Die Ausstellung »Konflikte« im Hamburger Museum der Arbeit bleibt allzu beliebig

Ursachenforschung? Pustekuchen!

Die Ausstellung »Konflikte« im Museum der Arbeit in Hamburg verirrt sich in Beliebigkeit und verpasst damit die Chance, ihrem Thema wirklich auf den Grund zu gehen.

»Innere Konflikte«, »private Konflikte«, »Arbeitskonflikte« und »Gesellschaftskonflikte« – so sind die einzelnen Bereiche in der Sonderausstellung »Konflikte« im Museum der Arbeit in Hamburg ausgewiesen. Aber kaum dass die funktionale, für einen Industriebau typisch schlichte Stahltür zum dritten Stock des Museums geöffnet wird, geht es gleich in einem Raum voller Wolken, die offensichtlich Harmonie symbolisieren sollen. Anstatt aber das Naheliegende zu thematisieren – dass sich hinter inszenierter gesellschaftlicher Harmonie in der Regel Hierarchien, Ausbeutungsverhältnisse und Unterdrückung verstecken –, beginnt die Ausstellung mit Texttafeln zur Konflikttheorie. Da ist die Rede von »Rollen- und Beziehungskonflikten auf der intra- bzw. interpersonellen Ebene bis zu Macht- und Verteilungskämpfen innerhalb von Gesellschaften und Staaten«. Wer sich schon mal in Proseminaren der Soziologie herumgetrieben hat, wird sich an die Ausdrucksweise erinnern.

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Immerhin ist die Rede von »Unterschieden in der sozialen Lage« zwischen zwei Parteien, deren unterschiedliche »Interessenkonstellation« zum Konflikt führen könne. Und, welch bahnbrechende Erkenntnis: »Konflikte sind eher Motoren sozialen Wandels, denen eine integrierende Funktion zukommen kann, indem sie beispielsweise zu gerechteren sozialen Verhältnissen beitragen.«

Da ist die Rede von »Rollen- und Beziehungskonflikten auf der intra- bzw. interpersonellen Ebene bis zu Macht- und Verteilungskämpfen innerhalb von Gesellschaften und Staaten«. Wer sich schon mal in Proseminaren der Soziologie herumgetrieben hat, wird sich an die Ausdrucksweise erinnern.

Einen Hinweis auf den Anfangssatz des I. Abschnitts des Kommunistischen Manifests findet man hier nicht: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen«, schrieben Karl Marx und Friedrich Engels 1848. Obwohl es sich ja um das Museum der Arbeit handelt, ist in der gesamten Ausstellung über Konflikte nur einmal von »Klasse« die Rede, auf einer Texttafel zu einem Arbeitskonflikt im Hamburger Hafen. Patriarchat und Rassismus kommen auf keiner Texttafel vor – nur die neu gewählte Vorsitzende des DGB-Stadtverbands Hamburg, Tanja Chawla, erklärt in einem Videobetrag klipp und klar: Bei Lohndumping und Rassismus ist Schluss, da hat die Konfliktaustragung Grenzen.

Das Beste an der Ausstellung ist ihr Aufbau: Hinter offenen, in spitzem Winkel stehenden Trennwänden geht es in die einzelnen Bereiche. Aber hoppla, da sind ja acht Titelseiten des Magazins Der Spiegel aus den Jahren 1974 bis 2020 an der Wand aufgereiht, mit den Themen Jugendkrawalle, Mobbing, Terror gegen die Justiz, Wutbürger, Erbstreit, Klimawandel, Krieg um Frieden, Straßenkampf Auto gegen Rad. Die Aneinanderreihung wirkt etwas beliebig.

Direkt daneben an der Wand stehen zwei Obstkisten zum Thema »Zankapfel«, auf einer steht »Konflikt«, auf der anderen »Empörung«. Hier kann mitgemacht werden! Aus einer Obstkiste am Boden kann ein Kunstapfel entnommen werden: »Schreiben Sie auf einen Apfel, worüber aktuell kontrovers diskutiert wird, dann legen Sie den Apfel bei ›Konflikt‹ oder bei ›Empörung‹ ab.« So sieht echte Partizipation aus. Aber bei aller Oberflächlichkeit nicht vergessen: »Manch­mal empören sich Menschen auch nur.« Wenig überraschend sind dort bereits nach wenigen Ausstellungs­tagen Äpfel mit den üblichen Dampfplauderthemen beschriftet: Impfung, 2G, Corona, Anwohnerparkplätze in der Konfliktkiste, Maskenpflicht, Tierversuche, Ungeimpft, Gendersternchen in der Empörungskiste. So beliebig, dass die Körbe glatt austauschbar wären.

