Die privaten Aufzeichnungen der Kriminalautorin Patricia Highsmith

Die zwei Gesichter der Highsmith

Die Tagebücher der US-amerikanischen Schriftstellerin Patricia Highsmith werden viele ihrer Fans befremden. Sie zeichnen das Bild einer misanthropischen und antisemitischen Frau, zeugen aber auch von einer atemberaubenden Arbeitsdisziplin.

Am 14. Januar 1991, fünf Tage vor ihrem 70. Geburtstag und zwei Tage vor Beginn der militärischen Intervention der USA im Irak, notierte Patricia Highsmith in ihrem Tagebuch: »Die angenehme Pause dauert an, aber heute ist der Vorabend des von Bush gesetzten Ultimatums für Saddam Husseins Abzug aus Kuwait. Saddam schwört, dass er bis zum Tod kämpfen wird. (…) Reichlich Heuchelei und Macho-Gehabe von Bush. PLO hat sich auf die Seite Saddams geschlagen, und wer kann es ihnen verdenken? (Juden natürlich.)« Wie sie die »Juden«, die allein der Generalvernunft des palästinensischen Terrors im Wege ständen, in Klammern setzte, so klammerte Highsmith einen Monat zuvor, in einem Eintrag vom 13. Dezember 1990, die eigene hirntote Mutter ein, als sie schrieb: »Meine Mutter stirbt deshalb nicht, weil sie schon seit ungefähr elf Jahren tot ist. (Hirntot. Keine Freude an Klängen, Musik, Lesen, Fernsehen, Unterhaltung mit Besuchern.) Wie tot kann man sein? Es ist eine Beleidigung für einen Menschen – kein Gefallen –, ihn unter solchen Umständen am Leben zu erhalten. Außerdem ist es eine Belastung für den Staat, der 45 Prozent, und für mich, die 55 Prozent zahlt – seit Jahren und ohne ein Ende in Sicht.«

Highsmith war keine politische Schriftstellerin, sondern eine Spannungsautorin, deren Bücher nach einem rigiden Zeittakt entstanden. Täglich absolvierte Zeichen- und Seitenzahlen wurden buchhalterisch vermerkt.

Das Ende kam dann trotzdem bald. Highsmiths Mutter, die Graphikerin und Zeichnerin Mary Coates Plangman, die sich kurz vor Patricias Geburt von deren leiblichem Vater getrennt hatte und zu der die Schriftstellerin eine Liebe-Hass-Beziehung unterhielt, starb 1991 im ­Alter von 95 Jahren. Dass sie der Tochter, bevor diese zur Welt kam, den biologischen Vater entzogen und ihn durch einen Stiefvater ersetzt hatte, nahm ihr Highsmith ein Leben lang übel. Die Behauptung, die Mutter sei schon lange tot, obwohl sie in Wahrheit ohne Anteilnahme der Tochter in Heimen vegetierte, war insofern die Rationali­sierung eines unausgetragenen Ambivalenzkonflikts.

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Alle Themen, die einem in den späten Einträgen aus Highsmiths ­Tagebüchern begegnen, ziehen sich teils jahrzehntelang durch ihre Aufzeichnungen, etwa die Verachtung der Mutter, der sie sich nur aus angelernter Loyalität verpflichtet fühlte; die Befürwortung von Sterbehilfe, die bis in die Entwurfsskizzen für ihre Erzählungen hineinreicht (»Die Katze eines Mannes fängt an, ihn zu meiden, als er im Sterben liegt. Es ermöglicht ihm, leichter zu sterben.«); die Neigung, andere Menschen per se als Hindernis des eigenen Lebens aufzufassen (»Die Menschheit (ist) aufgrund von Überbevölkerung und Dummheit so widerlich geworden«); der Hass auf die amerikanisierte, ­dekadente Zivilisation, der der Untergang zu wünschen sei (»Der Boden unter Las Vegas sackt ab. (…) Was für ein wunderbares Ende, wenn die ganze korrupte Stadt mitsamt ihren Prostituierten, Bars und Casinos im Wüstensand versinken würde, beschmiert von ihren eigenen Exkrementen«); und schließlich die paranoide Beschäftigung mit einem angeblich weltbeherrschenden Judentum, dessen jüngstes Opfer das »palästinensische Volk« sei, dessen »Kampf um die Rückgewinnung eines Teils (seiner) Heimat« Highsmith 1983 ihren Roman »Leute, die an die Tür klopfen« widmete.

In diesem geht es um Mitglieder einer evangelikalen Sekte, die sich mit Kenntnis solcher Hintergründe als Deckfiguren jener »Juden« ­dechiffrieren ließen, von denen High­smith sich und die Welt umzingelt glaubte. Trotzdem kommen in dem Roman selbst weder Juden noch ­Israel vor. Auch in anderen ihrer Bücher wird man keine Apologie von ­Euthanasie, keine Szenarien vom Untergang der Menschheit durch Überbevölkerung oder Parteinahmen in außenpolitischen Konflikten erkennen können. Highsmith war keine politische Schriftstellerin, sondern eine Spannungsautorin, deren Bücher nach einem rigiden Zeittakt ent­standen. Täglich absolvierte Zeichen- und Seitenzahlen wurden buch­halterisch vermerkt, jeder Roman folgte einem schematisierten ­Arbeitsplan, dessen Grundlagen sie in ihrem 1966 erschienenen Werkstattbuch »Suspense« dargestellt hat: Das Buch begann immer mit einem »Ideenkeim«, einem aus Zeitungsnotizen, Anekdoten oder Lektüre bezogenen Einfall, aus dem High­smith zunächst in Form einer Kurzgeschichte den Plot des Romans entwickelte.

