Ein Gespräch mit Maaza Mengiste über ihr Buch »Der Schattenkönig«

»Ich erzähle Geschichte polyphon«

Maaza Mengiste flüchtete mit ihren Eltern 1975 vor der Revolution in Äthiopien und wuchs in Nigeria, Kenia und den USA auf. Heute lebt die Schriftstellerin in New York. In ihrem neuen Roman »Der Schattenkönig« erzählt sie vom Widerstand gegen den Abessinien-Feldzug Mussolinis und von der Rolle, die Frauen dabei spielten.
Interview Von

Als die Faschisten 1935 in Äthiopien einfielen, stießen sie unerwarteterweise auch auf den Widerstand von Frauen. Sie erzählen diese kaum bekannte Geschichte und würdigen den Kampf der Krankenpflegerinnen, Köchinnen und Dienstmägde gegen die Truppen Italiens. Warum wollten sich die italienischen Faschisten Äthiopien einverleiben?

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Mussolini wollte eine weitere Kolonie in Afrika schaffen, mit dem Ziel, die Machtfülle des antiken Römischen Reichs wiederherzustellen. Es war auch ein Racheakt für die Niederlage von Adua 1896, als Äthiopien die italienische Armee besiegt hatte, so dass das Land seine Unabhängigkeit behalten konnte. Mus­solini begriff die geplante Eroberung Äthiopiens zudem als Teil eines ­größeren imperialen Expansionsprogramms.

Es ging dem Mussolini-Regime also auch um die Gewinnung von sogenanntem Lebensraum?

Für ein Regime mit einem derartigen Sendungsbewusstsein war es blamabel, dass arme und verzweifelte Italiener ihr Heimatland verließen, um in Nord- und Südamerika ein besseren Leben zu suchen. In einer italienischen Kolonie Äthiopien hätte man sie ansiedeln können.

In welchem Kräfteverhältnis standen die beiden Kriegsparteien zueinander?

Äthiopien war auf den Krieg alles andere als vorbereitet. Italien war zu diesem Zeitpunkt die militärisch stärkste Nation in Europa und hatte den Luftkampf Jahre zuvor bei der Eroberung Libyens perfektioniert. Die Äthiopier hingegen mussten mit ­veralteten Waffen kämpfen.

Mit dem Widerstand von Frauen hatten die Eroberer nicht gerechnet. Welche Bedeutung hatten soldatische Männlichkeitsideale in diesem Krieg?

Mussolini wollte eine Armee nach dem Vorbild der Streitkräfte des ­antiken Rom schaffen – mit aggressiven Eroberern, die dem archaischen männlichen Stereotyp entsprachen, die also auch sexuell aggressiv, emo­tional hart, diszipliniert, grausam und brutal waren. Als die Eroberung Äthiopiens bevorstand, zirkulierten zahlreiche Propagandafilme, -plaka­te und Flugblätter, die dieses soldatische Ideal verbreiteten. Zum Zweck der Rekrutierung wurden auch Fotos von ostafrikanischen Frauen gezeigt. Deren Botschaft lautete, dass der Krieg schnell zu gewinnen und das Land leichte Beute sei; dass die Soldaten über die auf den Fotos dargestellten Frauen würden verfügen können, bevor sie dann wieder zu ­ihren Ehefrauen und Freundinnen in die Heimat zurückkehren könnten.

Spielte diese Propaganda bei der Eroberung weiterer Kolonien in Afrika eine Rolle?

In Hinblick auf Libyen etwa gab es keine Bezugnahme auf Frauen und erst recht keine sexualisierenden Fotos. Mussolini hat sich zwar als »Freund der Muslime« verstanden, eine stereotype Darstellung von Araberinnen und Arabern als hinterlistig und verschlagen existierte allerdings schon. Ostafrikanerinnen und Ostafrikaner hingegen galten als dumm und primitiv. So etwa auch auf Brettspielen, auf die ich bei meiner Recherche gestoßen bin. Darauf werden Äthiopierinnen und Äthiopier auf rassistische Weise als rückständig dargestellt; erst durch die italienischen Eroberer würden sie zivilisiert werden.

Die Beteiligung von Frauen im Widerstand gegen die Eroberer ist bisher kaum gewürdigt worden. Wie lange haben Sie für Ihren Roman recherchiert?

