Deutschland leben, aber auch in anderen Staaten weltweit. Sie informieren uns, dass ein Angehöriger in See gestochen ist. Das Problem ist, dass die Angaben oft weit entfernt davon sind, exakt zu sein. Die NGOs im Bereich Migration und Flüchtlingshilfe sind ebenfalls immens wichtig, auch sie weisen uns auf Boote hin, die in See stechen; oft haben sie von Familienmitgliedern exakte Informationen oder Kontakte zu den Leuten an Bord.

Die Situation im Alborán-Meer ist anders als die im Atlantik, vor den ­Kanaren etwa, aber auch als die vor Libyen und Tunesien. Die Distanzen sind kürzer. Der rege Frachtverkehr hilft uns, weil auch die Frachter auf dem Weg zur Straße von Gibraltar immer wieder Hinweise geben, wenn sie ein Flüchtlingsboot sichten. Auch Fischerboote geben uns häufig exakte Koordinaten oder leisten selbst Erste Hilfe, wenn sie am nächsten sind. Sie sind dazu verpflichtet. Aber auch im Alborán-Meer gibt es Gebiete, in denen so gut wie nie ein Schiff vorbeikommt.

Doch wenn wir zu viele Informationen haben, die nicht zutreffend sind, wird es sehr schwer, die Rettungsmission erfolgreich durchzuführen. Zeit ist der essentielle Faktor, wir müssen sofort helfen, es zählt jede Sekunde. ­Daher sind zu viele Notrufe, die uns simultan erreichen, oft kontraproduktiv, vor allem wenn die Daten variieren. Schon eine kleine Verzögerung kann bei einer Rettungsmission den Unterschied ­zwischen Leben und Tod bedeuten. Und wenn das Wetter rau ist, dann wird es sehr, sehr schwer. Innerhalb von Sekunden kann ein überladenes Boot kentern, und dann hat man bis zu 80 oder 90 Menschen im Wasser.

Kentern ist das Worst-case-Szenario.

Es ist eine Situation, die man tunlichst vermeiden will, denn viele der Passagiere können nicht schwimmen. Es ist ­unmöglich, sie über Wasser zu halten. Wenn man 80, 90 und mehr Menschen binnen Minuten retten muss, dann sind Todesopfer fast nicht zu vermeiden. Du hast einfach keine Zeit zu reagieren. An Bord unserer Schiffe sind wir meist nur etwa acht Kollegen der Küstenwache, und nicht alle sind mit der Rettung betraut. Wenn wir den Rettungseinsatz beginnen, sind die Menschen meist sehr aufgeregt, sie stehen auf, das Gewicht verlagert sich und das Risiko, dass das Boot kentert, steigt rapide. Und wenn es kentert, dann kommt es auch vor, dass die Rotorblätter des Flüchtlingsboots Menschen töten.

Welche Veränderungen der Migra­tionsbewegungen und -routen ­haben Sie in den vergangenen Jahren wahrgenommen?

Die Migrationsbewegungen und die Profile der Menschen an Bord der Boote ändern sich ständig. Das bedeutet für uns, dass sich auch unsere Einsätze permanent ändern. Mittlerweile erreichen immer mehr Boote die Balearen, Mallorca und andere Inseln, aber auch die Küste Murcias, bei Cartagena, bis Alicante und Valencia. Das heißt, die Menschen sind über weit längere Strecken auf See, und das im offenen Mittelmeer. Vor Jahren kamen noch sehr viele Menschen aus dem Senegal an, aus Mali oder Mauretanien, darunter Mütter mit Kleinkindern oder Schwangere. Zurzeit sind es meist junge Marokkaner und Algerier, die auch in besser gewarteten, kleineren und nicht überladenen Booten in See stechen. Aber eines bleibt gleich: Es sind Menschen, die ein besseres Leben suchen.

Ende September kamen mehr als 20 Boote in Ihr Einsatzgebiet, fast 300 Menschen haben Sie gerettet. Alljährlich steigt die Zahl der Boote im Herbst noch einmal an, bis zum Einsetzen der Winterstürme.

Ja, immer bei gutem Wetter, über den gesamten Sommer, retten wir Menschen aus Flüchtlingsbooten. Aber in den vergangenen Jahren gab es stets im Herbst mehr Boote, die sich auf den Weg nach Europa machten. So auch dieses Jahr.

Doch bei starkem Wind ist unsere Technik nicht so verlässlich. Wir können die Boote nur schwer erkennen, noch weniger bei Nebel, wenn auch Flugzeuge, unser wichtigstes Mittel, um Boote zu orten, nicht einsetzbar sind. Flugzeuge können maximal bis auf 500 Fuß über dem Meer heruntergehen.

Wie ist die Kooperation mit Marokko und Algerien?

Die Zusammenarbeit mit Marokko verbessert sich zumindest im Bereich der Seenotrettung kontinuierlich, Jahr für Jahr. Die Kommunikation ist fließend, auch wenn die Hierarchie in Marokko über viele Ebenen und immer über die Hauptstadt Rabat geht. Wir sind mit die besten Seenotretter der Welt, sehr autonom und daher auch sehr schnell in ­unserer Reaktion. Aber auch die Marine Marokkos reagiert rasch und rettet Menschenleben.

Ist es schon vorgekommen, dass Sie und die Küstenwache Boote direkt nach Marokko oder Algerien zurückgebracht haben? So wie es bei Frontex-Missionen vorkommt?

Diese Praktiken sind uns fremd. Es gibt Frontex-Missionen hier im Alborán-Meer und um die Straße von Gibraltar, davon wissen wir. Aber das ist nicht unser Kompetenzbereich. Ich kann nicht sagen, ob Menschen direkt zurückgebracht wurden. Wir haben niemals Menschen direkt zum Ausgangspunkt ihrer Überfahrt zurückgebracht. Wir retten die Menschen und bringen sie zum nächsten sicheren Hafen. Und das ist immer ein spanischer. Auch wenn die marokkanische oder algerische Küste näher ist, steuern wir die spanische Küste an.

Schleppen Sie auch die oft als »pateras« bezeichneten kleinen Boote ab?

Wir schleppen keine Boote mit Menschen an Bord ab, das ist gegen unsere Einsatzvorschriften. Wir nehmen alle an Bord und steuern dann den nächsten Hafen an. Aber wir schleppen, wenn möglich, die leeren Boote ab, damit sie kein Risiko für andere Boote darstellen. Es geht auch darum, die Meere sauber zu halten. Nur wenn das Wetter miserabel ist, können wir die Boote oft nicht an Land schleppen, um sie zu entsorgen.


Manuel Barroso Cáceres ist Direktor und Einsatzleiter der spanischen Küstenwache (Salvamento Marítimo) im andalusischen Almería. Zu deren Aufgaben gehört die Rettung von in Seenot geratenen Migranten im Alborán-Meer zwischen der spanischen und marokkanischen Küste aber auch in algerischen Hoheitsgewässern und auf dem offenen Mittelmeer.