Die Hallen des Humboldt-Forums in Berlin

Aufgebaut auf Ruinen

Die im neu gebauten Humboldt-Forum in Berlin beherbergten Museen und Ausstellungen beschäftigen sich kaum mit der Geschichte des symbol­trächtigen Ortes.
Reportage Von

Drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der DDR ist im Zentrum der deutschen Hauptstadt die hergebrachte städtebauliche Ordnung wiederhergestellt. Gegenüber dem Berliner Dom, einem klobigen Repräsentationsbau im Stil des Neobarock und der Neorenaissance aus der Wilhelminischen Ära, erhebt sich im herbstlichen Sonnenschein hellstrahlend eine Barockfassade. Die­se ist frei von den für alte Gebäude in Berlin typischen Spuren von Abgasen, Regen und Krieg. Auch hat noch niemand ein Graffito an ihr hinterlassen. Gut sichtbar installierte Überwachungskameras sollen dafür sorgen, dass das so bleibt. Diese Wand ist nicht frisch restauriert worden, sondern gehört zu einem Neubau, der dauerhaft einen epochalen politischen Umbruch architektonisch unterstreichen soll.

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Von 1976 bis 2006 – der Abriss dauerte noch bis Ende 2008 – stand an dieser Stelle der Palast der Republik. Dieser hatte den Sitz der Volkskammer, des Parlaments der Deutschen Demokratischen Republik, mit einem großen und üppig ausgestatteten Kulturzentrum vereint und sollte den Staat so repräsentieren, wie ihn die politische Führung sich vorstellte: als Land, das Demokratie dergestalt verwirklicht, dass es Arbeiterinnen und Arbeitern den Zugang zu Bildung, Kultur und hellen, warmen Wohnungen mit individuellem Wasseranschluss ermöglicht.

Die Ausstellung von dem Be­mühen gekennzeichnet, die Objekte als Ausdruck kreativen Schaffens ernstzunehmen und Gesellschaften, aus denen sie stammen, nicht mehr als »primitiv« verächtlich zu machen.

Um für ihren zentralen Repräsentationsbau Platz zu schaffen, hatte die Führung der DDR die Reste des im Zweiten Weltkrieg zerstörten und 1950 gesprengten Berliner Stadtschlosses abräumen lassen, des Sitzes der brandenburgischen Kurfürsten, preußischen Könige und später der Kaiser aus der Familie Hohenzollern. Erhalten blieben lediglich Fassadenteile, aus denen das Portal IV des Stadtschlosses nachgebildet wurde. Auf dessen Balkon hatte Karl Liebknecht am 9. November 1918 die freie sozialistische Republik Deutschland ausgerufen. Doch zu einer solchen kam es damals bekanntlich nicht. Um zu betonen, dass die Gründung der DDR jene Ankündigung endlich verwirkliche, wurde jenes nachgebildete Portal in das neben dem Palast der Republik gelegene Staatsratsgebäude, den Sitz der DDR-Regierung, integriert. Das Gebäude steht bis heute.

Die Frage, was mit Repräsentationsbauten der DDR geschehen sollte, stellte sich nach der Wende in der neuen gesamtdeutschen Hauptstadt besonders drängend. Die Debatten spitzen sich auf den Palast der Republik zu, der das Versprechen des deutschen Realsozialismus in einem Maße verkörperte, wie er es nie erfüllen konnte. Befürworter und Gegner seines Erhalts lieferten sich hitzige Diskussionen, es gab Demon­strationen und Feuilleton-Schlachten. 1992 gründete der konservative Unternehmer Wilhelm von Boddien den Förderverein Berliner Schloss e. V., der unter anderem mit einer riesenhaften Simulation der Schlossfassade auf ­Gerüsten für die Wiedererrichtung des Stadtschlosses warb.

Mit dem Umzug des Bundestages ins Berliner Reichstagsgebäude 1999 wurde die Frage nach der weiteren Zukunft dieser Immobilie dringlicher. Im Dezember 2001 schlug eine von der Bundesregierung und dem Berliner Senat einberufene Expertenkommission vor, den Palast abzureißen und einen Nachbau des Stadtschlosses zu errichten. Im Jahr darauf beschloss der Bundestag die Errichtung eines Schlossnachbaus. Als Zugeständnis an die Kritiker sollte das zu errichtende Gebäude jedoch nur die Fassade des Schlosses nachbilden, innen sollte es ein modernes Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum darstellen, das »Humboldt Forum« (Eigenschreibweise). Über dessen genaue Ausgestaltung wurde in den Jahren danach intensiv weiter gestritten.