Von diesen »Inneren Konflikten« geht es weiter zu den »Privaten Konflikten«, und zwar im Stil von: »Aber Carla-Sophie hat den Grünkernbratling zermatscht!« – »Nein, Finn-Oke hat zuerst mit Sojamilch gespritzt!« Ein paar Kinderbücher zum Thema Streitschlichtung, das war’s mit der Pädagogik. Klar, um Konflikte in der Liebesbeziehung geht es auch: Worüber wird gestritten, warum trennt man sich? Statistik! Häufigster Grund für Trennung: »Partner hat eine längere Affäre.« Überraschung! Häufigster Grund für Streit bei Paaren: Un-/Ordnung. Quellen: Elite-Partner, die Vermittlungsfirma für Singles, und die Zeitschrift Brigitte. Aber da fehlt doch noch was? Richtig, das Familienleben! Dieses wird am beliebtesten Ort für Showdowns der Erziehung gezeigt: Am Esstisch kommandiert eine blondierte Mutter auf dem Videobildschirm vor gedeckten Tellern.

Ähnlich tiefschürfend und überraschend ist auch der nächste Bereich mit dem Thema Konflikte am Arbeitsplatz. Wieder darf man sich scheinbar mitgestaltend betätigen, aus vorgegebenen Wörtern ist eine Antwort auf Sätze wie »So ein Mist! Der Termin ist verpasst!« zurechtzulegen. Beispiel: »Nächstes Mal brauche ich mehr Planungssicherheit.« Weitere Wortstanzen: »Im Vorfeld Bescheid« / »mit genug Vorlauf ein« / früher die Information«.

Die halbe Ausstellungsfläche ist durchlaufen. Ab jetzt geht es um »Arbeitskonflikte« und »Gesellschaftskonflikte«. Wobei das Politische eigentlich privat ist, glaubt man der einleitenden Texttafel: »Moderne Arbeitskonflikte werden heute vor allem, fast verborgen, in den unzähligen Streits mit Kollegen, Kunden und der Partnerin/dem Partner ausgetragen.« Was ist schon ein Streik gegen den Streit um Heizen und Lüften im Großraumbüro! Wie unbedeutend ist eine Betriebsratswahl gegen das zu laute Telefonieren! Und der laute Tastenanschlag der Kollegin ist nun wirklich wichtiger als die Übernahme der Auszubildenden.

Dann endlich, Tusch: »Arbeitskampf im Hafen«. Schön und bedacht ausgewählt geht es mit dem Hamburger Seeleute- und Hafenarbeiterstreik von 1896/97 los: Der dauerte elf Wochen und war einer der bedeutendsten Arbeitskonflikte der Kaiserzeit. Er endete mit einer Niederlage, aber einem kulturellen Umbruch hin zu Solidarität untereinander und der verbreiteten Erkenntnis, dass eine starke gewerkschaftliche Gegenmacht unerlässlich ist.

1929 drehte Werner Hochbaum den Spielfilm »Brüder« über diesen Streik, im Auftrag der Gewerkschaft der Hafenarbeiter, mit Unterstützung der SPD. Hauptsächlich spielten ­Hafenarbeiter darin sich selbst. Ausschnitte aus dem Film werden in der Ausstellung gezeigt. Dazu gibt es Fotos von den damaligen elendigen und beengten Wohnverhältnissen nahe dem Hafen zu sehen. Eine kunstvoll bestickte rote Fahne des Fachvereins der Segelmacher ist ausgestellt, mit einem prächtigen Dreimaster vor der aufgehenden Sonne (des Sozialismus).