Viel zu lange! Insgesamt waren das fast zehn Jahre. Natürlich hat nicht alles Eingang in das Buch gefunden, was ich auf Flohmärkten, in Antiquitätengeschäften oder in Archiven entdeckt habe. Insgesamt ging es mir darum, herauszufinden, was es mit Kindern und jungen Erwachsen macht, wenn so etwas wie diese Brettspiele Teil ihrer alltäglichen Umwelt sind; wie so etwas ihr Vorstellungsvermögen zerstört. Genauso wichtig waren mir aber auch die italienischen Soldaten, die ich ebenfalls so komplex wie möglich zeichnen wollte; als Menschen, die schon über ein Jahrzehnt in einem faschistischen Staat und inmitten faschistischer Ideologie gelebt hatten.

Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?

Über ein Tagebuch. Bei der weiteren Recherche fand ich schnell heraus, dass weitaus mehr Frauen aktiv im Krieg mitgekämpft haben, als ich mir das hatte vorstellen können.

Wie erklären Sie sich die Kampfbereitschaft der Frauen?

Ich denke, viele Frauen haben es als selbstverständlich empfunden, sich zu wehren, obwohl sie in einer patriarchalen Welt lebten, in der von ihnen die Rolle der Sorgenden erwartet wurde. Aber sie wussten, dass es eine andere Option gibt, und haben sich zur Armee gemeldet.

Spielt die Beteiligung der Frauen in der nationalen äthiopischen Erinnerungspolitik eine Rolle?

Meist wird nur an die Frauen aus den besseren Kreisen erinnert, etwa Offiziersfrauen. Über die anderen Frauen sind kaum detaillierte Geschichten überliefert. Häufig haben sie ihre eigene Tapferkeit hervor­gehoben, etwa wie es war, auf einen Italiener zu schießen. Mehr aber nicht. Interessiert haben mich vor allem die Frauen aus den Dörfern, die nicht mit Männern von Rang und Namen verheiratet waren, die arm geboren wurden und es auch ihr Leben lang blieben: Frauen, die gezwungen waren, Essen zu kochen und die sexuellen Bedürfnisse der höherstehenden Männer zu erfüllen. Nach dem Krieg sind sie wieder an den gesellschaftlich für sie vorgesehenen Platz zurückgekehrt. Ihre Geschichten wurden allenfalls in den eigenen Familien erzählt, der klassischen Geschichtsschreibung erschienen sie als unwichtig.

»Der Schattenkönig« ist keine historische Studie, sondern ein Roman mit fiktiven Figuren. Was lernen Leserinnen und Leser über diese Frauen?

Im Roman gibt mehrere zentrale Frauenfiguren, vor allem Hirut, die sich für die äthiopische Armee meldet, weil sie mehr will, als bloß die Dienerin bei einem Ehepaar zu sein. Dann gibt es eine Sklavin, die aus einem Dorf entführt wurde und nun für eine äthiopische Familie als Köchin arbeitet. Ihr Name ist das Einzige, was sie besitzt. Sie weigert sich, ihn zu verraten. Und schließlich gibt es Fifi, eine Prostituierte, die ihre sexuelle Attraktivität bewusst als ­Waffe einsetzt. Mein Roman ist daher auch ein Buch über weibliche Handlungsmacht. Ich erzähle Geschichte polyphon und aus verschiedenen Blickwinkeln, mit bewusst eingesetzten Lücken, mit mal mehr, mal weniger dominanten Stimmen.

Wie wird in Italien an den Äthiopien-Krieg erinnert?

Wenn Italienerinnen und Italiener überhaupt davon wissen, dann romantisieren sie diese Periode als einen kurzen Krieg, in dem sie Straßen und Brücken gebaut haben, bevor sie wieder abgezogen sind. Diese Straßen werden zwar heute noch genutzt, machen aber eigentlich gar keinen Sinn, weil sie lediglich Militärcamps miteinander verbunden haben. Viele Äthiopier mussten ihr Leben lassen für diese Infrastruktur. So etwa auch mein Onkel.

Gibt es Forderungen an Italien, erbeutete Kulturgüter Äthiopien zu restituieren?

Das wohl bekannteste Beispiel ist der jahrhundertealte Obelisk von Axum, der 1937 erbeutet, in Rom vor dem damaligen Kolonialministerium aufgestellt und schließlich 2005 zurückgegeben wurde. Insgesamt gibt es noch viel mehr erbeutetes Kulturgut, vor allem auch Manuskripte und heilige Schriften. Die Debatte hat jedoch noch nicht wirklich begonnen. Im Moment konzentrieren sich die Äthiopier dabei eher auf England. Italien aber könnte bald folgen.

Maaza Mengiste: Der Schattenkönig. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit und Patricia Klobusiczky. DTV, München 2021, 576 Seiten, 25 Euro