Moldauische Roma, die hierzulande Asyl beantragen, werden schnell wieder abgeschoben

Nicht mal Geld zum Heizen

Viele moldauische Roma beantragen Asyl in Deutschland, werden jedoch schnell wieder abgeschoben. Oft fliehen sie vor extremer Armut.
Reportage Von

August 2021 in Berlin-Kreuzberg. Ein Roma-Ehepaar aus der moldauischen Stadt Soroca kommt in die Rechtsberatung des Vereins »Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen« (KuB). Das Ehepaar hat in Deutschland Asyl beantragt, weil die Familie sich in Moldau nicht sicher fühlt. Im April seien sie in ihrer Herkunftsstadt mit Eisenstangen angegriffen worden, erzählt der Mann. Die Angreifer hätten versucht, ihre 15jährige Tochter zu vergewaltigen. Die Polizei bemühe sich nicht einmal darum, die Attacken aufzuklären.

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Die Frau kann nur etwa einem Drittel des 45minütigen Beratungsgesprächs folgen. Sie leidet unter chronischen starken Kopfschmerzen. In Moldau bekomme sie dafür keine medizinische Behandlung, sagt sie. Den Asylantrag der Familie hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schon abgelehnt, nur wenige Wochen hat das gedauert. Nun will das Ehepaar wissen, wie es weitergehen könnte.

Roma, die sich um einfache Jobs als Putzkraft oder als Fahrer bemühen, klagen häufig über Diskriminierung. Ethnische Russen oder Rumänen würden bevorzugt.

Die Republik Moldau liegt zwischen der Ukraine und Rumänien, das kleine Land zählt knapp drei Millionen Einwohner. Dieses Jahr haben dem BAMF zufolge schon mehr als 3 000 Menschen aus Moldau in Deutschland Asyl beantragt. Nach dem sogenannten ­Königsberger Schlüssel zur Verteilung von Asylsuchenden innerhalb Deutschlands werden die meisten davon nach Berlin verwiesen. Im vergangenen August warf der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger, der damaligen Rot-Rot-Grünen Landesregierung vor, sie locke durch großzügige Bargeldauszahlungen Asylbewerber aus Moldau nach Berlin.

Wie viele aus dieser Personengruppe sich als Roma identifizieren, lässt sich nicht genau sagen. Es sind gewiss nicht alle, aber es ist wohl ein großer Anteil. Sie haben praktisch keine Aussicht auf einen positiven Asylbescheid. Nach ­Angaben des BAMF wurde im Zeitraum von Januar bis August keinem einzigen Asylantrag einer Person aus Moldau stattgegeben.

Roma-Rokoko erinnert an bessere ­Zeiten
Offiziellen Angaben aufgrund des Zensus von 2014 zufolge leben knapp 9 000 Roma in Moldawien, doch geht man davon aus, dass die wirklich Zahl um ein Vielfaches höher liegt. Die Gruppe ist heterogen: Unter ihnen befinden sich Anwältinnen, Regierungsberater, Wissenschaftlerinnen und zum Beispiel einen Parlamentsabgeordneten und eine erfolgreiche Profi-Kickboxerin. Im Norden Moldaus, in Kleinstädten wie Otaci und Soroca, leben Roma-Gruppen segregiert, in anderen Landesteilen sind sie weniger als solche erkennbar.

Zu Sowjetzeiten konnten sich viele moldauische Roma auch ohne Schul­bildung und ohne erlernten Beruf eine Existenz in der illegalen, aber geduldeten Tauschwirtschaft aufbauen: als Handwerker und als Händler. Im Jahr 1986 begann Michail Gorbatschow, die sowjetische Wirtschaft zu reformieren. Er schaffte viele Handelsbeschränkungen ab. »In dieser Zeit sind viele Roma sehr schnell sehr reich ­geworden«, sagt Ion Duminica vom moldauischen Institut für kulturelles Erbe. »Zum Beispiel haben sie die ­qualitativ hochwertigen Kleidungsstücke, die in den baltischen Sowjetre­publiken produziert wurden, in großen Mengen in den Industriestädten im Ural und in Sibirien verkauft, wo es solche Waren zuvor nie gegeben hatte.«

In den nordmoldauischen Städten Soroca und Otaci ist der Reichtum aus dieser Zeit noch zu sehen. In den Roma-Vierteln der Städte stehen zahlreiche Villen in einem Baustil, den Gavril, ein Rom aus Soroca, scherzhaft »Roma-Rokoko« nennt. Die Villen sind häufig mit antikisierenden Säulen verziert, gelegentlich sogar mit vergoldeten oder strahlend weißen Kuppeln. Selten sind die Villen fertig gebaut, eine oder mehrere Etagen verblieben meist im Zustand des Rohbaus.