Zum heftigen, sich von 2001 bis 2013 hinziehenden Konflikt um die EU-Richtlinien »Port Package I und II« gibt es Fotos und Tafeln: Die EU-Kommission wollte das Entladen von Containerschiffen deregulieren und so die ökonomische Macht der Hafenarbeiter brechen. Der Vorstoß scheiterte. Aber immer wieder geht es, wie Hafenarbeiter auf einem Foto von 2020 fordern, darum: »Laschen ist Hafenarbeit.« Laschen ist das Befestigen und Lösen der Container, bei dem lebensgefährliche Unfälle passieren können.

Der Abschnitt zur Hafenarbeit ist zu klein, um etwa die Arbeit des ­Laschens zu erklären. Gleich geht es weiter mit »Gesellschaftskonflikten« in Hamburg: Zu den 1987 vor der Räumung stehenden, damals ­besetzten Häusern an der Hafenstraße gibt es eine Reihe mit 16 bewegenden Fotos von Mike Schröder, die Demonstrationen, Barrikaden und die Auseinandersetzungen Demonstrierender mit der Polizei zeigen. Es geht auch um die Räumung der so­genannten Esso-Häuser im Stadtteil St. Pauli 2014 zugunsten eines mehr Rendite versprechenden Neubaus privater Investoren. An einer Wand sind auf zwölf Porträtfotos von CP Krenkler ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner der Esso-Häuser zu sehen, die ausziehen mussten.

Die städtischen Konflikte um Wohnraum in Hamburg wären eine eigene Ausstellung wert. Zwar gibt es zwei ästhetisch wie inhaltlich radikale Videofilme: »Es regnet Kaviar« von Margit Czenki und den Musik-Clip »Echohäuser« von Frank Egel. Aber insgesamt werden die jeweiligen Konflikte nur angerissen. Da geht es mit »Park Fiction« auch noch kurz um den erfolgreichen Kampf für einen Park am Elbufer (statt dort geplanter repräsentativer Konzernzentralen). Aber es bleibt vieles unerklärt und ungezeigt, was dazugehört. Die Proteste beim G20-Gipfel in Hamburg 2017 werden zusammen mit Bildern der Räumung der besetzten Häuser in der Berliner Rigaer Straße in einem kleinen Schaukasten abgehandelt: Pflastersteine neben Megaphon drapiert. Am Schluss ist noch der Protest gegen den Klimawandel drangeklatscht, Bilder von »Fridays for Future«-Demonstrationen, dazu Klimatabellen, einmal im Schnelldurchlauf.

Dass die Ausstellung ihr Thema in eben diesem Schnelldurchlauf abhandelt, ist umso enttäuschender, da die Dauerausstellung des Museums der Arbeit solide und gründlich ausgearbeitet ist. In dem ehemaligen Fabrikgebäude der 1870 gegründeten New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie, in dem früher Hartkämme hergestellt wurden, wird ­Industriegeschichte dargelegt.

Der Ausstellung hätte auch gutgetan, wenn man den Konflikt um die Gründung des Museums der Arbeit selbst zum Thema gemacht hätte. Jahrzehntelang verlangten Hamburgs Gewerkschaften ein Museum der Arbeit, 1979 richtete die DGB-Kreisdelegiertenkonferenz eine entsprechende Resolution an den Hamburger Senat. Schließlich platzte dem damaligen Hamburger DGB-Vorsitzenden Erhard Pumm der Kragen: »Ich fordere den Senat auf, geben sie uns endlich unser Museum der Arbeit!« Doch Hamburgs Regierung blieb untätig, obwohl in der Hansestadt ein Industriebetrieb nach dem anderen geschlossen wurde. Den Gründungsbeschluss fasste der Senat erst 1991 und nur mit hauchdünner Mehrheit. 1997 wurde das Museum offiziell eröffnet.

Das wäre ein lehrreicher Konflikt für die Ausstellung gewesen, über letztlich erfolgreichen Druck. Dass in Konflikten Widersprüche zutage treten, die in den gesellschaftlichen Verhältnissen immer schon angelegt sind, ist in der Ausstellung gar kein Thema. Und deshalb auch nicht die Frage, woraus sich Konflikte entwickeln.

»Konflikte. Die Ausstellung« ist noch bis zum 8. Mai 2022 im Museum der Arbeit in Hamburg zu sehen.