Homestory

Homestory #47

»Alle reden vom Wetter. Wir nicht«, verkündete der SDS vor Urzeiten, irgendwann in den Sechzigern, kurz bevor es ’67 ff. in den morschen Gemäuern des Spätkapitalismus ernsthaft zu rumpeln begann. Gute alte Zeit, als sich die »große Verweigerung« (Herbert Marcuse) und die Kraft der bestimmten Negation Bahn zu brechen begannen! Heutzutage ist, auch in den Kreisen der subversivsten Subversion, das Motto: »Alle reden vom Virus. Wir auch.« Und dann geht es los mit dem offenbar unerschöpflichen Thema, das allüberall für gute Laune sorgt.

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Es ist ein wahres Gewimmel von Diskursen und Narrativen, mal weniger, meist mehr verstrahlter Art. Wo gibt’s den ultimativen Booster? Kann man sich den bereits eine Woche nach der Zweitimpfung verpassen lassen? Sind’s eher Nazis, die als ungeimpfte ­Superspreader durch die Gegend hufen, wie beispielsweise in Sachsen, oder eher Esos wie in Baden-Württemberg? Ist die counter ­culture (»California Über Alles«, die Älteren erinnern sich …) anthroposophisch durchgedreht? Ist der Stalinismus dafür verantwortlich, dass das gesellschaftliche Urvertrauen in den Staat von einem überschießenden Misstrauen gegenüber medizinischen Institutionen abgelöst wurde? Hat die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft nicht den Wissenschaftsbegriff selbst ­unwiderruflich korrumpiert und damit letztlich zur antisozialen Impfverweigerung geführt? Ist daran die kapitalistische Tendenz zur ultraindividualistischen Selbstoptimierung via Avocado-Diät schuld, inklusive dem dirty dozen von millionenfach gelikten Wellness-Influencern, die Online-Kurse gegen die pandemieerzeugende »Selbstsabotage« verscherbeln? Oder nicht vielmehr der Kapitallahismus im Taliban-Style mit seinen legendären Antiimpfkam­pagnen? Und schließlich: Cui bono? Wem nützt das Virus?

Fragen über Fragen, auf die es überall Antworten gibt, eine diverser als die andere, insgesamt ein munteres gesellschaftliches Grundrauschen. Um sich daran zu beteiligen, schalten Sie einfach die Glotze oder das Radio an. Oder greifen Sie zu Ihrer kleinen, aber feinen Lieblingszeitung. Die Zeit der großen Verweigerung ist schließlich schon lange vorbei.