Kolonialismus statt Realsozialismus
20 Jahre nach der Entscheidung, den Palast der Republik abzureißen und eine Kopie des Stadtschlosses zu errichten, ist dieses Bauwerk vollendet. Am 20. Juli 2021 wurde es für Besucher geöffnet. Dass sich in den beiden vergangenen Jahrzehnten die Debatten verändert haben, wird bei einem werktäglichen Besuch dort schnell deutlich. Am ­Vormittag bevölkern Schulklassen, bildungsbürgerliche Rentnerinnen und Rentner und einige wenige – die »vierte Welle« der Covid-19-Pandemie hat gerade mit Wucht eingesetzt – ausländische Touristinnen und Touristen den Innenhof.

Die Führerin einer Grundschulklasse erklärt den Kindern, wie Kartoffeln, Tomaten, Kakao und Kaffee, aber auch viele Kunstwerke aus Asien, Afrika und Amerika nach Europa kamen. »Weiße Männer« seien gekommen und hätten diese mitgenommen. Hier ist nicht mehr die Überwindung der realsozialistischen Diktatur und der Umgang mit ihren baulichen, kulturellen und ideologischen Hinterlassenschaften das Thema, sondern der Umgang mit der europäischen und deutschen Kolonialgeschichte. Denn das zuvor im Berlin Stadtteil Dahlem beheimatete Museum für Völkerkunde, das erst 2000 in Ethnologisches Museum umbenannt wurde, und das ebenfalls dort ansässige Museum für Asiatische Kunst sind in das Humboldt-Forum verlegt worden. Die Entscheidung für die Präsentation dieser Sammlungen im Zentrum der deutschen Hauptstadt verschaffte internationalen Debatten über die Kolonialgeschichte und die Ausstellung von Kulturgütern aus vormaligen Kolonien in europäischen Museen zusätzliche Relevanz, auch für die Berliner Museen.

Das Thema begleitet Besucherinnen und Besucher fast durch das ganze Gebäude. Hat man dieses erst einmal betreten, ist vom barocken Preußen nicht mehr viel zu sehen. Vorbei an einer unter eine Treppe gequetschten lieblosen Präsentation zu den Namensgebern der Einrichtung, den Gebrüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt, erreicht man eine große, lichte Eingangshalle. Von hier aus führen Rolltreppen in den zweiten Stock zum Ethnologischen Museum und in den dritten zum Museum für Asiatische Kunst. In den Fluren finden sich unter dem Label »Geschichte des Ortes« verstreut Objekte aus dem Palast der Republik, Hinweisschilder, Geschirr, der Monitor einer Überwachungskamera, aber auch das dort einst ausgestellte Bild »Guten Tag« des Malers Wolfgang Mattheuer. Beutekunst eigener Art.

Boot von der Insel Luf (heute Papua-Neuguinea)

Boot von der Insel Luf (heute Papua-Neuguinea), deren Bevölkerung zur Jahreswende 1882/83 Opfer einer deutschen Strafexpedition wurde

Bild:
Marek Winter

Die Thematisierung ihrer kolonialen Erwerbsgeschichte umklammert die Präsentation der Sammlungen. Dass eine konkrete Auseinandersetzung um die Provenienz besonders prominenter Einzelstücke erst auf äußeren Druck zustande kam, wird an den provisorisch anmutenden Schildchen deutlich, die die Erwerbsgeschichte und den rechtlichen Status einzelner Exponate thematisieren. Die Präsentation gibt den oft spektakulären Ausstellungstücken viel Platz und Licht, die gerade große Exponate des Ethnologischen Museums, die aus wenig verfeinerten Naturmaterialien gefertigt sind, eine rohe Wucht entfalten lässt. Die inspirierende Wirkung, die Werke aus afrikanischen und ozeanischen Kontexten für europäische Künstlerinnen und Künstler Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entfalteten, wird so nachvollziehbar. Allgemein ist die Ausstellung von dem Bemühen gekennzeichnet, die Objekte als Ausdruck kreativen Schaffens ernst zu nehmen und Gesellschaften, aus denen sie stammen, nicht mehr als »primitiv« verächtlich zu machen.