Dafür gibt es zwei Erklärungen: Einige sagen, vielen Roma sei das Geld ­ausgegangen, als Ende der neunziger Jahre die fetten Jahre des Basarhandels vorbei waren. »Viele Menschen, die in Soroca in Villen leben, haben nicht genug Geld, diese zu beheizen«, sagt Marin Alla, der lange Jahre einen Roma-Verband geleitet hat und von 2018 bis 2020 ­Regierungsberater für Minderheitsfragen der mol­dauischen Regierung war.

Das mag auf einige Villen zutreffen, aber nicht für alle. Dmitrij Zawrotzkij, der Bürgermeister der Stadt Otaci, sagt, dass einige Roma-Villen in seiner Stadt erst vor ein oder zwei Jahren gebaut worden seien. Villen nicht fertigzustellen sei auch der Versuch, Steuern zu sparen. Nach moldauischem Recht fällt die Grundsteuer erst für fertiggestellte Häuser an. »Viele Roma haben für ihre Häuser hohe Steuerschulden, weil sie sich weigern, für die Häuser, die sie bewohnen, Steuern zu bezahlen«, sagt Ion Duminica.

Das Zentrum von Otaci

Das Zentrum von Otaci. In der Stadt leben viele Roma

Bild:
Lukas Latz

Einige der Männer, die im Roma-Viertel von Soroca auf einem kleinen Platz mit Bänken sitzen, der von einer polnischen Hilfsorganisation finanziert wurde, erzählen im Gespräch freimütig, dass sie ihr Geld auch auf kriminellem Wege verdienen. Die älteren Männer unter ihnen bekämen gerade einmal 25 Euro Rente im Monat. Wie solle man davon leben? Ins Detail gehen sie bezüglich ihrer kriminellen Tätigkeiten nicht. Ihr Gerede könnte auch Prahlerei sein.

Viele Roma leben in bitterer Armut. Die Analphabetenrate ist hoch, viele Kinder gehen nicht zur Schule. In der chaotischen Wirtschaft der neunziger Jahre konnten Roma-communities zum Teil noch florieren, doch nur wenige Roma verfügen über die Fähigkeiten, die man braucht, um qualifiziertere Arbeitsstellen zu bekommen. Roma, die sich um einfache Jobs, etwa als Putzkraft oder als Fahrer bemühen, klagen häufig über Diskriminierung. Ethnische Russen oder Rumänen würden bevorzugt.

Keine Arbeit, keine Bildung, keine Perspektive
»Das größte Problem der Roma ist ihr Konservatismus«, sagt Aleksej Breda, ein Rom, der in Otaci als Mediator arbeitet. Die Posten der Mediatoren hat die moldauische Regierung 2016 geschaffen. Ihre Aufgabe ist es, in der oft gestörten Kommunikation zwischen den Stadtverwaltungen und den Roma zu vermitteln. Dadurch soll vor allem erreicht werden, dass mehr Roma-Kinder die Schule besuchen.

»Vom Handel auf Basaren und Märkten konnten wir in der Vergangenheit leben«, sagt Breda, »aber der ­Handel findet immer mehr im Internet statt. Unter den Roma aus Otaci gibt es noch einige, die nach Kirgisien, Usbekistan oder Kasachstan reisen, um dort auf den Märkten zu arbeiten. Dort wird noch auf den Handel von Angesicht zu Angesicht Wert gelegt. Woanders gibt es kaum noch eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die Roma-communities müssen daraus Konsequenzen ziehen. Sie müssen ihre Kinder in die Schule schicken, um ihnen eine Zukunft zu ermöglichen.«

Aleksej Breda hat internationale Wirtschaftsbeziehungen studiert. »Mein Vater hat die Wichtigkeit von Bildung immer verstanden. Deswegen konnte ich meinen Abschluss machen. Ich bin jedes Jahr in einer an­deren Stadt in Russland in die Schule gegangen.« Mit seinem Abschluss könnte er in einem anderen Land mit einem anderen Beruf mehr Geld verdienen. »Aber das hier ist meine Heimat. Ich will hier leben und in meiner community etwas verändern«, erzählt Breda. Er erzählt dies, während er an einer Landstraße zwischen Soroca und Otaci steht. Sein Vater wechselt gerade den Reifen ihres Wagens.

