Ein Gespräch mit Dan Wolf Meyrowitsch über den jüdisch-muslimischen Motorradclub MuJu & Co.

»In gewisser Weise könnten wir Hippies sein«

Der dänische Motorradclub MuJu & Co. ist der erste auf der Welt, in dem Juden und Muslime gemeinsam auf Tour gehen. Clubpräsident Dan Wolf Meyrowitsch erzählt im Interview mit der »Jungle World«, was den ikonischen Status des Motorrads ausmacht, welche politischen Ziele die Mitglieder verfolgen und was es mit dem Clubemblem, einer abgewandelten Hamsa, auf sich hat.
Interview Von

Sie arbeiten als Assistenzprofessor im Department of Public Health der Universität Kopenhagen. Wie kamen Sie zur Biker-Kultur?

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Ich habe meinen Führerschein in meinen Zwanzigern gemacht und Motorräder zunächst als Transportmittel verwendet – als etwas Praktisches. Ich begann dann, im Ausland zu leben und zu arbeiten, unter anderem in Westafrika, wo ich auf das Motorrad angewiesen war, um auf schlechten Straßen rumzukommen. Später zog ich nach Ostafrika und nutzte das Motorrad, um Gemeinden in abgelegenen ländlichen Regionen zu erreichen. Mir war gleichwohl sehr früh bewusst, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Motorradclubs entstanden waren, welchen Einfluss die Motorradkultur in Großbritannien in den fünfziger und sechziger Jahren hatte und was daraus für Spannungen resultierten, unter anderem zwischen Bikern und Mods. Für viele Menschen hat das Motorrad nach wie vor eine wichtige gegenkulturelle Bedeutung, auch wenn das auf sehr unterschiedliche Weisen ausgelegt wird.

»Wir patrouillierten auf jüdischen Friedhöfen, um Grabmäler vor antisemitischer Schändung zu schützen. Und wir haben Fahrten mit Imamen, Rabbis und Regierungsvertretern unternommen.«

Weshalb hat das Motorrad seinen ikonischen Status bewahrt?

Selbstredend deshalb, weil es Freiheit symbolisiert. Es gibt da allerdings einige Widersprüche, vor allem was den Körper und das Gefährt angeht. Auch kleine Motorräder sind sehr schnell und stark, und die Person darauf ist ein rider (Reiter), kein Fahrer – wie bei einem Pferd. Das Motorrad zwingt einem extreme Verletzlichkeit auf, und das bei gleichzeitiger Kon­trolle und Kontrollverlust. Der Bruchteil einer Sekunde kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Alle Biker haben Geschichten parat, wie sie haarscharf einem tödlichen Unfall entkommen sind – oder einmal von einer Fahrt zurückkamen und darüber nachdachten, bei dieser nicht getötet worden zu sein. Ich dramatisiere nicht, denke aber, dass Biker, die diesen Aspekt nicht berücksichtigen, etwas auslassen. Interessanterweise gilt das auch für Bikerinnen. Jedenfalls erklärt das, warum das Motorrad so ikonisch geblieben ist und weshalb es immer noch Bikerclubs gibt.

Einen solchen haben Sie gegründet, dessen Präsident Sie derzeit sind: MuJu&Co. – der erste Bikerclub, der Juden und Muslime vereint. Wie kam das zustande?

Ein paar von uns kannten sich schon jahrelang, waren miteinander befreundet und fuhren gemeinsam aus. Und da manche von uns einen jüdischen oder einen muslimischen Hintergrund hatten, machte ich einmal – noch scherzhaft – den Vorschlag: Warum nicht den ersten jüdisch-muslimischen Bikerclub der Welt gründen? Und dann dachten wir alle: Das machen wir! Daraufhin wurde uns allerdings klar, dass es ein echter Club sein müsste, mit Abzeichen und allem Drum und Dran. Wir fragten herum und hatten in wenigen Tagen genügend Leute zusammen.