Ergänzt werden die historischen ­Exponate von modernen Kunstwerken, Videoterminals und Leseecken, die Ansichten und Meinungen der Ursprungsgesellschaften in die Ausstellung integrieren sollen. Doch neben der sinnlichen Erfahrung kommt die Vermittlung von Wissen oft zu kurz. Zwar erfährt man, welche Funktion die Exponate einst hatten, und kann sich eine oberflächliche Vorstellung der politischen, manchmal auch ökonomischen Struktur der Ursprungsgesellschaften erschließen, doch werden diese vor allem im Hinblick darauf beschrieben, welche Auswirkungen die Kolonisierung durch die Europäer hatte, die auch zum Erwerb der jeweiligen Stücke führte.

Entwicklungen und Konflikte in diesen Gesellschaften werden kaum thematisiert, sie bleiben auf eigenartige Weise geschichtslos. Das birgt die Gefahr einer Idealisierung durch den Kolonialismus zerstörter Gesellschaftsstrukturen in sich, eine postkoloniale Revitalisierung des Bilds vom »edlen Wilden«.

Zwischen Reiz und Langeweile
Das ist umso ärgerlicher, als sich dem Reiz der Objekte kaum jemand entziehen kann, wie sich beim Gang durch die Räume beobachten lässt. Im Museum für Asiatische Kunst erklärt eine Reinigungskraft vermutlich fernöstlicher Herkunft ihrer aus Osteuropa stammenden Kollegin ein Exponat. Sicherheitsleute diskutieren über die Funktionsweise ausgestellter Musikin­strumente. Obwohl die Eröffnung des Humboldt-Forums schon mehr als ein Vierteljahr zurücklegt, merkt man, dass hier noch keine Routine eingezogen ist. Das liegt nicht nur an den noch nach frischer Farbe riechenden Wänden. Alarmanlagen piepsen grundlos vor sich hin, Fahrstühle funktionieren nicht, Gruppen von Beschäftigten von Rezeption über Reinigung bis zum Wachschutz werden in den Ausstellungsräumen in ihre Aufgaben eingewiesen.

Dass ein Besuch in den ersten 100 Tagen keinen Eintritt kostet, dürf­te auch daran liegen, dass hier eine Erprobung im Betrieb stattfindet.
Um den Kern der beiden Museen he­rum gruppieren sich kleinere, teils temporäre Ausstellungen. Die Berliner Humboldt-Universität hat mit dem Humboldt-Labor ihren eigenen Showroom. Die Eröffnungsausstellung »Nach der Natur« versucht, »in Form einer modernen Wunderkammer eine große Bandbreite an Forschungsansätzen« zu aktuellen sozialen, politischen und ökologischen Krisen zu präsentieren, ohne dass sich dabei jedoch ein zusammenhängendes Bild oder auch nur ein paar interessante Gedanken erschlössen. Modernstes Ausstellungsdesign trifft auf akademische Langeweile. Die Ausstellung »Schrecklich schön. Elefant – Mensch – Elfenbein«, die sich kunstgeschichtlich mit dem Material Elfenbein beschäftigt, dies aber mit der Kritik an dessen Gewinnung verbindet, erscheint da schon gelungener.

Wer im Humboldt-Forum eine wenig Preußenseligkeit (und die Abscheu vor Kommunisten) pflegen will, muss sich in den Keller oder auf die Dachterrasse begeben.

