Israel-Hass und Antizionismus an britischen Hochschulen

Israel-Hass mit Hochschulabschluss

An britischen Hochschulen wird über israelbezogenen Antisemitismus gestritten. Zwei Fälle der vergangenen Monate zeigen, wie verbreitet dieser Antisemitismus ist und wie viel Unterstützung er genießt.

Es dürfte bekannt sein, dass der britische Wissenschaftsbetrieb, die Geburtsstätte der BDS-Bewegung in Europa, ein Antisemitismusproblem hat. In den vergangenen Monaten ist dessen Ausmaß erneut deutlich geworden. Bereits Ende 2020 hat die jüdische Dokumen­tationsstelle Community Security Trust (CST) einen Bericht veröffentlicht, der ein historisches Höchstmaß an antisemitischen Vorfällen an britischen Hochschulen ausweist. Zu den 123 Vorfällen, die zwischen September 2018 und August 2020 gemeldet wurden, gehören auch 14 Beschwerden gegen Hochschulpersonal.

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Einer dieser Fälle hat mittlerweile hohe Wellen geschlagen. Es geht um ­David Miller, zuletzt Soziologieprofessor an der Universität Bristol, der unter ­anderem mit pseudowissenschaftlichen Arbeiten über den angeblichen Einfluss einer »Israel-Lobby« auf das politische Leben Großbritanniens Karriere gemacht hat. Obwohl seine Positionen schon länger von der Jewish Society an der Universität Bristol, der Union of Jewish Students sowie dem CST kritisiert worden waren, kam es erst im Februar dieses Jahres zum Eklat. Anlass war ein öffentlicher Vortrag, in dem Miller jüdische Studierende als »politische Schachfiguren eines gewaltsamen, rassistischen ausländischen Regimes, das ethnische Säuberungen betreibt«, bezeichnete.

In einem Vortrag bezeichnete David Miller jüdische Studierende als »politische Schachfiguren eines gewaltsamen, rassistischen ausländischen Regimes, das ethnische Säuberungen betreibt«.

Die interne Aufarbeitung des Falls kam nur schleppend in Gang. Es dauerte einen Monat, bis die Universität Bristol ein Disziplinarverfahren gegen Miller einleitete, und dann noch einmal mehr als ein halbes Jahr bis zu dessen Abschluss. Anfang Oktober schließlich gab die Universität bekannt, Millers Anstellung zu beendigen. Sie verurteilte seine Positionen aber nicht ­explizit. Dass die Universitätsleitung ihre zögerliche Haltung letztlich aufgab, ist sicherlich auch dem öffentlichen Druck von 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu verdanken, die Millers Kommentare in einem offenen Brief verurteilten als »jüngste Manifestation einer langen und schändlichen Tradition von Verschwörungstheorien über jüdische Personen und Institu­tionen (und neuerdings über den Staat Israel)«.

Davon, dass Miller nun allein dastünde, kann aber nicht die Rede sein. Es dauerte nicht lange, bis sich die Kampagne »Support David Miller« formierte und verschiedene Solidaritäts­erklärungen veröffentlichte. Eine dieser Erklärungen wurde von mehr als 450 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichnet. Die in ihr vorgebrachten Vorwürfe sind altbekannt: Miller sei ein anerkannter Wissenschaftler; »Israel-Kritik« und Anti­semitismus würden gleichgesetzt; die Meinungs- und Forschungsfreiheit würden sabotiert; den Kritikerinnen und Kritikern gehe es in Wirklichkeit darum, antirassistische Positionen zu unterdrücken.

Die Kampagne geht sogar einen Schritt weiter: Es sei angemessen, die protestierenden jüdischen Studierenden als »Agenten« Israels bezeichnen, heißt es auf der Homepage. Zu den ­Unterstützerinnen und Unterstützern der Kampagne gehören auch prominente Antizionisten wie etwa der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky, der israelische Historiker Ilan Pappé und der britische Regisseur Ken Loach. Eine weitere Kampagne auf der Online-Plattform Change.org, die die Wiedereinstellung Millers fordert, hat bislang 37 000 Unterschriften gesammelt. Miller selbst inszenierte sich im Einklang mit seinem verschwörungstheoretischen Weltbild als Opfer von »Israel’s assets in the UK« – was man auf Deutsch wohl »Israel-Lobby« nennen würde – und kündigte an, gegen seine Entlassung rechtlich vorzugehen.

Mittlerweile hat auch ein weiterer Fall an der Universität Glasgow Aufsehen erregt. Im Mai dieses Jahres entschuldigte sich die Redaktion des dort beheimateten studentischen Online-Journals eSharp für einen im Jahr 2017 ver­öffentlichten Artikel über »zionistische Propaganda im Vereinigten Königreich«, der unter anderem ein Pauschalurteil über »die jüdische Presse« enthält. Angaben von eSharp zufolge waren verschiedene Beschwerden eingegangen. Die Autorin Jane Jackman, eine Absolventin der Universität Exeter, vertrete eine »unbegründete antisemitische Theorie über den Staat Israel und dessen Aktivität im Vereinigten Königreich«, heißt es in der Stellungnahme. In einem Protestbrief an die Universitätsleitung haben am 24. Oktober mehr als 500 britische und internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Jackman ihre Unterstützung ausgesprochen und die Rücknahme der Entschuldigung gefordert. Auch Chomsky war wieder dabei. Der Tageszeitung The Scotsman sagte er, dass »die Kapitulation der Universität Glasgow ein schwerer Schlag für die akademische Freiheit ist, der nicht geduldet werden sollte«. Vor wem die Univer­sität kapituliert haben soll, blieb hingegen unklar. Es ist wohl besser, im Kreis der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner nicht weiter nachzufragen, wer das sein könnte.