Gemeinsam fahren die beiden zwei zwölfjährige Jungs zurück nach Otaci, die in ein Waisenhaus in der Hauptstadt Chişinău geflüchtet waren. Da sie dort früher einmal negativ auf­gefallen sind, durften sie nicht bleiben. »Als sie gehört haben, dass sie zurück müssen, hat einer von ihnen versucht, sich die Venen zu öffnen. Der andere hat Tabletten geschluckt«, sagt Breda.

Einer der beiden Jungs steht vor dem Auto. Er raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Sein Gesicht ist pickelig und vernarbt. Er sei drei Jahre in der Ukraine in die Schule gegangen, habe sich dort jedoch nicht konzentrieren können, sagt er. Er könne weder lesen noch schreiben. Zu Hause schlafe seine Familie zu zehnt in einem Zimmer. Er träume davon, irgendwann in einer Wohnung zu leben, die im Herbst und Winter warm ist, sagt er.

In Soroca und Otaci fallen die mehrstöckigen Villen und der Reichtum ­einiger Roma als Erstes ins Auge, sie bestimmen das Erscheinungsbild der beiden Orte. Doch sind sie nicht repräsentativ für den Lebensstil der Roma. Neben den Familien, denen es relativ gut geht, leben dort extrem arme Roma-Familien.

Am Stadtrand von Otaci, hinter der Fabrik für Sonnenblumenöl, die in den neunziger Jahren bankrott ging und verfallen ist, leben Mascha und Marian in einem Bauernhaus ohne Anschluss an die Kanalisation. Bei ihnen leben Maschas sechs Kinder, die zwischen anderthalb und zwölf Jahre alt sind, und Maschas Mutter. Wasser schöpft die ­Familie aus einem Brunnen am Rand des Grundstücks. Sie heizen mit Holz. Der Rauch zieht in den Garten, in dem die Kinder spielen. Für die drei Zimmer des Hauses gibt es nur einen Ofen.

Die sechs Kinder und das Paar schlafen zusammen in einem Bett, das im Wohnzimmer steht. Die Großmutter schläft im zweiten Raum, in dem die Klamotten der Kinder gestapelt sind. Kleiderschränke gibt es nicht. In der Küche steht auf einem Tisch ein elektrischer Herd mit zwei Kochplatten. Die Außenwände sind rissig und renovierungsbedürftig. Der Parkettboden ist stellenweise löchrig, er liegt direkt auf dem Erdboden. Kein Fundament und keine weitere Isolierung schützen vor der aus dem Boden dringenden Kälte.

»Vor kurzem haben wir hier ein neues Fenster eingesetzt, damit die Wärme besser im Haus bleibt«, erzählt Bürgermeister Zawrotzkij. »Wir unterstützen die Familie, so gut wir können. Aber die Mittel, die wir in der Stadt zur Verfügung haben, sind begrenzt.«

Hilfsgelder versickern
Ion Duminica oder Marin Alla von der Roma-Jugendorganisation Tarna Rom fordern mehr Unterstützung. Doch ebenso wie der Zawrotzkij beklagen sie, dass nur wenig von dem vielen Geld, das internationale Hilfsfonds und -organisationen – ob nun staatlich, kirchlich oder privat – in die Unter­stützung von Roma investierten, wirklich dort ankomme, wo es gebraucht wird. »Wir können hier nicht nachvollziehen, welche Familie von wem Geld bekommt«, sagt Zawrotzkij, »Das macht es auch für uns schwerer, die Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, gerecht zu verteilen.«

Wie können die Probleme gelöst werden? »Der Kern des Problems ist die geringe Bereitschaft von Roma-Familien, ihre Kinder in die Schule zu schicken«, sagt Duminica. »Es ist ein großes Rätsel, wie das geändert werden kann. Wir Roma-Aktivisten arbeiten sehr hart daran, eine Lösung zu finden.«

Eine Ursache für die Bildungsverweigerung sieht Duminica in der jüngeren Geschichte: »Mit dem Zerfall der Sowjetunion waren viele sowjetische Karrieren plötzlich zerstört. Die Roma haben gesehen, wie Kernphysiker, die für die Sowjetunion Atomwaffen konstruiert haben, plötzlich arbeitslos wurden. Der Kernphysiker musste trotz Bildung und Prestige plötzlich zusammen mit ihnen auf dem Markt stehen und Handel betreiben.« Die Ursachen sind jedoch nur zum Teil kultureller Natur. Aus der absoluten Armut ergeben sich oftmals gewichtigere Gründe, warum Kinder nicht zur Schule gehen. Beispielsweise müssen viele ältere Kinder im Herbst als Erntehelfer arbeiten, ­damit die Familie über die Runden kommt.