Das Berliner Stadtmuseum, ebenfalls unter das Dach des Humboldt-Forums gequetscht, liefert mit der Präsentation »Berlin global« eine gelungene Übung im Stadtmarketing ab. Hip, partizipativ, divers und quietschbunt wird erzählt, wie Berlin durch seine schwierige Geschichte zur total spannenden, global vernetzten Metropole wurde. Das hier ersichtliche Bemühen, Attraktion im Städtetourismus zu sein, die allzu konsumentengerechte Präsentation von Wissen und Diskurs, kann man in den Läden des Forums mit Händen greifen. Diese erscheinen als Mischung aus gehobenem Eine-Welt-Laden und Touristennepp. Neben von migrantischen Arbeiterinnen handgeknüpftem Schmuck aus einem sozial engagierten Unternehmen und fair gehandeltem Kunsthandwerk gibt es Kühlschrankmagnete mit dem Bild des Palasts der Republik und »garantiert echte« Bröckchen der Berliner Mauer. In den Bücherregalen finden sich Titel zur Geschichte des Stadtschlosses und Bücher zur Diskussion über Kolonialismus und Raubkunst sowie aktuelle Werke postkolonialer und kritisch-weißer Autorinnen. Aber auch traditioneller eingestellte Kundinnen und Kunden, die kommen, um das Stadtschloss zu sehen, werden bedacht. In einer Ecke ist die Königlich Preußische Porzellanmanufaktur Berlin mit ihren Produkten für wohlhabende Hohenzollern-Nostalgiker vertreten, darunter Büsten von Friedrich II. und Königin Luise.

Spenden für Kreuz und Herrschaft
Wer im Humboldt-Forum selbst eine wenig Preußenseligkeit (und die Abscheu vor Kommunisten) pflegen will, muss sich in den Keller oder auf die Dachterrasse begeben. Im Keller lassen sich die Originalfundamente des Schlosses, Lagerräume und Krater besichtigen, die bei dessen Sprengung entstanden. Von der Dachterrasse hat man einen beeindruckenden Blick über Berlin, kann aber auch die Kuppel mit goldenem Kreuz und den sie umlaufenden Spruch bewundern: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.«

Kuppel und Kreuz wurden dem originalen Stadtschloss erst Mitte des 19. Jahrhunderts hinzugefügt, um zu betonen, dass der seit 1840 herrschende König Friedrich Wilhelm IV. an seinem Anspruch auf Gottesgnadentum festhielt. 1854 fertiggestellt, waren sie Ausdruck des Scheiterns der Revolution von 1848. Die Errichtung ihrer Kopie, die 2020 abgeschlossen wurde, war umstritten, weil sie ein Gebäude, das Sammlungen aus verschiedenen Kulturen der Welt beinhaltet, mit dem Symbol christlichen Herrschaftsanspruches im wahrsten Sinne des Wortes krönt. Die Kuppel wurde durch einen anonymen Großspender finanziert, das Kreuz durch eine Millionenspende von Maren Otto, der Inhaberin des gleichnamigen Versandhauses.

An die Spenderinnen und Spender, die die Wiederherstellung der preußischen Machtsymbolik in der Mitte Berlins mit mindestens einer Million Euro unterstützten, erinnern im Durchgang zum noch im Bau befindlichen Schlossplatz zwölf Gedenkplaketten. Der Anteil der Namen mit dem Adeslzusatz »von« ist hoch, die Stiftung des Puddingfabrikanten Rudolf-August Oetker mit seiner einschlägigen SS-Vergangenheit sowie der Verleger Hubert Burda und sein Sohn Jacob sind ebenso darunter. Eine der Tafeln wird demnächst wohl ver
schwinden. Im Oktober berichtete der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt im Berliner Tagesspiegel, dass der 2016 verstorbene Bankier Ehrhardt Bödecker, der unter anderem im Brandenburgischen Wustrau ein privates Preußen-Museum betrieb und den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses maßgeblich unterstützt hatte, sich in rechtsextremen Kreisen bewegt, in Artikeln den Ausschluss von Juden aus der kaiserlichen Armee gerechtfertigt und das Ausmaß der Shoah bezweifelt hatte.

Wer wollte, konnte sich freilich schon vor 20 Jahren über die politischen Positionen derer informieren, sie sich für die Wiedererrichtung preußischer Machtarchitektur einsetzten. Allerdings interessierte es damals, als es darum ging, repräsentative Spuren der DDR zu tilgen, niemanden. Nach der Veröffentlichung Oswalts bat jetzt die Familie Bödeckers, die sich betroffen und überrascht gab, die entsprechende Tafel zu entfernen. Die reaktionären Ideen ihrer Altvorderen, die den Bau der Berliner Stadtschlosskopie maßgeblich motivierten, scheinen zumindest Teilen der deutschen Bourgeoisie mittlerweile peinlich zu sein.