Was waren Ihre anfänglichen ­Ziele?

Wir waren von Anfang an bestrebt, die gewöhnliche Wahrnehmung von Muslimen und Juden als einander abgeneigten Gruppen herauszufordern. Sicher, es gibt die bekannten Konflikte und Probleme. Es gibt allerdings auch friedliche und respektvolle alltägliche Interaktion, gegenseitige Toleranz und Dialog, und zwar in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und im Privaten – und das wollten wir hervorheben. In Dänemark gibt es nur einige Tausend ­Juden, während es bei Muslimen ganz andere Zahlen sind – und die sind als religiös definierte Bevölkerungsgruppe auch recht divers. Für die Mitglieder unseres Clubs gilt das ebenfalls – auch was das Alter, die soziale Herkunft, die Familien und so weiter angeht. Ein Drittel unserer Mitglieder ist weder jüdisch noch muslimisch. Sie sind Atheisten oder sehen sich als kulturelle Christen.

Was Sie machen, scheint sehr konkret darin, wie Individuen zusammenzubringen sind.

Wahrscheinlich gibt es in Europa viel mehr Gruppen, die Menschen zusammenbringen, dafür aber nicht auf das Motorrad setzen. Vielleicht ist es andernorts auch viel formaler, was wir nicht sind. Außerdem erhalten wir aufgrund unseres Vorgehens Aufmerksamkeit – und bis zu einem gewissen Grad nutzen wir diese für unser Anliegen. Als internes und auch nach außen gut wahrnehmbares ­Signal dient unser Clubemblem, eine abgewandelte Hamsa – ein friedliches und spirituelles Symbol, das sowohl im Islam wie auch im Judentum anzutreffen ist. Wir haben das Auge darin gegen ein Rad ausgetauscht. Und es funktioniert!

Wie ging es dann weiter?

Wir sind noch immer ein junger Club, das war gerade mal die zweite Saison, in der wir Ausfahrten unternommen haben. Wir sind aber längst wie ein traditioneller Bikerclub or­ganisiert – mit einem Präsidenten, Vizepräsidenten und Road-Captain. Anfangs fragten wir noch herum, um mehr Leute zum Beitritt zu bewegen, aber wir wollen nicht aktiv rekrutieren. Nun fragen bei uns Leute für Mitgliedschaft an, dann laden wir sie gewöhnlich zu einer Fahrt ein und sehen weiter; andere interessieren sich nicht für einen Beitritt, sondern finden einfach, dass das eine gute Idee ist.

Um wen handelt es sich in sozialer Hinsicht bei Ihren Mitgliedern?

Es gibt da diesen leichten Widerspruch in unserem Club, in dem es ja darum geht, Muslime und Juden zusammenzubringen, während wir uns gegenseitig aber gar nicht so wahrnehmen, sondern als Individuen. Gegenwärtig haben wir auch noch keine weiblichen Mitglieder, es gibt aber mehrere Frauen, die öfters mit uns ausfahren und uns unterstützen. Hoffentlich stoßen in Zukunft noch Bikerinnen zu uns.

Wie steht es um politische Diversität?

In der Hinsicht sind wir wirklich ­divers, bei uns gibt es alles von sehr weit links bis liberal-konservativ. Einer von uns ist in der Stadt, in der er lebt, auf Gemeindeebene politisch aktiv – er ist Mitglied einer linksliberalen Partei.

Könnten Sie Ihre langfristigen Ziele definieren?

Alles, was mit Motorrädern zu tun hat, erfährt Aufmerksamkeit – und zu einem gewissen Grad wollen wir diese dafür nutzen, um auf Antisemitismus und auf Rassismus aufmerksam zu machen. Das Wichtigste für uns sind Dialog, das Bauen von Brücken, gegenseitige Toleranz, Frieden und Liebe. In gewisser Weise könnten wir Hippies sein – oder Hipster, die gealtert sind. Unser ältestes Mitglied ist übrigens 80 Jahre alt und fährt noch immer.