Um die Handlung auf Romanlänge zu entfalten, nutzte Highsmith die »Haken« des Textes, also das, woran man hängenbleibt, wenn man die Schlüssigkeit prüft. In dem Skript angelegte Unstimmigkeiten, Widersprüche und Brüche, die zunächst subkutan blieben, wurden heraus­gearbeitet und traten in den Mittelpunkt, nahmen in zusätzlichen ­Figuren, Nebenhandlungen und für die Autorin selbst überraschenden Handlungsumschlägen Gestalt an. Der Roman unterschied sich für Highsmith vom »Keim« nicht nur durch Umfang und größere Kom­plexität, sondern dadurch, dass er dem Inkommensurablen, Unberechenbaren, das im »Keim« angelegt ist, Form verlieh. Romane zu schreiben, bedeutete für sie, das Untergründige und Formlose, das ihrer Arbeit als Triebkraft zugrunde lag, in sprachliche und dramaturgische Klarheit zu überführen.

Die Anglistin Anna von Planta, die nun im Diogenes-Verlag eine Auswahl aus Highsmiths Tagebüchern und Notizheften herausgegeben hat, welche schon in ihrer stark verknappten Form 1 500 Druckseiten umfasst, hat ein Konstruktions­prinzip gewählt, das dem von High­smith ähnelt. Gegliedert nach ­Lebensabschnitten, von den frühen Jahren in Texas und New York über die Zeit in England und Frankreich bis zu ihrem Tod im Tessin 1995, werden die Aufzeichnungen in einer Weise choreographiert, die fast eine Biographie in Selbstzeugnissen ent­stehen lässt. Vorbemerkungen zu den Kapiteln, ein Fußnotenapparat und ein Register erlauben es, über Highsmiths bis zum Zerreißen an­gespannte Kontakte zu Kollegen, ­Familienangehörigen, männliche Freund- und lesbische Liebschaften nicht den Überblick zu verlieren.

Dass die Ausgabe sich eher zum Blättern als zum Durcharbeiten ­anbietet, liegt am Charakter dessen, was sie präsentiert. Denn in Wahrheit stellen sich Highsmiths Notiz- und Tagebücher als Gegenprogramm zu ihrer Romanpoetik dar. Zielte die Ästhetik des »Keims«, der durch seine Entwicklung Unbearbeitetes, Verdrängtes nicht nur ausdrückt, sondern bändigt, psychoökonomisch ­darauf, den Obsessionen, blinden Idiosynkrasien und paranoiden Ängsten, die die Autorin plagten und erregten, produktiv Einhalt zu ge­bieten, so geschieht in den Aufzeichnungen das Gegenteil. Ressentiments und Selbstzerfleischungen wird haltlos und extensiv Raum ­gewährt. Über Jahrzehnte hinweg stößt man, wo immer man den Band aufschlägt, auf misanthropische Räsonnements und zivilisationsfeindliche Hasstiraden gegen unterschiedliche Gruppen: »Punks. (…) Ist es etwa eine Leistung, den New Yorker Washington Square in einen Schweinestall verwandelt zu haben?« – »Frauen sind in den meisten Gesellschaften, alten wie neuen, ­Sexobjekte, menschliche Spucknäpfe.« – Finales Hassobjekt sind immer »die Juden«: »Jüdische Einstellungen im Jahr 1982. Nicht einmal bei den Deutschen bestimmt die Rasse so vollkommen das Verhalten des Einzelnen. Antisemitismus. Sie geben vor, ihn abzulehnen und zu bekämpfen, dabei brauchen sie ihn wirklich (…) Dank Hitler können sie an die Sympathie und Nächstenliebe aller appellieren«.

So geht es endlos weiter, ohne dass Anlass und Motivation der Anwürfe konkretisierbar wären, immer unterbrochen von selbstquälerischen Beschäftigungen mit Trennungen von Liebhaberinnen und mit verleugneten sexuellen Sehnsüchten (ein leitmotivisches Wort ist »Hadern«). Ein wirkliches Bild von Highsmiths Leben seit ihren Jugendjahren erschließt sich daraus nicht, jedenfalls nicht dem, der nicht die Biographie von Joan Schenkar gelesen hat, die in einer Nachbemerkung zu der Edition Notizen über Highsmiths Beziehungen zu Frauen nachliefert. Der unvorbereitete Leser gewinnt den Eindruck, dass für Highsmiths Arbeit ihre zurückgestauten Obsessionen, Frustrationen und Projektionen, die sich hier vermittlungslos Bahn brechen, eine ähnliche Kraftquelle gewesen sein müssen wie für Thomas Mann seine Verdauungsstörungen. Aber das spricht, bei aller Unerträglichkeit ihrer Ressentiments, nicht gegen Highsmith als Autorin, sondern für ihre Fähigkeit, das Unerträgliche an sich selbst mit einer Disziplin zu bearbeiten, die ihresgleichen sucht.

Patricia Highsmith: Tage- und Notiz­bücher. Herausgegeben von Anna von Planta. Aus dem amerikanischen ­Englisch von Melanie Walz, Pociao, Anna-Nina Kroll, Marion Hertle und Peter ­Torberg. ­Diogenes-Verlag, Zürich 2021, 1 376 Seiten, 32 Euro