Zu Hause schlafe seine Familie zu zehnt in einem Zimmer, erzählt einer der Jungen. Er träume davon, irgendwann in einer Wohnung zu leben, die im Herbst und Winter warm ist.

Die schwere Armut gilt auch als wichtiger Grund, warum Roma Moldau verlassen: »Die Leute, die hier in Armut leben, müssen im Winter einen Großteil ihres Einkommens fürs ­Heizen ausgeben. Viele können sich das kaum leisten. Sie kommen nach Deutschland, um ein paar Monate in einer warmen Asylunterkunft leben zu können«, sagt Valeriu Căldăraru, der als Mediator in der westmoldaudischen Gemeinde Mingir arbeitet und ein landesweites Netzwerk von Roma-Mediatoren gegründet hat.
Der moldauische Staat ist chronisch knapp bei Kasse und geplagt von Korruptionsskandalen. Er gibt nur wenig Geld aus, um die Lage der Roma zu ­verbessern. »Für das Mediatorensystem, das wir jetzt besitzen, haben wir 13 ­Jahre lang gekämpft«, sagt Marin Alla. »Ich habe mit jeder Regierung gesprochen, die es in dieser Zeit in Moldau gegeben hat, und versucht, sie von der Idee zu überzeugen.«

Das Schlafzimmer von Mascha und Marian

Das Schlafzimmer von Mascha und Marian. Auf dem Bett schlafen sie zusammen mit sechs Kindern

Bild:
Lukas Latz

Es reicht ein Zündfunken
Das Mediatorensystem ist ein erster Schritt, um die Alphabetisierung von Roma voranzutreiben. Es ist jedoch noch unzureichend. »Die 40 Mediatoren, die wir bisher für ganz Moldau ­haben, reichen noch nicht aus«, sagt Valeriu Căldăraru. »Wir bräuchten mindestens 70 Mediatoren, um alle Roma-communities im Land abzudecken. Nach staatlichen Angaben sind wir im Land etwas weniger als 10 000 Roma.« Tatsächlich aber seien es viel mehr. Eine so niedrige Zahl anzugeben, sei wohl Teil der Strategie der Regierung. »Wenn sie das Problem kleiner aus­sehen lassen, als es ist, müssen sie es auch nicht lösen.«

Marin Alla weist darauf hin, dass es bislang noch zu wenig gut ausgebildete Roma gibt, um die Stellen als Media­toren zu besetzen. Einige Roma, die derzeit als Mediatoren arbeiten, haben nur acht Jahre Schulbildung hinter sich. Mit dieser Elementarbildung seien sie kaum in der Lage, der Verwaltung auf Augenhöhe zu begegnen und zwischen ihr und den Roma-communities zu vermitteln. »Es wird noch eine ­Generation dauern, bis wir genug gute Leute haben, die diese Rolle ausfüllen können«, sagt Alla.

Dass Roma von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind, ist nicht allein eine Frage schulischer Bildung. »Wenn es irgendwo zu einer Straftat kommt, gehen die Polizisten immer erst einmal durch die Roma-Siedlungen, weil sie davon ausgehen, dass es einer von uns war«, sagt Căldăraru, »Wir Mediatoren können mit den Lehrern und mit der Stadtverwaltung ganz gut zusammenarbeiten. Aber mit der Polizei geht das noch nicht.«

Aleksej Breda bestätigt, dass die Beziehung zwischen den Roma und der russischsprachigen Mehrheitsgesellschaft angespannt ist. »Es reicht ein Zündfunken und die Situation eskaliert hier«, sagt er. Das ist kein abwegiges Szenario. Im Juli 2021 kam es im Zen­trum von Otaci zu einer Massenschlä­gerei zwischen Roma und ethnischen Russen, nachdem drei betrunkene Roma eine ethnische Russin sexuell belästigt hatten.

Der Rom aus Soroca, der im August 2021 in Berlin-Kreuzberg zur Asyl­verfahrensberatung gekommen ist, hat also durchaus recht, wenn er sagt: »Es ist gefährlich für uns, in unserer Heimatstadt auf die Straße zu gehen.« Aussicht auf einen Aufenthaltstitel in Deutschland haben er und seine Familie dennoch kaum. Asylsuchende aus Moldau bleiben selten länger als ein paar Monate in Deutschland, bis sie abgeschoben werden. Die einzige Chance, die das Paar hat, besteht darin nachzuweisen, dass die chronischen Kopfschmerzen der Frau Symptom einer Krankheit sind, die in ihrem Herkunftsland nicht behandelt werden kann.