Was war das Erste, das Sie als Club unternommen haben?

Wir patrouillierten auf jüdischen Friedhöfen, um Grabmäler vor antisemitischer Schändung zu schützen. Und wir haben Fahrten mit Imamen, Rabbis und Regierungsvertretern unternommen, Diskussionen zum Thema jüdisch-muslimischer Be­ziehungen organisiert sowie gemeinsam Museen, Kirchen, Moscheen und Synagogen sowie muslimische und jüdische Friedhöfe besucht.

Wie haben Ihre jeweiligen Gemeinden reagiert?

Äußerst positiv. Nur wenige Personen auf der jüdischen wie auf der mus­limischen Seite zeigten sich zurückhaltend. Die meisten Gruppen, Untergruppierungen und Individuen schätzen wirklich sehr, was wir machen, und bieten uns Unterstützung an. Wir waren auch schon im Fern­sehen, im Radio und in den Zeitungen. Wir lösen Neugier aus, und Leute, die zum ersten Mal von uns hören, melden sich bei uns und wollen mehr erfahren.

Antisemitismus ist bekanntlich ein ernstes gesellschaftliches Problem. Hierauf reagieren Sie mit einer privaten Initiative, was unweigerlich Fragen aufwirft über die staatliche Bekämpfung des Antisemitismus.

So kann ich das nicht sagen. Die Polizei verwendet schließlich Abertausende Stunden darauf, für die Sicherheit jüdischer Einrichtungen in Dänemark zu sorgen. Sie ist sichtbar in diesem Land, und wir können ohne ihre Zustimmung auch nichts machen. Ich würde es eigentlich auch nicht eine private Initiative nennen wollen – wir würden beispielsweise keinen jüdischen Friedhof vor antisemitischer Beschädigung schützen, ohne vorher die Erlaubnis der jeweiligen jüdischen Gemeinde eingeholt zu haben. Ohne deren Zuspruch geht das nicht. Mit der Polizei verhält es sich genauso.

Was sind Ihre Hoffnungen, was das Zurückdrängen von Antisemitismus und Rassismus betrifft? Was sollte getan werden und wo – und denken Sie, dass MuJu & Co. ähnliche Initiativen motivieren kann?

Ich persönlich finde, das Wichtigste ist, aufzustehen und »den Anderen« zu verteidigen. Sich nur um seine eigenen Leute zu kümmern, wird nicht dafür sorgen, dass es besser wird. Das erscheint mir sowieso viel zu einfach und wird auch kaum oder gar keinen Einfluss auf breitere öffentliche Meinungsbildung haben. In ­unserem Fall stehen Juden gegen Rassismus auf, gegen die Diskriminierung von Muslimen, und diese umgekehrt gegen Antisemitismus. Wir halten das für eine wichtige Sache und hoffen darauf, dass das zu einer effektiven, wiewohl ausgesprochen alten Botschaft beiträgt: dass wir alle Menschen sind, voller Leidenschaft und Liebe, Wünsche und Hoffnungen. Wir alle sehnen uns nach einer besseren Welt.

Möchten Sie als Club also auch wachsen und politischen Einfluss nehmen?

Ja, in Maßen. 2022 wollen wir am Folkemødet teilnehmen, einer politischen Zusammenkunft in Bornholm, an der Parteien, NGOs, Hochschulen und so weiter teilnehmen, um über mehrere Tage hinweg gesellschaftspolitische Belange zu diskutieren. Uns geht es um die friedlichen Beziehungen zwischen Minderheiten in Dänemark und um deren Beziehungen zur Mehrheit im Land. Und bis dahin zeigen wir, so oft es geht, unser Abzeichen – in der Hoffnung, dass es den Leuten klarmacht, dass wir keine Monster, sondern Biker sind und Menschen wie alle anderen auch.